Tod von Paolo Rossi
Ein emotionaler Nachruf von Autor und Italien-Fan Bänz Friedli: «Pablito» tanzte nur einen Sommer lang

Der Held des italienischen Weltmeisterteams von 1982, Paolo Rossi, ist tot. Erinnerung an einen liebenswerten Fussballer und einen italienischen Sommer.

Bänz Friedli
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Paolo Rossi jubelt im WM-Final 1982 nach seinem Treffer zum 1:0.

Paolo Rossi jubelt im WM-Final 1982 nach seinem Treffer zum 1:0.

Bob Thomas / Sports Photography

Es gab keinen Autokorso bei uns auf dem Land. Ich weiss nur, dass es draussen noch hell war kurz vor 22 Uhr an diesem 11. Juli 1982, dass ich mich auf meinen Cilo-Halbrenner schwang, Runden durchs Dorf drehte und eine grün-weiss-rote Flagge schwenkte.

Ein eher einsamer Jubelzug wars, nur droben bei den Salminis war noch Lärm und drüben im Wohnblock, wo die Protopapas hausten. Doch ich war der glücklichste 17-Jährige der Welt, Italien hatte Deutschland im WM-Final 3:1 bezwungen, das erste Tor hatte er erzielt: Paolo Rossi.

«Campioni del mondo!», die gerahmte Titelseite der «Gazzetta dello Sport» vom nächsten Tag hängt noch immer über meinem Schreibtisch, ihr ursprünglich rosarotes Papier ist ausgebleicht. Blasse Erinnerung an den Sommer, in dem ich Weltmeister wurde.

Rossi riss Italien aus seiner Lähmung

Dank ihm: «Pablito» Rossi. So würde er fortan heissen, die spanische Verkleinerungsform seines Namens Paolo bleibt am Torschützenkönig haften nach jener Endrunde in Spanien. Als Reminiszenz daran, wie Rossi mit seinen sechs Treffern, drei davon allein gegen Brasilien, zum Liebling der Nation geworden war.

Als Italien 1982 in den WM-Final einzog, kutschierten Fans noch spät in der Nacht durch die Strassen Zürichs – mit der ganzen Familie.
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Oder mit Freunden. Es gab einen regelrechten Autokorso.
Stolz präsentierten sie ihre Flagge. Sie waren im Final.
Fans verfolgten das Halbfinal gegen Polen live von der Strasse aus. Italien gewann dank einem Rossi Doppelpack 2:0.
Im Viertelfinal gelangen Rossi gar drei Treffer. 3:2 besiegte Italien dank ihm das grosse Brasilien um Zico und Socrates.
Klar also, dass Paolo Rossi (rechts im Dribbling) auch im Final gegen Deutschland zu einem der Matchwinner avancierte.
Rossi (Nr. 20) erzielte per Kopf das 1:0 und bahnte so den Weg zum 3:1 Erfolg sowie zum WM-Pokal.
Rossi wurde Torschützenkönig der WM. Hier bejubelt er (links) mit seinem Kollegen Bruno Conti seinen Finaltreffer.
Gestern, 9. Dezember 2020, verstarb Italiens WM-Held Paolo Rossi 64-jährig an einer unheilbaren Krankheit.
Zwei Legenden vereint. Paolo Rossi und Diego Armando Maradona.

Als Italien 1982 in den WM-Final einzog, kutschierten Fans noch spät in der Nacht durch die Strassen Zürichs – mit der ganzen Familie.

Keystone, 9. Juli 1982

Als Memento aber auch, dass es in seiner Karriere im Grunde nur dieses eine grosse Turnier gab. Einen Sommer lang liess er Italien tanzen, einen Sommer lang einte er das uneinige Land, riss er es aus der Lähmung der «anni di piombo», der bleiernen Jahre des links- und rechtsextrem motivierten Terrorismus, der Entführungen, Attentate und vielen Bombentoten.

«Pablito» machte die Angst vergessen. Er würde danach noch für Juventus, die AC Milan und Hellas Verona auflaufen, aber es war keine grosse Karriere mehr. Er tanzte nur einen Sommer lang.

Die schelmischen Abstauber des schmächtigen Büezersohns

Aber Rossi, früh ergraut und dennoch ein ewiger Junge, blieb gern gesehener Gast in TV-Runden aller Sender, seine launigen Kommentare und seine weiche toskanische Diktion waren bis zuletzt gern gehört. Weil er «Pablito» geblieben war, Darling der Nation. Eine Jahrhundertfigur, ohne ein Jahrhundertspieler gewesen zu sein.

Auch im WM-Kader von 1982 standen begnadetere Fussballer als der schmächtige, gedrungene Büezersohn aus Prato: der überragende Libero Gaetano Scirea, der kraftvolle Regisseur Bruno Conti, der wendige Flügel Alessandro Altobelli. Doch Rossi war zur richtigen Zeit am rechten Ort, und zwar buchstäblich: Die meisten seiner Tore waren stibitzt. Schelmische Abstauber zumeist von einem, der dank Schnelligkeit und Antizipation im entscheidenen Augenblick aus dem Nichts auftauchte.

Gewiss, auch das sind Fähigkeiten eines Stürmers, zumal eines klassischen Mittelstürmers, wie sie damals üblich waren. Nur eben kann man sich an kein einziges «grosses» Tor von ihm erinnern. Er war kein Ibrahimovic, kein Maradona, kein Roberto Baggio, schon gar kein Messi. Er war «Pablito».

Der Peter Müller Italiens

Er hatte keinen Glamour, nichts Grossspuriges, er war kein Übermensch. Und gerade dies machte ihn nahbar und liebenswert. Er war ein Durchschnitts-Italiener. Das fing schon beim Namen an: Paolo Rossi ist das italienische Peter Müller, ein äusserst häufiger Name. Es gab unzählige Paolo Rossis in Italien. Aber nur einen «Pablito».

Mag sein, dass auch der stoische Spielverzögerer Dino Zoff im Tor, zum Zeitpunkt des Turniers schon 40 Jahre alt, für den Triumph der Azzurri an der WM 1982 steht, der Schönling Antonio Cabrini links hinten, der Mittelfeld-Puncher Marco Tardelli mit seinem unvergessenen Torjubel im Endspiel. Vor allem aber er: Rossi.

Dabei war seine Nomination durch den sturen alten Enzo Bearzot höchst umstritten. Wegen des Bestechungsskandals im italienischen Fussball hätte Rossi ein weiteres Jahr Sperre absitzen müssen.

Der begnadigte Wettbetrüger

Er, zu jenem Zeitpunkt vom Stammklub Juve an Perugia ausgeliehen, soll vor einem Spiel zwei Männern, die ihm ein Unentschieden nahegelegt hatten, geantwortet haben: «Das wäre kein schlechts Resultat.» Das Spiel endete 2:2, Rossi galt als des Wettbetrugs überführt.

Doch er wurde vorzeitig begnadigt, fuhr untrainiert mit ans Turnier – und wurde dessen grosser Held. (Die Geschichte sollte sich 2006 wiederholen, erneut steckte der Calcio in einer Krise um bestochene Schiedsrichter und gekaufte Spiele, Serienmeister Juventus wurde zwangsrelegiert – die Juve-Spieler aber, Buffon, Del Piero, Camoranesi, wurden mitten im Schlamassel Weltmeister. Wenns dem italienischen Fussball am dreckigsten geht, schlägt er zurück.)

Dem dritten WM-Titel Italiens, 1982, haftete nicht wie den beiden vorangegangenen von 1934 und 1938 der Ruch des Mussolini-Regimes an. Nein, er war nach zaghafter Vorrunde mit drei Unentschieden gegen Polen, Peru und Kamerun in berauschenden Spielen gegen Argentinien, Polen und schliesslich Deutschland erspielt worden.

Das Spiel seines Lebens gegen Brasilien

Und er war allein schon wegen des einen Spiels der Zwischenrunde hochverdient, in dem Italien die favorisierten Brasilianer 3:2 niederrang, mit einem Offensivspektakel, das alles Gerede vom ultradefensiven Catenaccio Lügen strafte. Rossi machte das Spiel seines Lebens, erzielte einen Hattrick. «Ho fatto piangere il Brasile», hiess später seine Autobiografie: Er habe Brasilien zum Weinen gebracht.

Und mich zum Jubeln! Für uns Mitte der 1960er-Jahre Geborenen gab es während der Jugend nie eine Endrunde, an der die Schweiz teilgenommen hätte. Wir wichen auf Nachbars- und Ferienländer aus, im Turnunterricht trug Rainer das Shirt der Deutschen, Thomas war für Frankreich, Martin für Spanien, Res für England. Und ich trug eine Fälschung der Maglia azzurra, erstanden für 10 000 Lire an einem Marktstand in Monterosso al mare.

Mutterseelenallein drehte ich nun auf dem Velo im azurblauen Trikot meine Runden am 11. Juli 1982. Viele Jahre später erst hörte ich von Freunden aus Zürich und Basel, in jener Nacht habe es in den Städten endlose Korsos hupender Autos gegeben, Schweizerinnen und Italiener hätten ausgelassen bis zum Morgen gefeiert. «Campioni del mondo!»

Die hupende Genugtuung für die «Tschinggen»

Das war Genugtuung für die eben noch als «Tschinggen» geschmähten Gastarbeiter, für deren Töchter nd Söhne. Mit einem Mal war Klassenkamerad Gianluca aus Bümpliz der umschwärmte Star des Schulhauses, wir Mitschüler flochten neidisch italienische Floskeln in unseren Slang ein.

Mehr noch: Italianità wurde zur Leitkultur der 1980er-Jahre. Die Cantautori Antonello Venditti, Lucio Dalla und Francesco De Gregori dominierten die Hitparaden, Edoardo Bennato und Gianna Nannini traten im ausverkauften Hallenstadion auf. Wer etwas auf sich hielt, fuhr ein «Ciao»-Töffli, die Coolsten besorgten sich gar Jeans der Marke Jesus, made in Italy, dazu ein Shirt von Robe di Kappa. Bücher von Andrea De Carlo waren en vogue und Filme der Brüder Taviani.

Und Paolo Rossi? Er baute sich im Hinterland von Arezzo ein Agriturismo auf, lebte ein bescheidenes Leben und genoss still seinen ewigen Triumph. Am Mittwoch erlag er erst 64-jährig einem Lungentumor, so hat es seine zweite Ehefrau Federica Cappelletti mitgeteilt. Sie und die beiden kleinen Töchter sind untröstlich, mit ihnen eine ganze Nation.

Paolo Rossi tanzte nur einen Sommer lang. Aber dieser Sommer hält bis heute an. Addio, «Pablito»!

Zum Autor Bänz Friedli1965 in Bern geboren, lebt als Autor und Kabarettist mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern in Zürich. Er schreibt Kolumnen und Bücher, gestaltet satirische Radiobeiträge und tritt in der Deutschschweiz als Bühnenkünstler auf.

Zum Autor Bänz Friedli1965 in Bern geboren, lebt als Autor und Kabarettist mit seiner Frau und den beiden erwachsenen Kindern in Zürich. Er schreibt Kolumnen und Bücher, gestaltet satirische Radiobeiträge und tritt in der Deutschschweiz als Bühnenkünstler auf.

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