Ist alles, was in den letzten Monaten gesagt, geschrieben und gesendet worden ist, doch nicht wahr? Wir neigen dazu, Klischees zu verwenden. Also abgenutzte Redensarten. Dazu gehören bei einer Auseinandersetzung zwischen Zug und Bern etwa folgende Analysen:

  • Mit Tobias Stephan ist es nicht möglich, eine Meisterschaft zu gewinnen.
  • In den Playoffs tanzt Lino Martschini nicht mehr.
  • Der SCB ist unter Kari Jalonen eine Hockeymaschine, die unerbittlich zum Sieg rollt.

Ach, wie aufregend war es, als wir nach dem ersten Finalspiel sagen konnten: eine neue Zeit ist angebrochen. Vergesst die Klischees. Die Zuger siegten 4:1. Tanzmaus Lino Martschini wirbelte zu zwei Assists. Torhüter Tobias Stephan war besser als Leonardo Genoni. Das alte Bern geht unter und in Zug entsteht eine neue Hockeydynastie. Das war am letzten Donnerstag. Vor fünf Tagen.

Und jetzt ist auf einmal wieder alles so, wie es schon immer war. Bereits in der 13. Minute versenkt SCB-Vorkämpfer Tristan Scherwey den Puck zum 3:1. Noch bevor auch nur 20 Minuten gespielt sind gelten die abgedroschenen Klischees wieder.

  • Mit Tobias Stephan ist es nicht möglich, eine Meisterschaft zu gewinnen.
  • In den Playoffs tanzt Lino Martschini nicht mehr.
  • Der SCB ist unter Kari Jalonen eine perfekte Hockeymaschine, die unerbittlich zum Sieg rollt.

Die zwei ersten SCB-Treffer sind haltbar. Lino Martschini tanzt nicht mehr und vergibt eine goldene Chance zum 2:2. Und die SCB-Maschine rollt unaufhaltsam dem Sieg entgegen.
Die Zuger kommen nie ins Spiel. Dabei sind die Hockeygötter gnädig. Leonardo Genoni wird von Carl Klingberg zum 1:1 überlistet (7.). Der Treffer kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Nach gängigen Klischees ein Tor, das den SCB aus dem Tritt bringen und den EV Zug beflügeln müsste. Aber nichts passiert. Die SCB-Maschine stottert nicht einmal. Sie läuft einfach weiter. Nicht einmal sechs Minuten später steht es 3:1. Aus. Vorbei. Es braucht nur noch einen gewöhnlichen SCB, um fortan das Spiel zu kontrollieren.

Wie ist dieser Untergang möglich? Wie kann es sein, dass alles, was wir im Laufe dieser Playoffs gehört, gesehen und gelesen haben – Zug ist meisterlich und hat viel mehr Energie, dem SCB wird die stärkere Beanspruchung im Viertel- und Halbfinale zum Verhängnis – nicht wie ein Irrtum klingt?

Selbstüberschätzende Zuger

Es gibt zwei Punkte. Der eine ist tröstlich für Zug. Der andere hingegen nicht. Der Tröstliche: Es war «nur» dieses eine Spiel. Bereits morgen Donnerstag bekommen die Zuger eine neue Chance. Wir sollten uns hüten, eine Mannschaft aufgrund einer Niederlage bereits abzuschreiben.

Der zweite Punkt ist weniger erfreulich. Die Zuger haben sich nach dem 4:1-Sieg in Bern überschätzt. Eine gewagte Behauptung. Aber es gibt eine Episode, die sie untermauert. Sie spielt im Zuger Hockeytempel am letzten Samstag. Eine Stunde vor der zweiten Partie. Ein freundlicher Chronist plaudert mit einem Mitglied des inneren EVZ-Führungszirkels mit Zugang zur Kabine und Vertrauensverhältnis mit Cheftrainer Dan Tangnes.

Was denkst Du, wer gewinnt heute Abend? Wer gewinnt die Meisterschaft? Der Zuger, der sicherlich seinen Namen nicht hier lesen möchte, sagt mit heiliger Überzeugung, der Final werde 4:0 enden. 4:0? Nicht möglich! Der Gegner ist der SCB! Doch, doch, wir sind so viel besser. Mit Glück kann der SCB eine Partie gewinnen. Nichts ist in den Zeiten der Playoffs gefährlicher als Selbstüberschätzung.

Der SCB hat nun zweimal gewonnen. Schaffen die Zuger die Wende und gewinnen den Playoff-Final mit 4:2 Siegen, dann werden wir diese Episode noch einmal aufwärmen. Als Beispiel für das neue, gesunde, meisterliche Selbstvertrauen, das unter EVZ-Trainer Dan Tangnes Einzug gehalten hat.