Allez La Suisse
Die vergessene Schönheit

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen an der EM geht schnell vergessen, dass es auch schöne Seiten gibt im Fussball. So zum Beispiel die Brüderlichkeit vor und nach dem Spiel der Schweizer gegen Albanien.

Etienne Wuillemin
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Gemeinsam gegeneinander: Die Schweiz pflegt mit Albanien ein familiäres Verhältnis.

Gemeinsam gegeneinander: Die Schweiz pflegt mit Albanien ein familiäres Verhältnis.

Keystone

Vielleicht ist es schon vergessen gegangen. Der Fussball hat auch schöne Seiten. Vergessen gegangen, weil am TV andere Szenen zu sehen sind. Gestatten Sie mir, die Gewalt kurz auszublenden. Weil es auch anders geht. Auch jetzt, an dieser EM. Und wir Schweizer und Albaner sind mittendrin. Ein kleines Pub in Lens, es ist Samstagabend, das Spiel längst zu Ende. Es ist ein Miteinander. Sieger und Verlierer sitzen zusammen. Drinnen beim Feierabendbier erzählt ein guter Freund überwältigt von seinen Eindrücken des Tages.

Wie die Menschen schon frühmorgens singen, feiern, essen, trinken und sich zusammen fotografieren. Manche tragen Trikots, die zur einen Hälfte mit dem Schweizer Rot, zur anderen Hälfte mit dem albanischen Rot geziert sind. Es ist immer friedlich, freundschaftlich gar. Manch ein Schweizer schwenkt zum Spass auch einen Doppeladler.

Vielleicht ist das alles kein Zufall. Weil Spieler und Trainer mit ihrem respektvollen Umgang miteinander einen Weg vorgaben, dem die Fans gerne folgen. Schon Wochen oder Monate vor dem Spiel waren viele freundliche Worte zu vernehmen. «Ein Duell der Freunde» sollte es werden. Hart geführt, aber immer fair. Genau so ist es gekommen.

Vor dem Spiel hat Granit Xhaka via soziale Medien eine Message an seinen Bruder Taulant veröffentlicht. Wer sie liest, bekommt ein Gespür dafür, wie schwierig für die beiden dieses Spiel gegeneinander sein musste. Ihre innige Umarmung vor dem Spiel sagt alles. Natürlich hat es während der Partie einige Pfiffe gegeben. Man sollte sie nicht überschätzen. Entscheidender ist, wie die Albaner in der Niederlage Grösse zeigen. Wie die Schweizer im Triumph respektvoll bleiben. Das gilt für alle, Spieler wie Fans.

Das Fest in Lens neigt sich dem Ende zu. In der Bar läuft jetzt das Spiel England - Russland. Auf verschiedenen Handys werden die Gewaltszenen aus Marseille herumgereicht. Quälend langsam dringen die Bilder ins Bewusstsein. Ich gehe offline. Schön, gibt es dieser Tage Albaner und Schweizer, die uns an das Heile in der Welt glauben lassen.