Champions League
Die Rückkehr der grossen Gefühle - Der FCB verwirrt die Fussballschweiz

Nach dem spektakulären 5:0 Heimsieg über Benfica Lissabon in der Champions League ist man sich nicht einig, ob die Krise beim FCB nun vorüber ist oder nicht. Mit diesem plötzlichem 5:0-Kracher verwirrt Basel die Fussballschweiz - und das ist gut so

Etienne Wuillemin
Merken
Drucken
Teilen
Momente für die Ewigkeit. Der FCB demütigt in der Champions League Portugals Rekordmeister Benfica Lissabon. Nun darf Basel sogar vom Achtelfinal träumen. Die nächsten beiden Spiele gegen ZSKA Moskau sind wegweisend.

Momente für die Ewigkeit. Der FCB demütigt in der Champions League Portugals Rekordmeister Benfica Lissabon. Nun darf Basel sogar vom Achtelfinal träumen. Die nächsten beiden Spiele gegen ZSKA Moskau sind wegweisend.

Keystone

Champions League, 5:0, kann das wahr sein? Der Blick schweift ins leere Rund des St. Jakob-Parks, es liegt eine stille Zufriedenheit in der Basler Luft. Die Gewissheit, endlich wieder eine magische Nacht erlebt zu haben. Aus den Boxen dröhnen die «Toten Hosen». Campino singt: «An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit.» Die FCB-Krise ist weit weg. Die Magie zurück. Und das alles innert Wochenfrist. Fussball, so unerklärbar und verrückt, dass man nur den Kopf schütteln kann.

Noch nie hat das Gesicht von Raphael Wicky als FCB-Trainer mehr von Erleichterung erzählt als an diesem Mittwoch kurz vor Mitternacht. Als er dieses Spiel aufarbeitet, bitten wir ihn, zu erörtern, ob dieser Abend nun eine Befreiung war. Oder doch eher eine Bestätigung seiner Ideen. Wicky entscheidet sich für einen Mittelweg. Spricht von Genuss, aber vor allem von «Bescheidenheit», die er weiter mit sich tragen werde. Denn: «Es war nie alles schlecht, als wir verloren. Aber es war auch nie alles gut, als wir siegten.»

Die Unendlichkeit durchbrechen

Vielleicht staunt auch Wicky ein bisschen über die letzten Wochen. Vor allem über die letzten sieben Tage, wo er mit seinem Team aus den Tiefen der Hölle eine Abkürzung direkt ins Wunderland gefunden hat. «Ich kenne ja die Geschichte dieses Vereins. Und ich kenne die Erwartungen. Darum haben mich die ersten Wochen nicht wirklich überrascht.» Sein Lächeln machte aber schon ziemlich deutlich, dass ihm der unvermittelte Höhenflug ganz gut passt.

Um die letzten Wochen der Basler Fussballwelt zu erklären, muss man das grosse Bild bemühen. Über all die Jahre wurde sogar manchen Protagonisten das gleichgültige Gewinnen zu uninteressant. Einfach nur siegen und dabei die Emotionen vergessen? Nein, das kann es nicht sein. Die Unendlichkeit des Moments liegt in diesem Fall nur in der Langeweile. Diese Unendlichkeit galt es zu durchbrechen.

Rückkehr Strellers

Vielleicht hat das niemand mehr gespürt als Marco Streller. Er weiss haargenau, wie die Basler Fussball-Seele tickt. Die Aufregung liegt in der weiten Welt und nicht nur vor dem eigenen Haus. In der Meisterschaft überdominant, europäisch aber überfordert? Nein, das soll nicht sein. Also kehrte Streller als Sportchef auf die grosse Bühne zurück und heckte mit dem Präsidenten Bernhard Burgener ein neues Konzept aus. Mehr Spektakel! Mehr Basler Identität.

Mehr Jugend. Für all das weniger Geld ausgeben – und trotzdem gleichermassen Erfolg haben.
Je mehr die neue Führung von Veränderung sprach, desto eher musste man meinen, die Vorgänger hätten fast alles falsch gemacht. Was natürlich absurd ist. Acht Meistertitel in Serie sind das eine. Das gute Themen-Management im Alltag das andere. Bernhard Heusler und Georg Heitz haben schier unerreichbare Massstäbe gesetzt.

Neues FCB-Gebilde

Prompt entstand ein faszinierendes, neues FCB-Gebilde, das von Tag zu Tag tiefer in den Schlamm rutschte. Aus den designierten Erfolgs-Evolutionären Burgener, Streller und Wicky wurde ein Krisen-Trio. Streller existierte gefühlt nur noch mit dem Feuerwehrschlauch (Geplatzter Transfer Ajeti. Rücktritt Delgado. Niederlagen auf dem Platz). Burgener will eigentlich am liebsten nie etwas sagen, merkt dann, dass er doch muss und gibt darum die plötzliche Einsatzpolizei («Einige Spieler geben nicht alles»). Derweil ahnt Wicky, dass die Spieler, die er zu Verfügung hat, mit seinen Ideen nicht ganz mithalten können.

Tomás Vaclík: 4.5 Vor dem Konter, der zum 2:0 führt, muss er reagieren. Tut dies stark in der kurzen Ecke und klärt zum Eckball. Ansonsten hatte er nichts zu tun.
14 Bilder
Marek Suchy: 5 Oft sieht man ihn nicht. Das hat damit zu tun, dass Benfica schlicht zu ungefährlich ist. Tritt in der Spielauslösung ab und an in Erscheinung.
Manuel Akanji: 5.5 «Joga bonito» gibt es beim Abwehrchef nicht zu sehen, dafür klärt er jeden Ball kompromisslos und lässt nichts anbrennen. Wichtig.
Éder Balanta: 5.5 Der Mann hat echt die Ruhe weg. Setzt auch dann zum Dribbling an, wenn drei Gegner bei ihm sind. Gefühlt unbezwingbar, vor allem in der Luft.
Michael Lang: 6 Eiskalt, wie er in der 2. Minute den Torreigen eröffnet. Spielt wieder so, wie er es letzte Saison getan hat - und könnte gar noch zwei mal nachlegen.
Taulant Xhaka: 5.5 Kratzt, rennt und beisst – wie es Wicky gewünscht hat. Erzwingt den Ballverlust vor dem 4:0. Nur die gelbe Karte hätte er sich sparen können.
Luca Zuffi: 5.5 Man kann fast froh sein, dass er vor dem 1:0 ausrutscht und der Ball bei Assistgeber Oberlin landet. Sonst wie immer mit technisch feiner Klinge.
Raoul Petretta: 6 Feiert sein Debüt in der Königsklasse und macht dies mit einer grandiosen Leistung. Hinten abgeklärt, und vorne mit einer Chance zu einem Tor.
Renato Steffen: 5.5 Perfekt, wie er den Ball auf Oberlin vor dessen Tor zum 2:0 spielt . Läuft unermüdlich und wirkt leidenschaftlich wie lange nicht mehr. Ein Antreiber.
Ricky van Wolfswinkel: 4.5 Erzielt sein erstes Champions-League-Tor. Zuvor aber ein Fremdkörper. Harmoniert nicht mit den Flügeln. Immerhin auch noch am 5:0 beteiligt.
Dimitri Oberlin: 6 Wow! Schlicht grossartig sein Auftritt. Zwei Tore, ein Assist, einen Penalty erzwungen. Und dann dieser unvergessliche Wahnsinnssprint vor dem 2:0.
Blas Riveros: - Der Paraguayer ersetzt in der 68. Minute Raoul Petretta. Darf sich auch noch als Torschütze feiern lassen. Zu kurz im Einsatz für eine Bewertung.
Mohamed Elyounoussi: - Ersetzt in der 74. Minute Oberlin. Auch er gleich mit einer guten Chance. Sein Schuss landet aber nur am Gehäuse. Zu kurz für eine Bewertung.
Geoffroy Serey Dié: - In der 80. Minute für Balanta eingewechselt. Darf einige Minuten auf der grossen Bühne geniessen. Zu kurz im Einsatz für eine Bewertung.

Tomás Vaclík: 4.5 Vor dem Konter, der zum 2:0 führt, muss er reagieren. Tut dies stark in der kurzen Ecke und klärt zum Eckball. Ansonsten hatte er nichts zu tun.

Zur Verfügung gestellt

Nach den Unentschieden gegen Sion und Lugano, nach Niederlagen gegen Lausanne und St.Gallen interessierten die Fragen bezüglich «Unterhaltung» und «Jugend» im FCB-Spiel so ziemlich niemanden mehr. Die Kernbotschaften hiessen plötzlich: Kampf, Leidenschaft, Solidarität. Und manch einer schaute heimlich auf die Tabelle und redete sich ein: Sechs Punkte Rückstand auf YB – was solls! Schliesslich geht die Meisterschaft noch lange.

Und nun ein derart überzeugender Auftritt in der Champions League! Mit einem überfallartigen Fussball, den die Schweiz in dieser Form selten gesehen hat. Nach zweieinhalb Monaten des «neuen» FCB bleibt darum nur ein Fazit: Bereits sind sämtliche Wünsche der neuen Führung erfüllt. Vorbei sind die Zeiten des emotionslosen, monotonen Gewinnens in Helvetien. Vorbei ist aber auch das Warten auf magische Momente auf Europas grösster Bühne. Zurück sind dafür Spannung und Emotionen. Es ist ein faszinierender Mix.