EM-Kolumne
Plötzlich kommen Erinnerungen auf an die ersten – natürlich unerfüllten – romantischen Gefühle in der Jugend

Die Hitze in Rom ist unerträglich? Im Gegenteil! Auch wenn das die Einheimischen nicht wirklich verstehen können. Ihr «Mister Ravioli» schreibt und liest indes auch bei 36 Grad gerne draussen.

Etienne Wuillemin aus Rom
Etienne Wuillemin aus Rom
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«36 Grad und es wird noch heisser». Hier in Rom denke ich gerade ziemlich oft an die Zeilen dieses wunderbaren Songs von «2Raumwohnung». Was wie der Beginn einer Klageschrift tönt, ist das komplette Gegenteil. Ich liebe die Hitze. Für viele ist das wohl so unverständlich wie mein Musik-Geschmack (die Vorfreude auf die erste Nach-­Corona-Schlagerparty steigt).

Die lieben Leute in meinem Hotel können nicht verstehen, wie ich auch mitten am Tag noch draussen schreibe oder in meinem Buch lese. Dabei liegt die Lounge ja im Schatten. «Tutto a posto?», fragt Giulio. Er nennt mich «Mister Ravioli», weil ich mich noch immer nicht durchgerungen habe, beim Mittagessen mal abzuwechseln. Zugegeben, das mit dem «Buch lesen» ist etwas hoch gegriffen. Es ist zwar grossartig («die Analphabetin, die rechnen konnte»), aber viel mehr als ein paar Seiten habe ich noch nicht geschafft. Zu hektisch ist der EM-Alltag. Umso schöner sind die Momente der Ruhe, auf dem Heimweg nach dem Abendessen zum Beispiel.

Blick auf die spanische Treppe von Rom: Fotos für ein Brautpaar erlaubt. Sitzenbleiben nicht.

Blick auf die spanische Treppe von Rom: Fotos für ein Brautpaar erlaubt. Sitzenbleiben nicht.

Etienne Wuillemin

Der E-Scooter ist dabei mein treuster Begleiter. Er führt mich durch die laue Sommernacht. An der spanischen Treppe kommen Erinnerungen an die erste Auslandreise als Jugendlicher hoch. An die Führungen des grossartigen Lehrerduos Kleinhenz & Haueter, ans erste Bier, an die ersten romantischen Gefühle, die natürlich unerfüllt blieben. Ich kaufe beim Lädeli des Vertrauens ein Sentimentalitäts-Bier, diesmal habe ich im Gegensatz zu früher einen Flaschenöffner dabei. Auf der Treppe intoniert einer «Notte magica» von Gianna Nannini.

Etienne Wuillemin

Nur die Polizistinnen erinnern einen freundlich daran, dass die Pandemie noch nicht vorüber und es deshalb verboten ist, sich zu setzen.

Dann eben wieder nach Hause, jetzt zu Fuss, dass auf dem Rückweg noch ein Gelato drinliegt. Muss ich geniessen. Schliesslich geht die Reise bald weiter. Möge es auch in Bukarest heiss sein.