Formel 1
Wie Ferraris Hoffnungsträger Charles Leclerc den Tod seines Vaters sowie seines Freunds und Mentors verkraftet

Der 24-Jährige Formel-1-Pilot Charles Leclerc hat in dieser Saison erstmals die Möglichkeit, ganz vorne mitzufahren. Mit einem Sieg und einem zweiten Platz ist er momentan Spitzenreiter der Fahrerwertung. Doch sein Werdegang war bislang von etlichen Rückschlägen geprägt.

Pascal Däscher
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Charles Leclerc freut sich über den ersten Saisonsieg beim Grand Prix von Bahrain, seinem ersten Triumph seit 2019.

Charles Leclerc freut sich über den ersten Saisonsieg beim Grand Prix von Bahrain, seinem ersten Triumph seit 2019.

Ali Haider / EPA

Charles Leclerc, seit drei Jahren Formel-1-Rennfahrer bei Ferrari, meldet sich beim Saisonstart in Bahrain eine Runde vor Rennende bei seiner Boxen-Crew: «Mit dem Motor stimmt etwas nicht». Für einen kurzen Moment macht sich bei Ferrari Panik breit, denn Leclerc steht kurz vor seinem ersten GP-Sieg seit 2019. Nach dem Rennen sagt der 24-jährige Monegasse: «Ich bin sicher, die Ingenieure haben fast einen Herzinfarkt bekommen!». Natürlich war alles in Ordnung mit dem Motor, Leclerc hatte sich zur Feier des Tages einen Spass erlaubt.

Leclercs Karriere stand zwischenzeitlich auf dünnem Eis

Charles Leclerc stammt aus Monaco, wo bekanntlich die Schönen und Reichen leben. Doch der 24-Jährige wuchs mit seinen zwei Brüdern in einfachen Verhältnissen auf, wie der Monegasse stets betont. Seine Mutter ist gelernte Friseuse, sein Vater war Rennfahrer in der Formel 3. Der Betrieb seiner Grosseltern war zudem in finanzielle Schieflage geraten, sodass die Karriere von Charles Leclerc bereits im frühen Teenageralter gefährdet war.

Mit 13 Jahren kam Leclerc zu «All Road Management», einer Agentur die seit 2003 Talente scoutet, um diese an die Spitze des Motorsports zu bringen. Für Leclerc war dieses Engagement die Rettung, da er nun auch finanziell abgesichert war. Im Motorsport reicht Talent allein meist nicht aus.

Vater Hervé brachte Charles zum Motorsport

Bereits im Alter von vier Jahren begann Leclerc mit dem Kartsport. 2005 fuhr er seine erste Saison und gewann bis 2013 diverse Titel. Er wurde von seinem Vater Hervé gefördert, der in der Formel 3 Rennen fuhr. «Durch meinen Vater kam ich zum Motorsport, ich weiss also nicht, ob ich ohne ihn der wäre, der ich heute bin», sagt Charles Leclerc. Seine bisher grössten Erfolge errang der 24-Jährige 2016 mit dem Gewinn der Formel 3 und ein Jahr später mit dem WM-Titel in der Formel 2.

Als Folge seines rasanten Aufstiegs trat Leclerc 2016 in die «Ferrari Driver Academy» ein, wo er als Testfahrer seine ersten Erfahrungen in der Formel 1 sammeln konnte. Die Karriere des Monegassen als Stammfahrer begann 2018 bei Alfa-Sauber, wo er auf Anhieb überzeugte. Frédéric Vasseur, Teamchef bei Alfa-Sauber, sagte einst über Leclerc: «Charles hat die Qualitäten, um ein echter Anführer in einem Team zu sein. Ich würde gerne sehen, wie sich sein Talent entfaltet.» Nach nur einem Jahr bei Alfa-Sauber wechselte Leclerc zu Ferrari. Mit 22 Jahren wurde er zum zweitjüngsten Fahrer in der Geschichte des italienischen Rennstalls.

Charles Leclerc fuhr in seiner ersten Formel-1-Saison als Stammfahrer bei Alfa-Sauber.

Charles Leclerc fuhr in seiner ersten Formel-1-Saison als Stammfahrer bei Alfa-Sauber.

Diego Azubel / EPA

Leclercs Reise begann in Brignoles

Seine allerersten Erfahrungen im Motorsport sammelte Leclerc auf der Kart-Rennstrecke von Brignoles, etwa 150 km von seiner Heimat Monaco entfernt. Betrieben wurde die Kartbahn von Philippe Bianchi, dem Vater des ehemaligen Formel-1-Rennfahrers Jules Bianchi. Es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Familien. Hervé Leclerc liess seinen Sohn gar einige Schultage ausfallen, damit er mit Jules Bianchi, der acht Jahre älter war, trainieren konnte. Jules wurde sein sportlicher Mentor und Freund.

Leclercs Leben von Schicksalsschlägen geprägt

Tragischerweise wurde der Freundschaft zwischen Jules Bianchi und Charles Leclerc jäh ein Ende gesetzt. 2014 verunglückte der damalige Marussia-­Fahrer Jules Bianchi beim GP von Japan so schwer, dass er ein Jahr später an den Folgen des Unfalls verstarb. Wie Leclerc galt auch Bianchi als grosses Talent, sein Freund und Mentor war mit 25 Jahren viel zu früh aus dem Leben geschieden.

Drei Jahre später starb Charles Vater Hervé, der nur 54 Jahre alt wurde. Nun war auch sein grösstes Vorbild weg. Damals war Leclerc gerade einmal 19 Jahre alt. In seinem ersten Rennen nach dem Tod seines Vaters weinte Leclerc auf dem Podium bittere Tränen. «Ich wünschte, er wäre bei jedem wichtigen Schritt in meiner Karriere dabei gewesen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er mich sieht», sagte Leclerc zwei Jahre später.

Charles Leclerc musste bereits früh den Tod seines Freunds und Mentors Jules Bianchi (Bild) verkraften.

Charles Leclerc musste bereits früh den Tod seines Freunds und Mentors Jules Bianchi (Bild) verkraften.

Valdrin Xhemaj / EPA

2019 starb dann sein langjähriger Freund Anthoine Hubert, der im August bei einem Formel-2-Rennen in Belgien tödlich verunglückte. Es war gleichzeitig der Beginn von Leclercs (kurzer) Siegesserie. Einen Tag nach Huberts Tod siegte Leclerc erstmals in der Formel 1. Selbstverständlich widmete er den Sieg seinem verstorbenen Freund.

Im darauffolgenden Rennen in Monza wurde Leclerc dann endgültig zum Ferrari-Helden, als er seinen zweiten Sieg in Serie eingefahren konnte. Am Ende der Saison resultierten zwei Siege und zehn Podiumsplätze, und das in seiner ersten Saison bei Ferrari. Seine Leistungen brachten ihm eine Vertragsverlängerung bis 2024.

Charles Leclerc feierte beim Heim-GP in Monza im September 2019 seinen zweiten Formel-1-Sieg seiner Karriere.

Charles Leclerc feierte beim Heim-GP in Monza im September 2019 seinen zweiten Formel-1-Sieg seiner Karriere.

Luca Bruno / AP

Der Monegasse ist Ferraris neuer Hoffnungsträger

Obwohl Leclerc bereits einige Schicksalsschläge verkraften musste, wirkt der junge Monegasse fröhlich und bodenständig. Er verkörpert eine Mischung aus Lockerheit und unbändigem Ehrgeiz. Leclerc sagt: «Ich versuche, ehrlich zu den Leuten zu sein, mit denen ich zusammenarbeite, und mich gut mit ihnen zu verstehen.» In seiner Freizeit entspannt er sich mit Klavierspielen.

Charles Leclerc hat das Potenzial, ein Superstar zu werden und um Weltmeistertitel zu fahren. Er gilt in Italien als der grosse Hoffnungsträger. Doch das muss er erst noch beweisen. In seiner bereits vierten Saison als Stammfahrer bei Ferrari muss der 24-jährige endlich liefern. 2020 und 2021 fuhr Leclerc keinen Sieg ein. Nun ist es an der Zeit, Ferrari zum Glanz früherer Tage zu verhelfen. Mit einem Sieg und einem zweiten Platz ist die Basis schon mal gelegt, um am Saisonende ganz oben zu stehen.

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