Eishockey
«In Montreal habe ich zweieinhalb schöne Jahre erlebt.»

Letztes Jahr musste sich Raphael Diaz bis kurz vor dem Start der NHL-Saison gedulden, ehe er einen Vertrag bei den Calgary Flames erhielt. In diesem Jahr war es bereits am 1. Juli so weit. Die New York Rangers sicherten sich die Dienste des Zugers.

Marcel Kuchta
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Bereit für den Höhenflug: Raphael Diaz gehört zusammen mit den Schweizer NHL-Spielern Reto Berra, Jonas Hiller, Roman Josi, Nino Niederreiter, Luca Sbisa, Mark Streit und Yannick Weber zum Breitling Transatlantic Flyers Club.ho

Bereit für den Höhenflug: Raphael Diaz gehört zusammen mit den Schweizer NHL-Spielern Reto Berra, Jonas Hiller, Roman Josi, Nino Niederreiter, Luca Sbisa, Mark Streit und Yannick Weber zum Breitling Transatlantic Flyers Club.ho

Xavier Voirol

Raphael Diaz, ich nehme an, dass Sie heuer einen wesentlich entspannteren Sommer erlebt haben im Vergleich zum Vorjahr.

Raphael Diaz: Es war natürlich schön, gleich am 1. Juli einen neuen Vertrag unterschreiben zu können. Letztes Jahr war es mühsam. Ich wusste lange Zeit nicht, wo ich am Ende landen würde. Es ging zwar letztlich alles auf, aber diesmal konnte ich den Sommer deutlich besser geniessen.

Wieso hat es diesmal blitzartig geklappt?

Gute Frage (lacht). Ich habe ehrlich gesagt auch keine Ahnung. Die Rangers haben meinen Agenten unmittelbar nach der Eröffnung des Transfermarkts kontaktiert und ihr Interesse bekundet. Ich erhielt einen Anruf und hörte: «Die Rangers wollen dich, du kannst unterschreiben.»

Eine Überraschung war es auf jeden Fall. Sie konnten ja in der vergangenen Saison bei Calgary nur sehr beschränkt auf sich aufmerksam machen.

Ich kam zwar auf meine 60 Spiele, erhielt aber oft nur wenig Eiszeit. So war es schwierig, Werbung in eigener Sache zu betreiben. Auf der anderen Seite war der Erfolg, den wir mit den Flames hatten, umso wertvoller. Ich war Teil einer Mannschaft, der von den Experten Anfang Saison keinerlei Erfolgschancen eingeräumt worden war, die aber dann eine sensationelle Saison hinlegte. Wir haben uns nicht nur für die Playoffs qualifiziert, sondern haben dort auch noch eine Runde überstanden. Das hat enorm Spass gemacht.

Wie konnte diese Dynamik entstehen?

Es hat einfach alles gepasst. Einzelne Spieler stachen im richtigen Moment heraus. Der Teamgeist war generell herausragend. Die Mischung aus Routiniers, mittelalterlichen Spielern wie mir und ganz jungen Leuten hat gestimmt.

Trotzdem: Ist es mental nicht schwierig zu verkraften, wenn man – wie Sie in Calgary – immer wieder zuschauen muss?

Doch schon. Man plant halt nur noch von Tag zu Tag, von Training zu Training, freut sich über eine gelungene Trainingseinheit. Das Einzige, was zählt, ist, dass man im Moment lebt. Es hilft nichts, zu weit nach hinten zu blicken, aber auch nicht, zu weit voraus. Sowieso ist in der NHL alles so schnelllebig. Man weiss wirklich nie, was passieren wird.

Gab es nie Momente, in denen Sie verzweifelt waren?

Verzweifelt nicht. Man ist mehr enttäuscht. Es gibt schliesslich nichts Schöneres, als zu spielen. Da kommt es schon vor, dass man ein wenig die Freude verliert. Aber auch das ist jeden Tag wieder anders.

Was hat Ihnen bisher gefehlt, um in der NHL mal wirklich unumstrittener Stammspieler zu werden?

In Montreal habe ich ja zweieinhalb schöne Jahre erlebt.

Aber letztlich wurden Sie auch dort gegen einen anderen Spieler getauscht.

Das ist halt so in diesem Business. Wenn du mal transferiert wirst, dann musst du am neuen Ort wieder von vorne anfangen. Man muss sich an die neuen Verhältnisse gewöhnen, muss sich einleben. Das ist nicht immer einfach.

Sie könnten sich in der Schweiz als einer der besten Verteidiger vergolden lassen. Wieso wählen Sie nun trotzdem wieder den «unbequemen» Weg in der NHL – zu vergleichsweise «bescheidenen» Konditionen?

Die NHL ist die beste Liga der Welt. Wenn man sieht, welchen Stellenwert der Sport in Nordamerika hat, dann weiss man, dass man dort spielen will. In diesen tollen Stadien, die mit 20 000 Zuschauern ausverkauft sind. Das Spielfeld ist klein, das Tempo der Spiele umso höher. Als Sportler will ich das unbedingt erleben. Diesen Ehrgeiz habe ich. Zumal ich mit 29 auch noch in einem guten Alter bin. Mit 35 würde ich mich vielleicht anders entscheiden.

Wie sehen Ihre Perspektiven bei den Rangers aus?

Ich mache mir keine Illusionen: Ich werde sicher um meinen Platz im Team kämpfen müssen. Das hat man mir auch so mitgeteilt. Deshalb muss ich mich gut vorbereiten und versuchen, mich mit guten Leistungen im Vorsaison-Camp für höhere Aufgaben zu empfehlen.

Sie gelten als Allrounder, der in allen Situationen einsetzbar ist. Haben Sie nicht das Gefühl, dass Ihnen diese Rolle oft ein wenig zum Verhängnis wird, weil Sie gerne als Lückenbüsser eingesetzt werden, Ihre eigentlichen Stärken aber gar nicht ausspielen können?

Es hat durchaus seine Vorteile, überall einsetzbar zu sein. Wichtig ist primär, dass man überhaupt zum Einsatz kommt. Es ist aber schon so, dass einem nur wenig Zeit gegeben wird, sich an eine Rolle zu gewöhnen. Man muss einfach jeden Abend seine Leistung abliefern. Wenn man das nicht schafft, ist schon der nächste Spieler bereit.

Wo können Sie sich noch verbessern?

Ein Ziel ist es sicher, mehr zu schiessen. Das macht zum Beispiel Mark Streit hervorragend.

Der spielt – im Gegensatz zu Ihnen - aber auch regelmässig im Powerplay.

Ja, diese Rolle hat er sich erarbeitet.

Ist Streit ein Vorbild für Sie? Eure Biografien weisen gewisse Ähnlichkeiten auf. Er schaffte nach ein paar Jahren den Durchbruch und somit den Schritt zum unumstrittenen NHL-Spieler.

Ja, auch für ihn war es am Anfang nicht einfach. Als er sich in Montreal seine Position im Powerplay erkämpft hatte, nutzte er die Chance und sammelte viele Skorerpunkte. Dann unterschrieb er diesen gut dotierten Vertrag bei den New York Islanders. Und wenn Du mal so viel verdienst und regelmässig Skorerpunkte machst, dann erhältst Du auch automatisch mehr Verantwortung.

Man hat von aussen oft das Gefühl, dass in der NHL die Typen mehr wahrgenommen werden, die etwas lauter sind, die spektakulär sind, generell mehr Lärm machen. Müssten Sie als eher zurückhaltender Typ da nicht auch noch etwas mehr in die Waagschale werfen?

Nein, überhaupt nicht. An allererster Stelle kann man sich mit guten Leistungen und ehrlicher Arbeit für höhere Aufgaben empfehlen. Ich will nicht laut sein und irgendetwas verkaufen – das ist mir fremd. Am Ende erhält jeder Spieler seine Rolle, die er erfüllen muss. Wenn man das nicht schafft oder akzeptiert, dann ist man weg vom Fenster.

Hatten Sie schon Kontakt zu einem Ihrer neuen Mitspieler bei den New York Rangers?

Ja, ich kenne immer noch einige Spieler aus den paar Monaten, die ich 2014 dort gespielt habe. Ich habe viele schöne Momente erlebt. Der Weg, den wir gemeinsam beschritten haben in den Stanley-Cup-Finals, hat viele bleibende und prägende Erinnerungen zurückgelassen.

Werden Sie in Manhattan wohnen?

Irgendwo in Downtown New York. Wo genau, weiss ich aber noch nicht.

Mit Ihrer Freundin und zukünftigen Frau Myriam?

Ja, sie wird mich begleiten.

Worauf freuen Sie sich am meisten in New York?

Auf den Madison Square Garden. Dass unser Stadion im Herzen Manhattans liegt, ist sehr speziell und faszinierend.