Gastkommentar

Ein Plädoyer für die Ski-Schweiz!

Zermatt mit seinem Weltcup-Projekt und Wengen mit seinem traditionsreichen Lauberhorn – es braucht beide.

Schnee, Ski und Alpen sind Teil der Schweizer Identität – auch wenn Nörgler dies immer wieder zu relativieren versuchen. Weltweit werden wir mit dieser Identität zur Kenntnis genommen: Wer irgendwo auf der Welt über die Schweiz diskutiert, kommt rasch auf Alpen, Schnee und Skisportler zu sprechen. Ski- und Schneeaktivitäten sind die einzigen Sportarten, die aufgrund der geografischen Lage untrennbar mit unserem Land und seiner Geschichte verbunden sind – und es auch profilieren: Wir liegen mitten in Europa – als Alpen-Land!

Der Berg-Tourismus befindet sich in der schwierigsten Phase seiner Geschichte: Er muss den ökologischen Anforderungen gerecht werden. Wir dürfen nicht flächendeckend investieren, sondern nur dort, wo Infrastruktur und internationales Image über Jahre hinweg gewachsen sind. So halten wir Skiresorts konkurrenzfähig und nehmen gleichzeitig Rücksicht auf die Natur, weil unberührte Täler und Gipfel unberührt bleiben.

Das Matterhorn soll im Zentrum eines italienisch-schweizerischen Projekts stehen.

Das Matterhorn soll im Zentrum eines italienisch-schweizerischen Projekts stehen.

Deshalb ist das Projekt von Zermatt so wichtig und beispielhaft: Der berühmteste Skiort der Schweiz will künftig im Monat November Weltcup-Abfahrten für Männer und Frauen durchführen. Das Projekt platzt mitten in die gesellschaftlich und wirtschaftlich schwierig zu bewältigende Coronakrise und hat deshalb einen hohen Symbol-Wert: Die Menschen am Matterhorn, ob in Italien oder der Schweiz, besinnen sich auf ihre Stärken und markieren einen unternehmerisch motivierten Optimismus. Zermatt verbreitet mit seinem Projekt Aufbruchstimmung – in der Schweiz und Italien.

Der Startplatz der geplanten Weltcup-Abfahrt kommt auf die 3899 Meter hoch gelegene Gobba di Rollin gelegen, oberhalb des Klein Matterhorn, und führt hinunter nach Laghi Cime Bianchi auf 2814 Meter. Damit lancieren die Walliser ein Weltcup-Projekt, das von der Schweiz aus nach Italien führt: Mitten in der schrecklichen Ära geschlossener Grenzen erhält das Projekt deshalb eine politische Bedeutung. Die mitten in Europa gelegene Schweiz bindet ein anderes grosses Alpen-Land in ein unternehmerisch und touristisch höchst innovatives Projekt ein. Als kleines, exportorientiertes Land brauchen wir die Umsetzung solcher Projekte: Wir schotten uns nicht ab, sondern arbeiten mit unseren Nachbarn Hand in Hand zusammen. Wer in Zermatt grenzüberschreitend Ski fährt, weiss um den Reiz dieser Zusammenarbeit und damit offener Grenzen. Sie machen unser kleines Land gross, stark und gastfreundlich: Was am Bodensee oder in Basel gilt, passt auch zum Skisport am Matterhorn.

Auch der Zeitpunkt der geplanten Rennen im Monat November macht Sinn: So kann die sonst viel zu kurze Wintersaison früher eröffnet werden. Zudem bräuchte die geplante Abfahrtsstrecke keine grossen Investitionen: Der rund zwei Kilometer lange Schweizer Abschnitt führt über ewiges Eis– ähnlich dem italienischen Teil. Die Absicht, eine Weltcup-Abfahrt in zwei Ländern zu organisieren, fügt sich nahtlos in die Zermatter Tourismus-Strategie: 150 Millionen Franken werden in den Ausbau der Region um Klein Matterhorn investiert – im Bau befindet sich zurzeit die Seilbahn von Testa Grigia zum Klein Matterhorn, die 2021 eröffnet wird. Mit dieser Bahn würden die Athleten zum Startplatz gefahren.

Auf den ersten Blick könnte man einen Konflikt zwischen dem traditionsreichen Lauberhorn-Rennen und den innovativen Wallisern vermuten: Das Gegenteil ist der Fall. So sehr unser Land das italienisch-schweizerische Projekt am Matterhorn braucht, so sehr muss der Schweizerische Skiverband das traditionsreiche Lauberhorn-Rennen verteidigen und in die Zukunft führen. Die beiden Anlässe repräsentieren in ihrer Unterschiedlichkeit die Vielfalt der Schweiz.

Zermatt perfektioniert einen hoch entwickelten, professionellen, aber auch teuren Bergtourismus, der weltweit als Vorbild für Innovation gilt; Wengen und Lauberhorn stehen für ein von der breiten Bevölkerung getragenes Ski-Fest: Unzählige Einheimische engagieren sich für diesen ausserordentlichen Anlass, dessen Stimmung die Identität unserer Ski-Nation repräsentiert und die Verbundenheit weiter gesellschaftlicher Kreise mit dem Skisport. Deshalb ergänzen sich die beiden Rennen und spiegeln die Konkurrenzfähigkeit unseres Landes. Die (Ski-)Nation Schweiz braucht deshalb nicht nur die Ski-Abfahrt nach Italien, sondern auch die Bahn-Fahrt nach Wengen. Und einen Skiverband, der dies möglich macht.

Peter Hartmeier ist Publizist und Berater und u.a. Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses von CH-Media AG; in seiner Freizeit ist er passionierter Skifahrer.

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