Kolumne

«Die Schilderungen der jungen Athleten lassen einen erschaudern»

Steffi Buchli, 41, ist «MySports»- Programmleiterin, 2021 wird sie «Blick»-Sportchefin.

Steffi Buchli, 41, ist «MySports»- Programmleiterin, 2021 wird sie «Blick»-Sportchefin.

Steffi Buchli spricht in ihrer Kolumne über psychische und physische Misshandlung von Kindern und Jugendlichen im Juniorensport.

Mein Sportthema der Woche ist für einmal kein typisches Sportthema. Es ist vielmehr ein gesellschaftliches. Die diskutierten Fälle psychischer und physischer Misshandlung von Kindern und Jugendlichen im Juniorensport hat mich in den letzten Tagen aufgewühlt.

In der Schweiz beschäftigt uns gerade der Fall bei den rhythmischen Gymnastinnen im Schweizerischen Turnverband. Mädchen und junge Frauen sollen systematisch schikaniert und beleidigt worden sein. Es gilt bis heute die Unschuldsvermutung. Die Erfahrungen, von denen die Mädchen berichten, führen bei mir zu einem Kloss im Hals: Eine soll von der Trainerin als «fette Kuh» beschimpft worden sein, Athletinnen trainierten trotz Verletzungen, um nicht als Simulantin betitelt zu werden, die möglichen Folgen der ständigen Erniedrigungen: Angstzustände und Depressionen.

In Nordamerika ist das grosse Thema dieser Tage eine Sammelklage von Eishockeyspielern gegen den kanadischen Junioren-Verband. Die Vorwürfe sind happig: Mobbing, verbale Belästigung und sexueller Missbrauch, um nur drei Tatbestände zu nennen. Mehrere Opfer schildern die mutmasslichen Demütigungen und deren Folgen im Detail. Fürchterlich. Da wurden jungen Männern Gegenstände rektal eingeführt und sie mussten vor ihren Mannschaftskollegen deren Exkremente essen, während die Coaches zuschauten und lachten. Auch hier beschreiben die Athleten massive Spätfolgen des Erlebten.

Die Geschichten gleichen sich jeweils in ihrer Grausamkeit, egal wo und in welchem Sport sie sich ereignen. Die Schilderungen der jungen Athletinnen und Athleten lassen einen erschaudern. Wir erahnen immer nur dann, wenn mal wieder ein Opfer redet, wie viel Mut es braucht, sich zu outen und zu erzählen, was man erlebt hat.

Die prominenteste Schweizerin, die diesen Schritt gewagt hat, ist die Ex-Kunstturnerin Ariella Kaeslin. Ihr zolle ich dafür grössten Respekt. Mit dem Buch über die Schattenseiten ihres Athletinnenlebens «Leiden im Licht» hat sie Mut bewiesen und vielleicht – dies meine Hoffnung – einigen Mut gemacht. Einige denken nun vielleicht: «Warum ‹Mut›? Das muss sich doch niemand gefallen lassen?» Wenn es nur so einfach wäre.

Dan Carcillo heisst Kaeslins ebenso mutiges Pendant aus dem nordamerikanischen Eishockey. Der 35-Jährige führt die erwähnte Sammelklage im Eishockey an. Er ist kein No-Name, sondern wie Ariella Kaeslin ein Star seines Metiers. Ein zweimaliger Stanley-Cup-Sieger, der seine Stimme erhebt. «Was mir widerfahren ist, soll niemand mehr erleben», ruft er hiermit in die Sportwelt hinaus.

Was riskiert Carcillo mit seinem Outing? Er bricht mit einem Ehrenkodex, den es so längst nicht mehr geben dürfte: «Was in der Garderobe passiert, wird nicht nach aussen getragen!» schwören sich die starken Sportsmänner gegenseitig aufs Blut. Oder in der Mafiasprache: Omertà. Die Schweigepflicht der Mitglieder gegenüber der Aussenwelt. Oder auf Schweizerdeutsch gesagt: Wir wollen keine «Täderlichatzen».

Dies mag meinetwegen in der Sportgarderobe eine löbliche Eigenschaft sein, wenn es um Lappalien geht. Wenn es aber um gröbste Verfehlungen und Misshandlungen geht, sollte diese Hürde längst keine mehr sein. Raus damit, bitte, um künftiges Unheil zu verhindern.

Es gibt aus Sicht der Sportlerinnen und Sportler unglaublich viele vermeintlich gute Gründe, zu schweigen. Ungesundes Machtgefälle zwischen Coaches und Athleten, Druck von der Familie, die Angst vor dem eigenen Versagen, mangelndes Selbstwertgefühl, der eigene Ehrgeiz, die Befürchtung nicht ernst genommen oder angehört zu werden. Wie können wir dieses Schweigen brechen?

Indem wir anerkennen, dass es diese Fälle gibt. Indem wir nicht verharmlosen oder ins Lächerliche ziehen. Indem Verantwortliche nicht weg- sondern hinschauen. Indem wir den Kaeslins und Carcillos Mut machen, zu reden und anzuklagen. Es ist ihr Recht und ihre Pflicht. Dem Sport und den Athletinnen und Athleten zuliebe.

Wie bereitet man einen jungen, verletzlichen Menschen auf eine solche Welt vor? Für diese Erörterung reichen die Zeilen dieser Kolumne nicht aus, ich weiss. Meine vierjährige Tochter weiss zum Glück nicht, welch düsteres Thema mich diese Woche umtrieben hat. Aber das Pippi-Langstrumpf-Buch habe ich dieser Tage mit besonderer Inbrunst vorgelesen. Sich als das stärkste Mädchen der Welt zu fühlen, schafft so oder so eine gesunde Basis für alles, was kommt.

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