Druck
Superman gibt es nicht – und trotzdem muss Marco Odermatt siegen

Marco Odermatt wird im Riesenslalom von Alta Badi Zweiter – dabei müsste er in den Augen vieler unbesiegbar sein. Das belastet. Und verbindet den 24-Jährigen mit dem einstigen Superstar Marcel Hirscher.

Martin Probst
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Marco Odermatt: Manchmal ist auch ein zweiter Rang fast wie ein Sieg.

Marco Odermatt: Manchmal ist auch ein zweiter Rang fast wie ein Sieg.

Alessandro Trovati / AP

Da steht er also wieder auf dem Podest. Und mancher Fan dürfte sogar ein wenig enttäuscht sein, dass Marco Odermatt nicht gewonnen hat. Dass der Norweger Henrik Kristoffersen noch etwas schneller war als der 24-jährige Schweizer.

Denn die Meinungen sind weitherum gemacht: Würde Superman Ski fahren, würde sich Clark Kent wohl in Odermatt verwandeln.

Wie fordernd es wirklich ist, von allen gelobt und zum Superstar erkoren zu werden, merkt man Odermatt nicht an, wenn er öffentlich spricht. Unaufgeregt beantwortet er Fragen, und fast entsteht der Eindruck, dass ihn überhaupt nichts aus der Ruhe bringen kann. Als gäbe es für ihn kein Kryptonit. Als wären seine Erfolge eine Selbstverständ­lichkeit.

Den Weltmeister traf es am schlimmsten

Dabei ist Odermatt nicht unbesiegbar. Logisch. Und doch erwarten es viele. Die beiden ersten Riesenslaloms der Saison hat er gewonnen, in Alta Badia wurde er nun Zweiter. Eine Nieder­lage? Odermatt sagt fast nebenbei, als ob er die Rolle, die ihm zugedacht ist, nicht verlassen will:

«Wenn Siege erwartet werden, kannst du nur noch verlieren. Doch Morgen kann ich hier gewinnen.»

Am Montag steht noch einmal ein Riesenslalom auf dem Programm. Odermatt wird wieder als Topfavorit gehandelt werden. Dabei war schon Rang zwei am Sonntag keine Selbstverständlichkeit, wie der Rennverlauf zeigt.

Am schlimmsten erwischte es den Weltmeister. Im Februar gewann der Franzose Mathieu Faivre in Cortina Gold. Am Sonntag führte er nach dem ersten Lauf und fiel noch auf Rang 16 zurück.

Faivre war längst nicht der Einzige, der nach hinten durchgereicht wurde. Gleich reihenweise scheiterten die Athleten an der Zeit von Patrick Feurstein.

Der 25-jährige Österreicher war als Dritter in den zweiten Lauf gestartet, machte 23 Plätze gut und wurde am Ende Vierter. Einzig Sieger Kristoffersen, der erstmals seit fast einem Jahr auf das Podest fuhr, sowie Marco Odermatt und der Österreicher Manuel Feller konservierten einen Teil ihres Vorsprungs auf den entfesselten Schützling von Ferdl Hirscher, dem Vater des einstigen Seriensiegers Marcel Hirscher.

Eine Versöhnung mit der Gran Risa

Wie es ist, ihn Alta Badia im zweiten Lauf zurückzufallen, weiss Odermatt aus eigener Erfahrung. Vor drei Jahren belegte er nach dem ersten Durchgang Rang drei und schied dann aus.

Vor zwei Jahren war er bei Halbzeit Zweiter, ehe er auf Rang fünf zurückfiel, sich am Meniskus verletzte und operiert werden musste. Und in der Vorsaison war Odermatt Dritter nach dem ersten Lauf und beendete das Rennen auf Rang vier. «Dieser zweite Platz ist darum eine Art Versöhnung mit der Gran Risa», sagt er.

Von den weiteren Schweizern überzeugte nur Justin Murisier. Der 29-Jährige war vor einem Jahr in Alta Badia als Dritter zum ersten und bisher einzigen Mal auf das Podest gefahren. Am Sonntag wurde er Siebter und vergab eine bessere Klassierung durch einen grossen Fehler in Lauf eins. «Den Sprung nach vorne habe ich mir für Montag aufgehoben», sagte Murisier.

Warum sich Marcel Hirscher oft geärgert hat

Doch damit zurück zu Odermatt und den riesigen Erwartungen. Marcel Hirscher war während seiner so erfolgreichen Karriere immer der Mann, der siegen musste. Wie schwierig das war, offenbarte er in einem Fan-Talk: «Es war beinhart. Dieser Druck war too much, wenn ich ehrlich bin. Ich habe mich oft geärgert, wenn es geheissen hat, ich bin in einem Flow und alles geht so leicht. Das ist überhaupt nicht leicht. Einen Flow hatte ich, glaube ich, nie.» Superman gibt es nicht.