Kampf gegen Doping
Donald Trump unterzeichnet ein Gesetz, das auch die Schweiz treffen kann

Die US-Justiz will zukünftig als erstes Land weltweit gegen Doping-Machenschaften vorgehen. Nur bei den eigenen Stars drückt man ein Auge zu.

Rainer Sommerhalder
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Wenn Supersprinter Noah Lyles beim Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich von der dopenden Konkurrenz geschädigt wird, kann künftig auch die US-Justiz ein Auge auf die Schweizer Veranstalter werfen.

Wenn Supersprinter Noah Lyles beim Leichtathletik-Meeting Weltklasse Zürich von der dopenden Konkurrenz geschädigt wird, kann künftig auch die US-Justiz ein Auge auf die Schweizer Veranstalter werfen.

Keystone (Zürich, 30. August 2018

Alles halb so schlimm. Zwei smarte Regierungsbeamte aus den USA begaben sich am Donnerstag auf eine Beschwichtigungstour. Sie erklärten an einer Sitzung des Europarates Zweck und Wirkung des neuen amerikanischen Dopinggesetzes. Der «Rodchenkov Anti-Doping Act» trägt den Namen des russischen Whistleblowers, der als Leiter des Moskauer Kontrolllabors zuerst den staatlichen Sportbetrug orchestrierte und ihn später zum Einstürzen brachte.

Das systematische russische Doping stand am Ursprung der neuen US-Gesetzgebung. Den Amerikanern war die Reaktion der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) zu unentschlossen und langsam. Deshalb sehen sich die USA nun auch bei Doping als Weltpolizist. Das Gesetz dient auch als politisches Instrument.

Die Augen der US-Justiz sind überall, nur nicht im eigenen Haus

Überall, wo kommerzielle Interessen amerikanischer Athleten oder in den USA tätiger Sponsoren durch eine sportliche Verschwörung betroffen sind, kann der Staat neu Verfahren einleiten. Erstmals macht ein Land die Gerichtsbarkeit für Dopingverstösse ausserhalb ihrer Landesgrenzen geltend.

Störend dabei ist, dass der US-Profisport wie die National Hockey League oder die National Basketball League sowie die rund 500 000 Athletinnen und Athleten im College-Sport nicht unter das neue Gesetz fallen. Es wird mit zwei Ellen gemessen.

Durch die Unterschrift von Donald Trump ist das Gesetz seit jüngstem in Kraft. Es sieht strafrechtliche Sanktionen gegen alle Personen vor, die an internationalen Dopingverschwörungen beteiligt sind. Dies mit Bussen bis eine Million Dollar und Gefängnis bis 10 Jahre.

Viel Kopfschütteln in der Sportwelt zum Vorgehen der USA

Das Gesetz ist das Thema schlechthin in der Anti-Doping-Welt. Es gibt Befürworter des amerikanischen Vorgehens wie etwa Irland, es gibt vehemente Gegner und es gibt Vertreter, die den Weg der USA differenziert betrachten. Dazu gehört die Schweiz.

Ernst König, Direktor von Antidoping Schweiz, begrüsst grundsätzlich Gesetze, die auch das Umfeld von dopenden Athleten ins Visier nehmen und dort eingreifen, wo Sportorganisationen Grenzen gesetzt sind. Ihn stört aber der Umstand, dass in den USA selbst ein wichtiger Teil des Sports ausgeklammert wird und er befürchtet durch den weltweiten Einfluss des Gesetzes eine Verkomplizierung von Ermittlungen.

Die beiden hochrangigen Beamten aus den USA bekräftigten im Europarat den Willen ihrer Regierung zur Zusammenarbeit in Dopingermittlungen. Konkret auf die Schweiz bezogen nannten sie das koordinierte Vorgehen mit der Bundesstaatsanwaltschaft gegen die Fifa 2015 als Beispiel.

Auf der USA-Reise in die Fänge der Justiz geraten

Einen anderen Fall erwähnt ein Experte im Sportstrafrecht, der explizit vor den weitreichenden Auswirkungen des Gesetzes warnt. Er erinnert an UBS-Banker, die bei der Einreise in die USA verhaftet wurden.

So könnten Schweizer Dopingermittler wie Ernst König, die an einem Fall arbeiten, welcher das Interesse der US-Justiz geweckt hat, zukünftig zu einer Zeugenaussage vor US-Gericht gedrängt werden – notfalls beim Grenzübertritt in die USA. Denn das Gesetz verlangt ausdrücklich den obligatorischen Informationsaustausch.

Die extraterritoriale Wirkung sieht der Fachmann als grösstes Risiko bei möglichen Folgen der US-Gesetzgebung. Auch die Wada kritisiert diesen Punkt scharf. Schliesslich hat sie vom internationalen Sport und der Staatengemeinschaft den Auftrag, Doping weltweit zu bekämpfen. Das US-Vorgehen widerspreche ihrem Auftrag.

Ein Kompetenzgerangel ist programmiert. In einem Fall wie der «Operation Aderlass» in Deutschland, wo es um Doping im Radsport und Langlauf ging, könnten künftig gleich drei Parteien ermitteln: die Dopingbehörde, der deutsche Staat sowie die US-Justiz.

Und solche Konflikte verkomplizieren sich vielleicht weiter. Dann, wenn Regierungen wie Russland oder China dem amerikanischen Modell folgen und ebenfalls weltweite Dopingpolizei spielen wollen. Man stelle sich vor, Russland versuche auf diesem Weg die Rechte der russischen Hockeyspieler in der NHL zu schützen.

Whistleblower verlieren sichere Garantien auf Schutz

Auch auf Whistleblower hat das neue Gesetz Auswirkungen. Bislang konnte die Wada solchen Hinweisgebern eine Perspektive und Sicherheiten anbieten. Neu muss sie darauf hinweisen, dass sie keinen Einfluss auf das Vorgehen der US-Justiz hat und ein geschlossener Deal unter Umständen zur Makulatur wird. Eine mögliche Strafverfolgung in den USA schreckt potenzielle Whistleblower wohl eher ab.

Ins Visier der US-Justiz könnte laut Expertenmeinung auch ein internationaler Sportanlass wie Weltklasse Zürich kommen, falls im Rahmen des Leichtathletik-Meetings ein grösserer Dopingfall geschieht. Im schlimmsten Fall kann Meeting-Direktor Andreas Hediger wegen mangelnder Sorgfaltspflicht belangt werden und auf dem Weg in die Ferien in Kalifornien an der US-Grenze eine böse Überraschung erleben.

Hediger kann sich nicht vorstellen, dass ihm solches widerfährt. «Die Sorgfaltspflicht als Veranstalter zu verletzten, wenn Athleten aus sportlicher Sicht eine Starterlaubnis haben, halte ich für schlicht nicht möglich».

Der Co-Direktor von Weltklasse Zürich weist insbesondere darauf hin, dass man alles gegen Doping mache, «das in unserer Macht steht. So bekommen Athleten mit einer Dopingvergangenheit bei uns beispielsweise keine Antrittsgage». Selbstverständlich verfolge man die Entwicklung betreffend Rodchenkov Act genau. Aber Angst vor dem nächsten US-Trip hat Hediger definitiv nicht.