Die Zeiten sind hart in Deutschland. Nach einem der schwächsten Länderspieljahre der Geschichte mit dem frühen WM-Aus in Russland und dem Abstieg in der Nations League herrscht schon wieder Katzenjammer im Fussballland. In der Champions League sind die deutschen Klubs alle ausgeschieden.

Hätte in früheren Zeiten die Nationalmannschaft einen solchen Makel noch halbwegs kaschiert, so ist diese inzwischen selbst zum Sorgenkind geworden. Im 13. Jahr als Bundestrainer erlebt Joachim Löw seine schwierigste Zeit.

Aus dem einst beliebtesten Trainer des Landes ist ein Mann geworden, den viele am liebsten dort sähen, wo der Pfeffer wächst. Noch aber ist der 59-Jährige im Amt, und es wäre gut für ihn, ginge in Holland sein 173. Länderspiel nicht in die Hose.

Gäbe es in Amsterdam beim Start in die EM-Qualifikation wie im Oktober letzten Jahres in der Nations League eine 0:3-Klatsche, dann würden die Medien nicht zögern, vom Weltmeistertrainer den Rücktritt zu fordern. Viele hatten dies schon nach der WM im letzten Sommer getan, andere nach dem Desaster in der Nations League.

Abgewrackt wie Oldtimer

Dieses hatte nun selbst Löw, bisher bekannt für seine Nibelungentreue zu verdienten Spielern, zu einem Umdenken animiert. Er reiste nach München und erklärte den einstigen WM-Helden Hummels, Boateng und Müller, dass er künftig keine Verwendung mehr für sie habe. Der «Spiegel» schrieb, Löw habe sie «abgewrackt wie rostige Oldtimer».

Jürgen Klopp, der Trainer des FC Liverpool, erklärte, er verstehe die Endgültigkeit dieser Massnahme nicht. Den Spielern werde die Chance genommen, sich durch gute Leistungen wieder anzubieten. Doch aus Sicht von Löw wäre es ohne diese Radikalität kein echter Neuanfang gewesen, den er neun Monate nach dem Scheitern bei der WM nun endlich ausgerufen hat.

Damit geht der Bundestrainer, dessen Weltmeisterbonus längst aufgebraucht ist, jedoch ein hohes Risiko. Er hat sich noch angreifbarer gemacht und weiss, dass er für sein neues Projekt keine Geduld einfordern kann, obwohl ein solcher Umbruch genau dies brauchen würde. Das Publikum in Wolfsburg entliess am Mittwoch das stark verjüngte Team mit Pfiffen in die Halbzeitpause, als es gegen Serbien nach sehr mässiger Vorstellung 0:1 zurücklag.

Es kannte keine Milde für ein Ensemble, das zusammengezählt nur 237 Länderspiele auf dem Buckel hatte und damit weniger als Müller, Hummels und Boateng (246). Und zu Beginn mit Goalie Manuel Neuer nur noch einen der WM-Helden von Rio auf dem Feld hatte.

«Wir wissen, dass wir Zeit brauchen», sagte Marco Reus, «aber wir haben keine.» Ihm als Passgeber und Torschütze Leon Goretzka hatte es Deutschland zu verdanken, dass es gegen die ersatzgeschwächten Serben wenigstens noch zu einem 1:1 gereicht hatte.

«Jetzt muss Jogi liefern»

Allerdings war es ein verdientes Unentschieden, denn nach der Pause hatte die Mannschaft Löws Vorgaben, mit Tempo, Dynamik und Temperament aufzutreten, gut erfüllt. Mit Leroy Sané, Reus und Goretzka in den Hauptrollen. «Am Ende fehlte ein bisschen die Konsequenz im Torabschluss», sagte Löw hinterher. In der Tat hätte sein Team sogar noch deutlich gewinnen können.

Wichtiger sind die Tore aber am Sonntag. «Da müssen wir einen Zahn zulegen», sagte Reus. Er weiss, Fussball-Deutschland wird nach Amsterdam blicken. Löws früherer Chef Jürgen Klinsmann, neu Experte bei RTL, sagt: «Jetzt muss Jogi liefern.» Es klang wie eine Drohung.