Radsport

Die rasende Ärztin Marlen Reusser kam aus dem Nichts – und will nun WM-Gold

Marlen Reusser zählt zu den WM-Favoritinnen, sagt aber: «Ich mache mir nicht zu viel Druck.»

Marlen Reusser zählt zu den WM-Favoritinnen, sagt aber: «Ich mache mir nicht zu viel Druck.»

Wie Quereinsteigerin Marlen Reusser unverhofft zur Schweizer Medaillenhoffnung im WM-Zeitfahren wurde.

Wenn Marlen Reusser am Donnerstag im WM-Zeitfahren startet, ist sie die Schweizer Hoffnungsträgerin. Vor wenigen Jahren hätte dies der 28-jährigen Bernerin niemand zugetraut. Während ihre heutige Konkurrenz Nachwuchsrennen fuhr und gefördert wurden, war Reusser viele Jahre weit weg vom Spitzensport. Ihre Berufswahl nahm einen anderen Weg: Sie studierte Medizin und wurde Ärztin.

Als die naturverbundene Frau aus Hindelbank vor drei Jahren eine Rennlizenz löste, wusste sie um ihre starke Physis. Doch selbst sie war überrascht, als sie ein paar Monate später an ihrer ersten Teilnahme sogleich Schweizer Meisterin im Zeitfahren wurde. Seit 2019 ist Reusser Radprofi und die klar beste Zeitfahrerin der Schweiz.

Ein ganzes Buch mit Verbesserungsvorschlägen

An der WM in Imola startet Reusser zwar auch im Strassenrennen, das Zeitfahren bleibt aber ihre Lieblingsdisziplin. Besser ist sie dort auch deshalb, weil sie im Feld taktische Fehler macht. Manchmal fühlt sich die 28-Jährige noch als Juniorin. «Ich könnte ein Buch darüber schreiben, was ich im Strassenrennen noch alles verbessern muss», sagt sie. Im Zeitfahren sieht sie noch in Sachen Technik Verbesserungspotenzial.

Als Marlen Reusser zum Favoritenkreis des WM-Rennens gefragt wird, zählt sie auf: Die Niederländerinnen Anna van der Breggen und Ellen van Dijk, die Amerikanerinnen Chloe Dygert-Owen und Amber Neben und die Deutschen Lisa Brennauer und Lisa Klein. Und sie selbst? «Ich denke, ich gehöre auch in diesen Kreis.» Sie hoffe darauf, eine Medaille zu holen. «Aber ich mache mir nicht zu viel Druck. Es braucht die Lockerheit.» Unterstrichen wird ihre Mit-Favoritenrolle dadurch, dass es sich bei der 32 Kilometer langen Strecke um eine wenig anspruchsvolle handelt. «Ich bin sehr zufrieden mit der Strecke», sagt Reusser.

Marlen Reusser.

Marlen Reusser.

Dass Reusser mental stark ist und über Nehmerqualitäten verfügt, zeigte sie im Frühjahr 2018. Um sich bei den Strassenrennen zu verbessern, startete Reusser beim GP Mobiliar in Kiesen, als einzige Frau im Männerrennen. Dabei stürzte sie nach einem Schwenker eines Konkurrenten im Feld schwer. Die Diagnose: mehrfacher Beckenbruch, Bruch des Kreuzbeins, Bruch des 5. Lendenwirbels. Reusser stand wieder auf, gab sich als Ärztin selber grünes Licht zum Training. An der WM 2018 klassierte sie sich fünf Monate nach dem schweren Sturz auf Rang 17. Sie war die beste Amateurin. In der Folge erhielt sie ein Angebot fürs verbandseigene Team des Weltverbands UCI. Sie kündigte ihre Stelle als Assistenzärztin und setzte auf die Karte Profisport. Der Erfolg gibt ihr recht: 2019 holt sie bei den Europaspielen in Minsk Gold und an der WM belegt sie den sechsten Rang. Seit diesem Jahr fährt sie für ein anderes Team, die Équipe Paule Ka.

Auch nach Corona machte Reusser dort weiter, wo sie aufgehört hat: erfolgreich. An der EM im August holte sie im französischen Plouay Bronze – trotz eines technischen Defekts. «Damals habe ich mich genervt. Jetzt bin ich stolz auf meine Leistung.» Das mysteriöse Problem mit der Kette und der Gangschaltung konnten zwar insgesamt vier Mechaniker nicht ganz eruieren, doch Reusser ist überzeugt, dass es sich an der WM nicht wiederholt: «Ich bin sicher, dass das Velo nicht das Problem sein wird.»

Die Motivation im routinierten Alter

Als Reusser plötzlich Teil des Profizirkus wurde, staunte sie. Darüber, dass in diesem so naturverbundenen Sport wenig ökologische Aspekte berücksichtigt werden. Oder darüber, wie viel Nahrungsergänzungsmittel oder Protein-Shakes konsumiert werden. Für Reusser, die jahrelang aufs Fliegen und auf ein Auto verzichtet hatte und für die Jungen Grünen für den Nationalrat kandidierte, ein Zwiespalt. Reusser will sich im Radsport einen Namen machen, um Dinge verändern zu können.

Letzte Woche fuhr sie ihre erste grosse Rundfahrt, den Giro Rosa. «Ich bin überrascht, wie gut ich diese Belastung körperlich vertragen habe», bilanziert Reusser. Die Tatsache, dass sie als Quereinsteigerin noch über wenig Rennerfahrung verfügt, sieht sie auch als Vorteil.

Wie lange die Ärztin noch als Radprofi durch die Gegend rast, lässt sie offen. Die Olympischen Spielen 2021 sind das grosse Ziel, «solange mache ich sicher weiter». «Aber ehrlich gesagt, gefällt mir der Radsport immer mehr.» Das Leben als Spitzensportlerin: Es passt irgendwie doch zu Marlen Reusser.

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