Eishockey

Gefangen zwischen zwei Systemen: Ist die Swiss League zum Scheitern verurteilt?

Der Qualitätsunterschied innerhalb der Swiss League ist riesig: Die Ticino Rockets haben nach 26 Partien 40 Punkte weniger als Leader EHC Kloten.

Der Qualitätsunterschied innerhalb der Swiss League ist riesig: Die Ticino Rockets haben nach 26 Partien 40 Punkte weniger als Leader EHC Kloten.

In der Swiss League prallen das europäische und das amerikanische Hockey-System aufeinander. Während National-League-Teams davon profitieren, verliert die Swiss League an Qualität. Nun könnte ein Entscheid bei der kommenden Ligaversammlung dazu führen, dass die Schere zwischen den beiden Ligen in Zukunft noch weiter auseinander gehen wird.

Spätestens seit der Eingliederung der HCB Ticino Rockets und der EVZ Academy ist die Swiss League weder Fisch noch Vogel. Neben ambitionierten Teams besteht die Liga zu einem Drittel aus Farmteams, bei denen der Erfolg nicht im Vordergrund steht. 

Will heissen: Die ZSC Lions, der EV Zug und die beiden Tessiner-Vereine Ambri-Piotta und HC Lugano haben allesamt ein Swiss-League-Team, das direkt an der Organisation angeschlossen ist. Spieler werden fleissig zwischen Fanion- und Farmteam hin und her geschoben.

Bei der EVZ Academy steht nicht der Erfolg, sondern die spielerische Entwicklung im Vordergrund.

Bei der EVZ Academy steht nicht der Erfolg, sondern die spielerische Entwicklung im Vordergrund.

Dieses nordamerikanische Prinzip soll dem Nachwuchs dabei helfen, sich schneller an Männer-Eishockey zu gewöhnen und umgekehrt überzähligen Spielern zu Spielpraxis verhelfen.

Hybrid-Modell Swiss League 

Die Idee hinter dem Farmteam macht zwar Sinn, doch sie bringt in der Schweiz verschiedene Schwierigkeiten mit sich. Nicht zuletzt, weil die Swiss League als Hybrid-Liga in Europa mit dem amerikanischen und dem europäischen Hockey alleine dasteht und es für diese Form kein erprobtes Erfolgsmodell gibt. 

Spiele in Biasca sind kein Zuschauermagnet.

Spiele in Biasca sind kein Zuschauermagnet.

Ein grundlegendes Problem der Liga ist die Vermarktung. Farmteams können zwar durchaus attraktives Hockey spielen, doch sie locken keine Zuschauer an. Weder im Stadion noch vor dem TV. Beim vorletzten Mittwoch-Spiel (das jeweils von «MySports» live übertragen wird) fanden gerade mal 136 Zuschauer den Weg in die BiascArena, um sich das Spiel zwischen dem EHC Visp und den Ticino Rockets anzusehen. Gut möglich, dass die Zahl der TV-Zuschauer nicht viel grösser war. 

Ebenfalls zu Schwierigkeiten führt der Qualitätsunterschied innerhalb der Liga. Dieser ist fatal: Zwischen Leader EHC Kloten und Schlusslicht HCB Ticino Rockets beträgt der Abstand 39 Punkte. Im Vergleich mit der National League sind es zwischen den ZSC Lions und Ambri Piotta lediglich 22 Zähler, also praktisch halb so viele.

Ob sich dieser Zustand verbessern wird, darf stark bezweifelt werden. Zwar haben sich die GCK Lions über die Jahre hinweg in der Liga etabliert, doch der Pool in der Region Zürich mit ambitionierten Spielern ist randvoll und nicht zu vergleichen mit Zug oder Biasca. 

Dieser kontinuierliche Qualitätsverlust hat auch Auswirkungen auf die ambitionierteren Teams der Liga. Wer aufsteigen möchte, muss während der Swiss-League-Saison gefordert werden, damit das Team über sich hinauswachsen kann.

Als Cupsieger und Meister schafften die Rapperswil-Jona Lakers 2018 auch den Aufstieg, sie brauchten dazu allerdings auch viel Glück.

Als Cupsieger und Meister schafften die Rapperswil-Jona Lakers 2018 auch den Aufstieg, sie brauchten dazu allerdings auch viel Glück.

Wie schwierig einen Aufstieg bereits jetzt schon ist, zeigt das Beispiel der Rapperswil-Jona Lakers. Im Jahr 2018 gewannen die Rosenstädter mit einem Spitzenteam zwar Cup und Meisterschaft, doch es brauchte trotz dem Momentum sehr viel Glück und ein alles entscheidendes 7. Spiel in der Ligaqualifikation-Serie gegen den EHC Kloten, um den Aufstieg zu realisieren. Gut möglich, dass der nächste Swiss-League-Meister (der die National-League-Auflagen erfüllt) noch mehr Glück als Rappi braucht, um den Aufstieg zu realisieren. 

Wie wird der Qualitätsverlust gestoppt? 

Um weiterhin eine ambitionierte Swiss League garantieren zu können, muss die Hybrid-Liga auch zu einer Hybrid-Liga werden. Wenn also Farmteams mitspielen, müssten sie auch absteigen können. Das war in den letzten drei Jahren allerdings nicht der Fall, weil man den neuen Mannschaften damit Zeit geben wollte, um sich etablieren zu können.  

Nun ist ihre Schonfrist allerdings abgelaufen. Am Ende der Saison muss das Schlusslicht in die Relegation. Aus der dritthöchsten Liga, der MySports-League, haben Martigny, Basel, Chur und Arosa Interesse an einer Liga-Qualifikation zur Swiss League angemeldet. 

Der EHC Basel möchte einst auch wieder auf der grossen Bühne jubeln können.

Ob es allerdings tatsächlich zu einem Abstieg kommen wird, bleibt fraglich. Bei der kommenden Ligaversammlung könnte eine Zweidrittelmehrheit die Relegation noch in dieser Spielzeit kippen, sofern ein entsprechender Antrag eingeht. Man kann davon ausgehen, dass Ambri, Lugano und Zug alles daran setzen werden, um ihre Farmteams weiterhin in der Liga halten zu können. 

Gegenwehr aus der MySports League 

Die Gerüchte über das Vorhaben der NLA-Klubs haben mittlerweile auch die Teams der MySports-League erreicht. Fans des EHC Basel äusserten sich kürzlich mit den Worten «D'NLB schliesse, nur will s Farmteam verliert - wär z schlächt isch stiggt ab, s'isch nid kompliziert!» kritisch gegenüber einer androhenden Verlängerung des Abstiegsmoratorium.

Fans des EHC Basel äussern ihren Unmut.

Zwar dürfen Teams aktuell aus der MySports League noch aufsteigen, sofern sie die Auflagen erfüllen, doch es wird befürchtet, dass die Liga irgendwann geschlossen wird, damit langfristig der Bestand der Farmteams sichergestellt werden kann. 

MySports-League-Twitterer Caspar Thiriet verfolgt das Geschehen der unteren Ligen schon seit geraumer Zeit. Die Entwicklung geht für ihn in die falsche Richtung: «Die Ligen sollten sich weiter öffnen, nicht schliessen. Beispielsweise mit einem direkten Auf- und Abstieg. Wenn der Aufstieg leichter wird, lässt die Angst vor dem Abstieg auch nach.»

Thiriet berichtet aus dem Alltag der MySports League.

Viel eher könnten die Team einen Abstieg als Chance sehen, um sich schnell wieder aufzubauen und einen Neuanfang anzustreben. «Ich verstehe nicht, was an einem Abstieg in die MySports League so schlimm sein soll. Nehmen wir mal an, ein Farmteam steigt ab. Die jungen Spieler können sich auch dort beweisen. Vielleicht ist es sogar die bessere Lösung, als in der Swiss League regelmässig eine Klatsche zu bekommen.»

«Die Regeln während des Spiels zu ändern, erachte ich als unfair»

Dass die Modusänderung noch in dieser Saison eingeführt wird, hält der Verband allerdings für unrealistisch: «Formell liegt uns im Moment kein entsprechender Antrag eines Klubs vor. Im Falle einer Antragstellung für eine Modusänderung in der laufenden Saison wäre an der Ligaversammlung im Februar 2020 eine Dreiviertelmehrheit notwendig», sagt Kommunikationsleiterin Manuela Hess. 

Der Einfluss der NLA-Vereine ist dabei nur begrenzt. Zwar können die Farmteam-Besitzer entsprechende Schritte einleiten, allerdings erhalten EVZ, ZSC, HC Lugano und Ambri Piotta nur das Stimmrecht für das Swiss-League-Team. «Da es sich um eine Angelegenheit handelt, die innerhalb des Leistungssports nur die Swiss League Klubs beträfe, besteht die Möglichkeit, dass an der Ligaversammlung nur die Swiss League Clubs abstimmen würden. Da gleichzeitig aber auch die MySports League, welche organisatorisch zur RegioLeague gehört, von der Modusänderung betroffen wäre, bräuchte es zudem die Zustimmung der Delegierten der Regio League», erklärt Hess weiter. Man halte aus diesem Grund eine Modusänderung in der laufenden Saison für unrealistisch.

Ligadirektor: «Die Regeln während eines laufenden Spiels zu ändern, erachte ich als unfair»

Eine klare Meinung hat auch Ligadirektor Denis Vaucher: «Die Regeln während eines laufenden Spiels zu ändern, erachte ich als unfair. Ich bin im Falle eines entsprechenden Antrags gegen eine Modusänderung während einer laufenden Saison – zumal die aktuelle Lösung das Ergebnis langwieriger Verhandlungen zwischen National League/Swiss League und der Regio League ist.»

Liga-Direktor Denis Vaucher wäre im Falle eines Antrags gegen die Modusveränderung.

Liga-Direktor Denis Vaucher wäre im Falle eines Antrags gegen die Modusveränderung.

Für ambitionierte Teams der Swiss League bleibt auf jeden Fall zu hoffen, dass der Verband mit seinen Einschätzungen recht behält. Bleibt der Abstieg aus der Swiss League nämlich weiterhin aus, wird der Qualitätsunterschied zwischen den beiden oberen Ligen in Zukunft weiterhin zunehmen und der Aufstieg könnte damit zum Ding der Unmöglichkeit werden.

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