Frauen-EM
Ehrlich, fair, familiär: Darum ist der Frauenfussball eine echte Alternative zu Ronaldo & Co. geworden

Der Männerfussball produziert immer absurdere Auswüchse, zunehmend wird es schwieriger sich für ihn zu begeistern. Doch abseits der grossen Bühne wird eine Alternative immer wichtiger: der Frauenfussball.

François Schmid-Bechtel
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Ehrlich, nahbar, fair, familiär: Das ist der Frauenfussball im Gegensatz zum Männerfussball noch. (Links Christiano Ronaldo bei der Weltfussballer-Gala, rechts Ramona Bachmann, Schweizer Nationalspielerin.)

Ehrlich, nahbar, fair, familiär: Das ist der Frauenfussball im Gegensatz zum Männerfussball noch. (Links Christiano Ronaldo bei der Weltfussballer-Gala, rechts Ramona Bachmann, Schweizer Nationalspielerin.)

Keystone

Die Mutter am Herd, in der Waschküche, beim Einkauf und am Abend erschöpft auf dem Sofa. Der Vater häufig weg, autoritär, aber auch lässig und locker. Aufgeschmissen ohne Frau, weil im Haushalt völlig überfordert. Die Mutter immer da, ernsthaft, aber auch sanftmütig und kompromissbereit.

In der Schule war Fussball die Eintrittskarte in den erlauchten Kreis der coolen. Die WM 82 war die erste, die wir intensiv wahrgenommen haben. Damals waren die Deutschen hässliche Monster, die Brasilianer brotlose Künstler und Frauen fehl am Platz. Nicht mal als Staffage geduldet. Ich weiss bis heute nicht, wie Paolo Rossis Frau oder Freundin ausgesehen hat. Vielleicht prüfte sie im Moment, als ihr Mann das 1:0 im WM-Final gegen Deutschland schoss, ob die Pasta al dente ist.

Die Highlights des WM-Finals 1982:

Gut, ein Mädchen spielte damals auf dem Pausenplatz auch mit. Das war komisch. Denn das Bild von Frauen am Ball war fremd wie Papaya in unseren Läden. Das Mädchen hiess Patrizia. Sie war richtig gut. Aber die Einzige. Ein paar Jahre später durfte auch Mutter an der Landsgemeinde abstimmen. Und die Zahl der kickenden Mädchen nahm sachte zu.

Immer noch ein zartes Pflänzchen

Der Frauenfussball steht bei uns heute an der Schwelle zur Massenbewegung. Natürlich bedingt durch die Erfolge des Nationalteams. Nach der WM vor zwei Jahren nimmt es nun erstmals an einer EM teil. Trotzdem: Ein zartes Pflänzchen ist der Frauenfussball noch immer. Daran sind wir Männer nicht ganz unschuldig.

Wir geben der Pflanze zwar Wasser, aber nur gerade so viel, damit sie nicht eingeht. Heisst: Unterdessen sind Frauen – vorzugsweise als sexy Accessoire der grossen Stars – in der Fussball-Welt zwar geduldet. Aber nicht mehr. This is a man’s world, baby!

Frauen-EM in Holland:

Das Turnier findet vom 16. Juli bis 6. August 2017 statt. Die Schweizerinnen, die sich erstmals für die EM-Endrunde qualifizierten, spielen in der Gruppe C gegen Österreich (18. Juli, 18 Uhr in Deventer), Island (22. Juli, 18 Uhr in Doentichem) und Frankreich (26. Juli, 20.45 Uhr in Breda).

Schweizer Kader: Tor: Seraina Friedli (Zürich), Stenia Michel (Basel), Gaëlle Thalmann (Verona). – Verteidigung: Caroline Abbé (Zürich), Sandra Betschart (Duisburg), Jana Brunner (Basel), Ana-Maria Crnogorcevic (Frankfurt), Rahel Kiwic (Potsdam), Noëlle Maritz (Wolfsburg), Rachel Rinast (Basel). – Mittelfeld: Vanessa Bernauer (Wolfsburg), Vanessa Bürki (Bayern München), Viola Calligaris (Young Boys), Lara Dickenmann (Wolfsburg), Sandrine Mauron (Zürich), Martina Moser (Zürich), Meriame Terchoun (Zürich), Lia Wälti (Potsdam), Cinzia Zehnder (Zürich). – Sturm: Eseosa Aigbogun (Potsdam), Ramona Bachmann (Chelsea), Fabienne Humm (Zürich), Géraldine Reuteler (Luzern). – Trainerin: Martina Voss-Tecklenburg.

Blicken wir zwei Jahre zurück. Die Schweiz nimmt erstmals an einer WM teil. Ein klein wenig Aufbruch macht sich breit. Und dann passiert, was bei jedem Trend im Babystadium passiert: Die Kavallerie der Öffentlichkeitsarbeiter setzt sich in Bewegung. 2015 sehen wir Frauenfussball plötzlich im Schweizer Fernsehen.

Daten: SFV, Grafik: mta/saw

Nun ist hypen angesagt. Da stehen auch die privaten Medienhäuser nicht zurück. Nur: Wenn die Berichterstattung im Boulevard die landläufige Haltung abbildet – dann gute Nacht. Eine Zeitung titelte: «Die Nati-Trainerin im Liebes-Dribbling. Sie liebte früher Frauen, wurde dann von Inka Grings betrogen und hat nun einen Ehemann.» Wow! Wahnsinn! Quatsch! Die Geschichte ist so alt, da schimmelt schon gar nichts mehr. Und wie sieht eigentlich das Liebesleben von Vladimir Petkovic aus?

Elektrisierende Spiele

Im WM-Final sehen wir die Schweizerinnen nicht. Trotzdem: Die Partie zwischen den USA und Japan elektrisiert. Kunst, Tore, Dramatik, Intensität, Tränen und Küsse – das Spiel bietet alles, was ein Fussballspiel für die Ewigkeit bieten muss. Und vor allem liefert es jede Menge Geschichten. 4:0 führen die Amerikanerinnen nach 16 Minuten.

Der Final der Frauen-WM 2015:

Die Japanerinnen kommen auf 2:4 heran. Trotzdem: Dritter WM-Titel für die USA. Geglückte Revanche für die Final-Niederlage von 2011. Abby Wambach, mit 184 Toren für die USA weltweite Rekordhalterin, tritt von der Bühne ab. Carlie Lloyd gelingt ein Hattrick. Eines ihrer drei Tore erzielt sie gar von der Mittellinie. Und dann kommt doch dieser Trottel und behauptet: «Diesen Ball hätte jeder 5.-Liga-Goalie gehalten.» Dieser Trottel ist nicht allein. Doch dazu später.

Dieser Final bietet etliche Ansätze für Geschichten. Doch eine Boulevardzeitung bringt es tatsächlich fertig, im tiefsten Schmuddel zu graben. Sie zeigt am Tag nach dem WM-Triumph der USA alte Nacktbilder der Torhüterin Hope Solo. Dabei ist Solo nicht mal die dominierende Spielerin dieses Finals. Offenbar kommt man bei keiner anderen Finalteilnehmerin so einfach an Nacktbilder.

Hope Solo sorgte für Schlagzeilen.

Hope Solo sorgte für Schlagzeilen.

Keystone

Zum Vergleich: Welche Bilder sehen wir am Tag nach dem EM-Titelgewinn der Portugiesen? Ronaldo mit Pokal, Ronaldo verletzt und mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, Ronaldo nach seiner Auswechslung als Assistenztrainer. Aber sicher nicht irgendwelche Schmuddel-Bilder, die nichts mit dem Ereignis vom Vortag zu tun haben.

Sex sells. Die Strategie ist verlockend. Denn Sex sorgt für schnelles Geld und grosse Reichweite. Aber nachhaltig ist das kaum. Weder für die Medien, erst recht nicht für die Sportlerinnen selbst. Bestes Beispiel: Caroline Wozniacki. Die dänische Tennisspielerin hat sich mindestens einmal zu viel vor der Kamera ausgezogen. Jetzt ist sie nicht mehr die ehemalige Nummer 1 der Welt (immerhin 67 Wochen lang), sondern das Lustobjekt mit Racket.

Zurück zum Trottel. Gewiss hat die japanische Torhüterin beim phänomenalen Schuss von Carlie Lloyd nicht allzu gut ausgesehen. Es geht jetzt aber nicht um die schwachsinnige Behauptung, jeder 5.-Liga-Torhüter würde diesen Schuss halten. Nein, hinter dem ewigen Fussball-Geschlechter-Vergleich steckt etwas Grundsätzliches.

Aus anderen Sportarten kennen wir das kaum. Der Aufschlagrekord im Tennis der Männer liegt bei 263 km/h. Jener der Frauen bei 210,8 km/h. Der schnellste Mann läuft die 100 Meter in 9,58 Sekunden. Die schnellste Frau braucht für dieselbe Strecke fast eine Sekunde länger. Und Lara Gut gewinnt ihre Rennen nicht auf den Männerstrecken. Ein Problem? Im Gegenteil. Mann akzeptiert die eklatanten Unterschiede. Aber nicht, wenn es um Fussball geht.

Lara Gut gehört zu den besten Ski-Rennfahrerinnen der Welt. Lara Gut schafft sich Freiräume, um alles für den Erfolg zu tun. Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

Lara Gut gehört zu den besten Ski-Rennfahrerinnen der Welt. Lara Gut schafft sich Freiräume, um alles für den Erfolg zu tun. Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

Schweiz am Wochenende

Vielleicht fürchtet Mann um die Existenz der letzten Bastion, wo Mann noch Mann sein kann. Frauen im Militär, Frauen an der Landsgemeinde, Frauen in der Politik, Frauen in der «Sportschau», Frauen am Stammtisch, Frauen im Geschäft – hierarchisch unter mir und über mir und neben mir. Frauen überall. Deshalb Baby: Finger weg von meinem Fussball!

Grell, schrill, absurd

Doch wie sieht des Trottels Fussballwelt aus? Schön, spektakulär und grell. Aber das Bild beinhaltet auch korrupte Funktionäre. Gekaufte Weltmeisterschaften. Dubiose Mittelsmänner. Sklaverei auf WM-Baustellen. Prügelnde Hooligans. Absurd hohe Ticketpreise. Astronomische Ablösesummen. Wahnwitzige Saläre. Weltstars als Steuerbetrüger.

Und der Beste der Besten bezahlt einer Amerikanerin, die behauptet, von ihm vergewaltigt worden zu sein, 375 000 Dollar als Vergleich. Der Fall schlug im April kurz Wellen. Dann schoss Ronaldo fünf Tore im Champions-League-Viertelfinal gegen Bayern und später noch mal drei im Halbfinal gegen Atlético Madrid. Die Geschichte der Susan K. war längst vergessen.

Sogar Büsten werden von Fussballern wie Ronaldo fabriziert. Hier auf dem Flughafen Madeira, der nach ihm benannt ist.

Sogar Büsten werden von Fussballern wie Ronaldo fabriziert. Hier auf dem Flughafen Madeira, der nach ihm benannt ist.

KEYSTONE/EPA LUSA/GREGORIO CUNHA

Aller Fussball-Liebe zum Trotz: Ob all der Abgründe der abgehobenen Gockel wird es zunehmend schwieriger, sich für den ganz grossen Männerfussball bedenkenlos zu begeistern. Zum Glück ist der Fussball so gross, dass es nicht nur die entrückte Szene der Multi-Millionarios aus London, Paris, München gibt. Unsere Sehnsucht nach ehrlichem Fussball, der gespielt wird von Menschen, mit denen wir uns identifizieren können, stillen die Ronaldos und Messis nicht.

Konzentrat aus allem Schönen

Aber wir haben den Frauenfussball als echte Alternative. Gespielt von Menschen, denen nicht schon mit 16 jede Verantwortung abgenommen wird, selbst wenn sie als hochbegabt eingestuft werden. Gespielt von Frauen, die eher mehr leisten als die Männer, weil sie eine duale Karriere verfolgen, ja verfolgen müssen.

Martina Voss-Tecklenburg: «Gäbe es mehr Frauen in der Weltpolitik, hätten wir weniger Kriege.»

Martina Voss-Tecklenburg: «Gäbe es mehr Frauen in der Weltpolitik, hätten wir weniger Kriege.»

KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI

Denn Frauenfussball macht nicht reich, aber auch nicht dumm. Frauenfussball ist wie ein Konzentrat aus allem Schönen, was der Fussball bietet. Happening-Charakter, keine Gewalt in den Stadien, familiäre Atmosphäre, weder Theatralik noch Überhärte auf dem Platz und günstig. Ein Ticket für ein EM-Spiel der Schweizerinnen in Holland kostet 10 Euro.

Aber was, wenn irgendwann mehr Geld in den Frauenfussball fliesst? Gelingt es, den Spirit zu wahren? «Ich glaube schon», sagt Martina Voss-Tecklenburg, unsere Nati-Trainerin. «Denn Frauen haben eine andere soziale Kompetenz als Männer. Gäbe es mehr Frauen in der Weltpolitik, hätten wir weniger Kriege.»