Australian Open
Federer und Wawrinka kämpfen um die Gunst der Fans: Das Duell vor dem Duell

Am Donnerstag werden Federer und Wawrinka auf dem Hartplatz in Melbourne um den Finaleinzug spielen. Im Vorfeld des Halbfinals versuchen beide, im Medienrummel eine gute Figur zu machen.

Petra Philippsen
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Alle wollen eine Unterschrift von «King Roger».

Alle wollen eine Unterschrift von «King Roger».

Keystone

Der australische Fernsehsender Channel 7 hat sich in diesem Jahr für seine Berichterstattung der Australian Open etwas Neues einfallen lassen: die «Federer Kamera». Wo immer der 17-malige Grand-Slam-Champion im Melbourne Park auftaucht, wird bei der Übertragung sofort im Split-Screen in einem Extra-Fenster zu Federer geschaltet.

So sieht man ihn bei der Ankunft auf der Anlage, beim Warmmachen in den Katakomben der Rod-Laver-Arena und wenn er zum Training kommt. Sofort wird dann auch auf der grossen Videowand im Garden Square und der grossen Vergnügungsspielwiese Oval auf die «Federer Kamera» umgeschaltet. Dabei lief gerade der Viertelfinal zwischen Coco Vandeweghe und Garbine Muguruza.

Aber was soll’s, die Massen wollten ja schliesslich «Roger, Roger!» sehen. Selbst, wenn er sich nur ein bisschen einschlägt, für seinen Viertelfinal gegen Mischa Zverev am Abend. Alle Übrigen konnten sich via Facebook live mitanschauen, wie Federer mit Severin Lüthi und Ivan Ljubicic ein bisschen aufschlug, ein paar Vorhände und ein paar Rückhände übte. Ganz locker, ganz entspannt. Und wie er dann sechs Stunden später im Viertelfinal genauso locker mit 6:1, 7:5 und 6:2 gewann.

Der harte Weg zum Topspieler

Zverev hatte in seinem Retro-Stil, dem Serve-and-Volley-Modus, Federer nicht viel anhaben können. Der Hamburger nahm es aber mit Humor. «Ich hatte zumindest einen sehr guten Sitzplatz, von dem ich sehen konnte, wie Roger spielt», meinte Zverev, «und teilweise gab es Momente im Match, in denen ich dachte: ‹Das kann nur Roger machen.› Die Sache hatte bloss einen Haken: «Leider war ich derjenige auf der anderen Seite des Netzes und musste das miterleben.»

Unter anderen Umständen hätte man dem sympathischen Zverev einen weiteren Coup bei seinem furiosen Lauf in Melbourne gegönnt, doch schliesslich fieberte die Schweiz ja dem nächsten grossen Duell zwischen Federer und Wawrinka entgegen.

Es wird ihr 22. Schlagabtausch und der zweite in einem Grand-Slam-Halbfinal. Am US Open 2014 gewann Federer damals glatt. Doch seither hat der Lausanner seine dritte Major-Trophäe gewonnen und sich noch mehr zum Topspieler gemausert. Es ist längst sich mehr das Duell zwischen Lehrling und Meister.

«Ich bin viel selbstbewusster geworden», betont Wawrinka, «wenn ich den Platz betrete, dann spielt es keine Rolle, gegen wen ich spiele – ich weiss, was ich tun muss, um zu gewinnen.» Gegen Federer allerdings sei das ein bisschen anders, fügt er hinzu: «Roger ist so gut, der hat auf alles eine Antwort.»

«Stan the man» bei seinen Fans.

«Stan the man» bei seinen Fans.

Keystone

Und das trifft auch auf die Pressekonferenzen zu. Wenn Federer eloquent in drei Sprachen fliessend parliert, dann lauschen Journalisten aus aller Welt. Was Federer sagt, hat Gewicht. Und oft geht es amüsant zu.

Federer ist von seinem starken Comeback selbst so überrascht, dass er völlig gelöst wirkt. «Ich denke, ich mache es jetzt immer so: Ein Turnier spielen und dann wieder sechs Monate Pause», scherzte er. Er weiss, wie das Spiel funktioniert. Und meistens macht er den Stich.

Wawrinka tut sich dagegen oft schwer, etwas zu sagen, das über die üblichen, sicheren Standards hinausgeht. Er müht sich im Englischen, doch in den ersten Runden interessierte sich die internationale Presse ohnehin nicht für ihn.

Das kennt er von anderen Grand Slams. Nach seinem Viertelfinalsieg über Jo-Wilfried Tsonga war der Konferenzraum voller. Allerdings angetrieben von der Sensationslust der Journalisten. Schliesslich hatten sich Wawrinka und Tsonga nach dem ersten Satz beim Seitenwechsel angebellt.

Er hatte es souverän gelöst, genau wie vorher auf dem Platz. Selbst die Verbalattacke des Franzosen hatte ihn nicht verunsichert. Alle Spannung und Anspannung hatte Wawrinka ausgehalten, und natürlich tippte er sich nach dem Matchball wieder mit dem Zeigefinger an die Schläfe: Sein Kopf hatte dieses Match entschieden. Das war stark. Aber Wawrinka ist einer, den lange nicht wahrgenommen wird, jedoch von Runde zu Runde stärker wird.

Nun ist er da, das «Stanimal», wie Federer ihn getauft hat. «Ich bin froh, dass Stan so weit gekommen ist», meinte der Baselbieter, «aber ich finde, er braucht jetzt nicht noch einen Schritt weiter zu gehen. Es reicht ...»

Natürlich scherzte er dabei, denn die Interviews mit Jim Courier sind genauso seine Bühne, wie der Tenniscourt. Hier brilliert Federer. Plaudert darüber, dass er vorab nie damit gerechnet habe, den Halbfinal zu spielen und dann auch noch gegen Stan. Und von welcher Traumauslosung sei da bei ihm immer gesprochen worden? Habe er da was nicht mitgekriegt?

Die Zuschauer standen kurz vor der Ekstase. Federer könnte ihnen auch aus dem Telefonbuch vorlesen, es hätte den gleichen Effekt. Dann erzählt er auch noch von seinen Töchtern, denen es so gut gefällt in Australien. «Sie sagten zu mir: ‹Bitte Daddy, verliere nicht. Wir möchten gerne noch länger hierbleiben.›»

Der Knoten ist geplatzt

Dieses Charme-Duell mit Federer kann Wawrinka nicht gewinnen, aber er hat mächtig aufgeholt. Locker und amüsant punktete er bei den Zuschauern, und neckte Courier gleich mit dem Seitenhieb; «Mensch, schön, dich zu sehen – das passiert ja schliesslich nur, wenn ich gewinne.» Die Pointe sass wie ein Winner mit seiner einhändigen Rückhand.

Was denn das Tape an seinem rechten Knie solle? «Na ja, dann habe ich eine Entschuldigung, falls ich verlieren sollte», scherzte Wawrinka. Die nächsten Lacher. «Das Match gegen Roger wird schwer», sagt er, «vor allem wird es wohl schwer, ein paar Fans auf meine Seite zu bringen ...» Wieder Lacher. Plötzlich ist Wawrinka in seinem Element. Selbstbewusst, kess.

Er weiss genau, dass er sich stark gespielt hat. Dass er jetzt auf einem Niveau angekommen ist, auf dem er Federer Paroli bieten – ihn schlagen kann. Er überlässt Federer gerne die Favoritenrolle. Sollen sie doch alle an seinen Lippen hängen, sein Comeback bejubeln. Wawrinka ist es sowieso am liebsten, wenn keiner mit ihm rechnet.