Eishockey
Die kanadische Sehnsucht nach Erfolg

Seit 1993 hat nie mehr ein kanadisches Team den Stanley Cup – den Titel in der besten Liga der Welt – gewonnen. Für Kanada ist es an der Zeit, endlich Balsam für die Wunden zu finden

Klaus Zaugg
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Als letztes kanadisches Team schnupperte Vancouver am Stanley Cup: Hier hofften die Fans vor Spiel 7 noch auf den Sieg der Canucks gegen Boston – doch am Ende jubelten die Bruins über den Sieg.Archiv/Key

Als letztes kanadisches Team schnupperte Vancouver am Stanley Cup: Hier hofften die Fans vor Spiel 7 noch auf den Sieg der Canucks gegen Boston – doch am Ende jubelten die Bruins über den Sieg.Archiv/Key

KEYSTONE

Die Worte stehen so in der kanadischen Verfassung. Sie erklären uns, warum Eishockey für die Kanadier so wichtig ist:

«Her Majesty, by and with the advice and consent of the Senate and House of Commons of Canada, enacts as follows: The game commonly known as ice hockey is hereby recognized and declared to be the national winter sport of Canada.»

Eishockey ist in der kanadischen Verfassung als Nationalsport verankert. So weit haben es bei uns nicht einmal die Schwinger gebracht. Eishockey sei, so sagen nicht nur Zyniker, in Quebec die stärkste Kraft neben der Katholischen Kirche – und die stärkste an Spieltagen der Montreal Canadiens.

Auch wenn am Sonntag gespielt wird. Wie sehr sich die Kanadier als Nabel der Hockeywelt sehen, hat ein Kolumnist in Montreal 2007 in Worte gefasst. Damals hüteten David Aebischer und Cristobal Huet das Tor der Canadiens und der Chronist notierte: «Ein Schweizer und ein Franzose im Tor der Canadiens – das Ende der Welt ist nahe.»

Bis 1993 ist die Welt in Kanada in Ordnung. Die National Hockey League (NHL), die wichtigste Liga der Welt, ist eine kanadische Institution und besteht aus 24 Teams. In den USA sind zwar mehr Mannschaften beheimatet, aber regiert wird die NHL von Kanadiern. Sportlich geprägt von Kanadiern, die 90 Prozent aller Spieler stellen. Die kanadischen Teams spielen auf Augenhöhe mit den US-Teams um den Stanley Cup.

Der letzte Triumph für eine lange Zeit

Im Laufe der 1990er Jahre gibt die NHL vorübergehend sogar ihr Büroin New York auf und zügelt nach Montreal. Das Durchschnittssalär steht bei 120 000 Dollar. 1993 gewinnen die Canadiens ihren 24. Stanley Cup. Die «Habs» sind das erfolgreichste Sportunternehmen Nordamerikas. Niemand ahnt, dass es der letzte Triumph eines kanadischen Teams ist.

Heute verdienen die Spieler in den 30 NHL-Unternehmen durchschnittlich fast zwei Millionen Dollar. Nur noch rund die Hälfte der Millionäre hat einen kanadischen Pass. Längst hat die NHL ihren Hauptsitz in Manhattan und ein Anwalt aus New York ohne jeden Bezug zur Hockeykultur (Gary Bettman) ist NHL-Geschäftsführer. Er ist in Kanada der meistgehasste Sport-Funktionär.

Das FBI hat Alan Eagleson, Kanadas mächtigsten Hockey-Funktionär und Träger der höchsten kanadischen Orden, in den Knast gebracht. Und noch schlimmer: die kanadischen Teams (heute Vancouver, Edmonton, Calgary, Winnipeg, Ottawa, Montreal und Toronto) haben seit 1993 keinen Stanley Cup mehr gewonnen. Kanadas Nationalsport wird von US-amerikanischem Geld regiert und von US-Teams dominiert. Amerikanisches Geld regiert Kanadas Seele. Ein Albtraum.

US-Dollar machte den Unterschied

Anfänglich hat die Dominanz des grossen Geldes, der höhere Wert des US-Dollar gegenüber der kanadischen Währung, die kanadischen Teams geschwächt. Sie konnten sich die teuren Spieler einfach nicht mehr leisten.

Die Stars, die Edmonton zum dominierenden Team der 1980er Jahre gemacht hatten, zügelten alle in die USA, nach Los Angeles und nach New York. Der harte Kern des Stanley Cup-Siegerteams der Rangers von 1994 sind Helden aus Edmonton, angeführt von Mark Messier.

Inzwischen sind die Saläre limitiert worden. Wirtschaftlich haben die sieben kanadischen NHL-Unternehmen gleich lange Spiesse wie ihre Konkurrenten in den USA. Die jahrelang so wohlfeile Ausrede des fehlenden Geldes gilt nicht mehr. Woran scheitern die Kanadier? Allein die Statistik sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, den Stanley Cup zu gewinnen, für die Amerikaner grösser ist: 23 von 30 Teams sind in den USA beheimatet.

In den nächsten Jahren wird die NHL auf 34 Teams erweitert und mindestens eines davon wird aus Kanada kommen. Aber die Chancen auf den Stanley Cup werden dadurch nicht grösser. Und da ist eben noch etwas: Die Kanadier scheitern seit 1993 an besser gemanagter und gecoachter Konkurrenz. Die Vorstellung, dass die US-Amerikaner Hockey besser können, ist für die Kanadier fast unerträglich.

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