Fussball
Weil viele Stars fehlen: Kampf um die EM-Plätze im Frauen-Nationalteam ist eröffnet

Das Frauen-Nationalteam bereitet sich in einem Trainingslager in Marbella fast ohne Stars auf die kommenden Aufgaben vor.

Raphael Gutzwiller
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Der Schweizer Nationaltrainer Nils Nielsen kann im Trainingslager nur auf wenige Stars zählen.

Der Schweizer Nationaltrainer Nils Nielsen kann im Trainingslager nur auf wenige Stars zählen.

SFV

Nils Nielsen hat sich das alles ein bisschen anders vorgestellt. Im Trainingslager in Marbella wollte der Nationaltrainer vor allem taktische Dinge anschauen. Er wollte an Details arbeiten, um zu verbessern, was in der WM-Qualifikation schon so gut funktioniert hat. «Doch dazu fehlen mir zu viele Spielerinnen», sagt Nielsen. Mit Lia Wälti, Ana-Maria Crnogorcevic, Riola Xhemaili, Svenja Fölmli, Luana Bühler oder Coumba Sow sind mehrere Stammspielerinnen entweder verletzt, werden wegen Überbelastung geschont – oder fallen wegen positiven Coronatests aus.

Und so verkommt dieses Trainingslager mit den beiden Testspielen gegen Nordirland und Österreich, das man in einer solchen Form vor allem vom Klubfussball kennt, zu einem Teambildungs- und Sichtungscamp. Nielsen sagt: «Nun können sich andere Spielerinnen präsentieren. Wenn sie ihre Chancen nützen, sehen wir vielleicht die eine oder andere Neue beim nächsten Spiel plötzlich in der Startelf.»

Eva Bachmanns grosse Möglichkeit

Ist erstmals in der Nati mit dabei: Eva Bachmann.

Ist erstmals in der Nati mit dabei: Eva Bachmann.

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Eine Spielerin, die ihre Chance nutzen möchte, ist Eva Bachmann vom FC St. Gallen-Staad. Die Flügelspielerin ist mit 27 Jahren erstmals im Kreis der Nationalmannschaft dabei, hat sich durch gute und konstante Leistungen in der Super League das Aufgebot verdient. «Ich freue mich sehr, hier dabei zu sein», erzählt Bachmann, die trotz häufiger Vergleiche nicht mit Ramona Bachmann verwandt ist. «Es fühlt sich gut an, hier dabei zu sein, wir konnten bisher schon viel lachen und gut trainieren», sagt Eva Bachmann.

Das Ziel sich in den Trainings und den Testspielen gegen Nordirland und Österreich sogleich in den Fokus im Hinblick in das EM-Kader zu spielen, habe sie sich nicht gestellt. «Für mich ist dieses Aufgebot eine Chance, zu sehen, wo ich stehe und woran ich noch arbeiten kann, um mich zu verbessern.»

Spricht zu vielen neuen Spielerinnen: Nils Nielsen.

Spricht zu vielen neuen Spielerinnen: Nils Nielsen.

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Neben Bachmann gibt es weitere international noch eher unerfahrene Spielerinnen im Nati-Aufgebot: Zum ersten Mal dabei ist etwa Serena Li Puma (ebenfalls St. Gallen-Staad), Ella Touon (Essen) kommt bisher auf ein Länderspiel, Sally Julini (Guingamp) und Stefanie da Eira (Betis Sevilla) auf deren drei.

Eine eigentlich routiniertere Spielerin kann derweil ebenfalls fast als Neuling gezählt werden. Nach ihrem Kreuzbandriss im März 2021 ist Géraldine Reuteler erstmals wieder dabei. Wenn Nielsen von ihr spricht, strahlt er: «Manchmal vergisst man fast, wie gut eine Spielerin ist. Géraldine macht uns nochmals besser.» Die Spielerin von Eintracht Frankfurt ist aber noch nicht bei 100 Prozent und wird bei den Testspielen noch nicht eingesetzt.

Die Wiederholung des dänischen Märchens von 2017?

Diese Tatsache zeigt, dass das Trainingslager auch dazu da ist, den Teamgeist weiter zu verbessern. Gerade im Hinblick auf die EM kann dieser entscheidend sein. Um die Gruppe mit den beiden Schwergewichte Schweden und Niederlande zu überstehen, braucht es beinahe ein Wunder. Nielsen hat schon einmal ein ähnliches Märchen geschrieben, als er Dänemark 2017 in den EM-Final führte. «Damals haben wir jeden Tag das Ziel gehabt, das Glück auf unsere Seite zu bringen.»

Das möchte er auch mit der Schweiz schaffen: «Wir können nicht kopieren, was mit Dänemark geschehen ist, aber versuchen den Schweizer Weg zu gehen. Wir müssen mutig sein, immer versuchen etwas zu kreieren», sagt er. Die Spielerinnen müssten aber auch verstehen, dass man ein Spiel nicht dominieren müsse, um es zu gewinnen. «Wenn man defensiv gut steht, reichen wenige Aktionen für eine Überraschung.»

Freut sich schon jetzt auf die EM-Endrunde: Eseosa Aigbogun.

Freut sich schon jetzt auf die EM-Endrunde: Eseosa Aigbogun.

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Von einer Überraschung träumt auch Eseosa Aigbogun. Die 28-jährige Aussenverteidigerin strahlt, wenn sie an das kommende Turnier denkt. «Das Kribbeln ist schon jetzt da, wenn ich mir vorstelle, an dieser Endrunde gegen diese Gegner zu spielen», sagt sie, die schon zweimal an einem grossen Turnier spielte: Die WM 2015, die EM 2017.

Die Erfahrung dieser Teilnahmen möchte sie nun ihren jüngeren Mitspielerinnen vermitteln. «Ich erzähle ihnen davon, welch unglaubliches Gefühl es ist, an so einem Turnier dabei zu sein», sagt sie. Doch egal, wie gross die Vorfreude auf die EM schon sei, der Fokus liegt laut Aigbogun auf den Testspielen und der WM-Qualifikation: «Wir haben den Kopf beim nächsten Spiel. Die EM kann aber eine zusätzliche Motivation für uns sein.»

Auch Nils Nielsen sagt, der Fokus liege zunächst auf der WM-Qualifikation. «Die Spielerinnen können selber rechnen. Wir haben nur 23 Plätze für die Europameisterschaft. Qualifizieren wir uns auch für die WM-Endrunde, steigen die Chancen an einem Turnier dabei zu sein», sagt Nielsen. Doch der Kampf um die Plätze für England ist bereits eröffnet.