Sport

Ein Sommer ohne Grümpelturniere

Bier und Fussball am Grümpi in Unterägeri.

Bier und Fussball am Grümpi in Unterägeri.

Die Mehrheit der Vereine hat das Grümpeli abgesagt. Vieles wird fehlen – finanziell und emotional.

«Uf Platz eis: Dä FC Lattäknaller gäg Platz eis. Und uf Platz zwei: Mini Muetter gäg Dynamo Tresen.» Ein normaler Grümpelisamstag. Doch Speaker und Schlagermusik schweigen in diesem Sommer auf vielen Sportplätzen in der Schweiz.

Philipp Schnyder betreut die Website gruempi.ch, wo sich Plauschfussballer über die anstehenden Turniere informieren können. Wer will, kann sein Grümpeli kostenlos bei gruempi.ch anmelden. Anschliessend erscheint es auf der Agenda der Seite. Gegenwärtig sind 20 Turniere aufgelistet, wovon aber die meisten inzwischen abgesagt wurden. Schnyder sagt: «In einem normalen Jahr wären zu diesem Zeitpunkt etwa 100 Turniere aufgelistet.»

Das Wochenende auf dem Fussballplatz

Ob das Grümpelturnier im sankt-gallischen Bad Ragaz stattfindet, ist noch unklar. Bei einer Absage würde etwas fehlen. Denn das Grümpeli bringt zusammen. In Bad Ragaz startet die «Bewegig» seit den Jugendkrawallen 1980. Die Trikots sind alt und der Name auch. Die Spieler sowieso. Vier Gründungsmitglieder spielen noch immer, die anderen schauen manchmal vorbei. Der Körper macht nicht mehr bei allen mit. Einer hat «Ragaz» nie verlassen, ein anderer ging nach Brasilien. Am Grümpeli treffen sie sich wieder und sprechen über die alten Zeiten. Das Bier und die vielen Jahre, die vergangen sind, machen aus dem Abstauber vor 20 Jahren einen wunderschönen Schlenzer ins Eck. Die Söhne von Beni und Freddy spielen und trinken inzwischen auch mit bei der «Bewegig». Sie können schneller und länger laufen, aber nicht so intelligent wie ihre Väter. Der Goalie raucht nach dem zweiten Match seine «Guuge» und bringt dann ein Meterbrett Bier.

Viele verbringen das ganze Wochenende auf dem Sportplatz. Sie trinken ihr Bier im Clubheim, weil es in den Dörfern und Städtchen keine Langstrasse und kein Bermudadreieck gibt. Einige ziehen aus und weiter. In die Stadt oder mit der Partnerin oder dem Partner zusammen. Er ist kürzlich Vater und auch ein bisschen Berner geworden. Und sie studiert in London. An den Grümpelturnieren trifft man sich. Das fehlt nun vielerorts.

Das Grümpeli ist eine Haupteinnahmequelle

Aber nicht nur das. Das Meterbrett Bier, die Bratwurst eine Stunde später, und überhaupt: die Teilnahmegebühren. Das ist viel Geld für die Vereine. Robert Breiter, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes (SFV) sagt, dass Grümpeli-Einnahmen bis zu 20 Prozent der gesamten Vereinseinnahmen betragen können. Beim FC Ägeri ist der Prozentsatz sogar noch höher. Michael Schwarzenberger ist OK-Präsident des Turniers. Er sagt: «Der Anteil des Grümpi am Vereinsbudget des FC Ägeri beträgt zwischen 20 und 30 Prozent.» Im Ägerital finden dann während dreier Tage auf acht Spielfeldern bis zu 700 Spiele statt. Das Ägeri-Grümpi bezeichnet sich als grösstes Grümpi Europas. Schwarzenberger: «Es gibt keinen Gegenbeweis.»

Auch andere Clubs sind finanziell abhängig vom Grümpeli. Silvan Wüthrich ist Präsident des FC Winkeln in St. Gallen. Er sagt: «Neben unserem Hauptsponsor und dem Clubheim ist das Grümpeli die grösste Einnahmequelle.» Martin Scheidegger, Präsident beim FC Bubendorf, Basel-Land, knapp 5000 Einwohner, will ebenfalls keine konkreten Zahlen nennen. Er sagt aber: «Das Grümpeli ist zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen und den J+S-Geldern eine Haupteinnahmequelle für den Verein.»

Vereine diskutieren über Ersatzveranstaltungen

Vielerorts überlegen Vereine, alternative Anlässe zu planen, um den finanziellen Schaden zu begrenzen. Schwarzenberg vom Ägeri-Grümpi sagt: «Wir haben diskutiert, ein Oktoberfest durchzuführen, doch momentan ist es schwierig, zu planen.» Denkbar sei ein Sponsorenlauf. «Aber das ist noch nicht spruchreif.» Auch der FC Bubendorf erwägt einen Ersatzevent. Ähnliche Gedankengänge hat auch Wüthrich in der Ostschweiz: «Es wird ein Loch in der Kasse geben. Vielleicht können wir es mit den Sponsoren oder einer anderen Aktion stopfen.» Das müsse aber alles erst besprochen werden.

Weniger Anmeldungen in den letzten Jahren

Grümpelturniere hatten sowieso schon Probleme. Obschon das Grümpeli eine Art Zeitkapsel ist, ein Gefühl wie damals, irgendwie zeitlos, wie die «Bewegig», werden immer weniger mit dem Grümpeli erwachsen. Scheidegger vom FC Bubendorf sagt: «Vor zehn Jahren hatten wir deutlich mehr Mannschaftsanmeldungen.» Während noch immer viele in den Erwachsenenkategorien antreten, seien die Anmeldungen von Schülern Jahr für Jahr rückläufig. Der FC Bubendorf habe Schulen besucht, um die Kinder für das Grümpeli zu begeistern. Ohne Erfolg. Scheidegger: «Ich denke, die Prioritäten haben sich verlagert.»

Auch beim Ägeri-Grümpi spielen weniger Mannschaften als früher mit. Schwarzenberger sagt: «Vor 20 Jahren haben noch über 300 Teams teilgenommen, dann ging die Zahl stetig runter.» Irgendwann hätten nur noch 200 Mannschaften mitgemacht. «Die Menschen entscheiden immer spontaner, wie sie ihre Freizeit gestalten.» Überdies gebe es immer mehr Konkurrenzevents. Inzwischen kommen jährlich wieder um die 250 Teams. Für 2021 hat sich sogar bereits eine Mannschaft aus England angemeldet. Im Ägerital, in Bubendorf und Winkeln wollen sie 2021 wieder spielen. Ob die «Bewegig» 2021 wieder antritt, ist noch ungewiss. Seit fünf Jahren sagen sie sich, das sei das letzte Mal gewesen. Ehe sie im nächsten Jahr wieder starten würden.

Die Versicherungen dürften sparen

Am Grümpeli trifft man viele Leute. Und manchmal auch Gegenspieler statt Ball. Über 45 000 Fussballverletzungen pro Jahr zählten die Versicherungen zwischen 2013 und 2017. Viele dürften sich auch am Grümpeli verletzt haben. Am Grümpeli ist bei einigen zu viel Bier im Bauch und zu wenig Luft in der Lunge. In diesem Jahr dürften es weniger Verletzungen sein. Genaue Zahlen veröffentlicht das Versicherungskollektiv erst im nächsten Jahr.

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