Fussball-Start ins neue Kalenderjahr
Die monströse Torflaute im Schweizer Fussball: Das sind die Gründe

Die Young Boys: minus 10. Der FC Basel: minus 13. Der FC St. Gallen: minus 14. Die Schweizer Spitzenklubs schiessen im Vergleich zum Vorjahr viel weniger Tore. Auffallend ist auch, wie schlecht die Super League mit Blick auf die anderen europäischen Ligen abschneidet. Warum ist das so?

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YB belagert im Spitzenkampf gegen St. Gallen das Tor der Gäste, scheitert aber immer wieder am überragenden Goalie Ati Zigi und an der fehlenden Kaltblütigkeit.

YB belagert im Spitzenkampf gegen St. Gallen das Tor der Gäste, scheitert aber immer wieder am überragenden Goalie Ati Zigi und an der fehlenden Kaltblütigkeit.

Freshfocus (Bern, 8. November 2020

Treffen sie endlich wieder?

YB belagert im Spitzenkampf gegen St. Gallen das Tor der Gäste, scheitert aber immer wieder am überragenden Goalie Ati Zigi und an der fehlenden Kaltblütigkeit.

YB belagert im Spitzenkampf gegen St. Gallen das Tor der Gäste, scheitert aber immer wieder am überragenden Goalie Ati Zigi und an der fehlenden Kaltblütigkeit.

Freshfocus (Bern, 8. November 2020

Mit dem Start der Super League ins neue Kalenderjahr – am Sonntag holen der FC Sion und der FC Lugano ihre am 10. Spieltag verschobene Partie nach –ist die Hoffnung verbunden, dass die Stürmer unter dem Christbaum ihre Ladehemmung abgelegt haben. Fast still und heimlich haben sich die Oberhausklubs in den 14 Runden seit dem Meisterschaftsstart am 19. September bis zur Winterpause auf Rekordkurs begeben. Bliebe die mickrige Quote von derzeit lediglich 2,37 Toren pro Spiel bis zum Saisonende konstant, würde die 18. Spielzeit seit Einführung der Super League zur torärmsten überhaupt. Noch dramatischer: Es wäre sogar jene mit den wenigsten Toren seit über 40 Jahren.

Die Fakten: Die Young Boys, in den vergangene Jahren eine Goalmaschine ohnegleichen, haben zehn Tore weniger erzielt als in den ersten 13 Spielen der Saison 19/20. Bei den Baslern fehlen 13 Treffer und bei den St. Gallern sogar 14. Das Total des Spitzentrios ist damit um 41,6 Prozent gesunken. Auch Servette (- 6) und Sion (- 4) haben ihren Beitrag zum Torshutdown beigetragen. Anders als der FC Luzern, der um sechs Tore besser dasteht als in der Vorsaison. Erstaunlich ist, dass der FCZ mit dem Safety-First-Trainer Massimo Rizzo drei Treffer mehr auf dem Konto hat; beim FC Lugano sind es zwei.

Nicht schon wieder! Miro Muheim trauert einer vergebenen St. Galler Chance nach.

Nicht schon wieder! Miro Muheim trauert einer vergebenen St. Galler Chance nach.

Freshfocus

Natürlich, die aktuelle Situation ist eine Momentaufnahme, vielleicht sogar ein Stück weit die Laune eines Zufalls. Es ist noch nicht einmal die Hälfte der Saison absolviert und die zehn Teams haben noch Zeit, das triste Bild zu korrigieren. Weil die vergangene Saison mit einem Schnitt von 3,01 Toren pro Spiel die achtbeste der bisherigen Super-League-Ära war, ist es nicht einmal undenkbar, dass der Wert so schnell wieder in die Höhe schiesst, wie er abgestürzt ist. Zumal in den vergangenen fünf Saisons in der Super League im Schnitt immer mehr als drei Tore fielen und sie deshalb von den Medien im europäischen Vergleich stolz als Torfabrik und Knallerliga gefeiert wurde.

Tote Hose seit dem 3:3-Spektakel zwischen St. Gallen und YB

Eines der aufregendsten Spiele in der Ligahistorie, das 3:3 zwischen St. Gallen und YB am 23. Februar 2020, liegt noch nicht einmal ein Jahr zurück. Es war der letzte Match vor Beginn der Coronapandemie und führt zur Frage, ob das Virus zumindest eine Teilschuld an der Tormisere hat. YB-Meistertrainer Gerardo Seoane sagt:

Es ist in der Tat auffallend, dass in der Super League bisher weniger Tore gefallen sind als in den Jahren zuvor.

Seine Begründung: «Der wegen Corona dicht gedrängte Spielkalender, verbunden mit eher defensiv ausgerichteten Teams und der Möglichkeit, fünf Auswechslungen vorzunehmen.» Damit hätten die Trainer bis zuletzt mehr Varianten. Mit der Folge, dass ein Einbruch und damit das eine oder andere Gegentor mehr verhindert werden könnten.

Gerardo Seoane, Trainer der Young Boys.

Gerardo Seoane, Trainer der Young Boys.

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Ein Blick in andere Länder spricht das Virus allerdings frei von Schuld. In der deutschen Bundesliga ist die Torquote auch ohne pushende Zuschauer und trotz eines kräfteraubenden Spielplans konstant und über 3,1 geblieben, in Österreich ist sie gar auf einen Rekordwert von 3,38 geklettert:

CH Media

Auch die Holländer haben sich im Vergleich zu 2019/20 verbessert und die Italiener strapazieren heuer die Tornetze mit einem Wert von 3,15 wie nie seit 1949! Corona hat definitiv keine lähmende Wirkung auf Stürmerbeine.

Was aber sind dann die Gründe, dass die letztjährigen Torgaranten YB (80 Tore), St. Gallen (79) und Basel (74) derart stottern? Die Ostschweizer bereits vier Mal 1:0, drei Mal 0:0 und einmal 0:1 gespielt haben? Ergebnisse, die an den italienischen Catenaccio der 60-er und frühen 70-er Jahre erinnern.

St. Gallens Trainer Peter Zeidler sagt:

Ich schicke mein Team in dieser Saison nicht mit einer anderen Ausrichtung auf den Platz als in der vergangenen. Wir spielen nicht defensiver.

Er denkt, die extreme Ausgeglichenheit führe dazu, dass hohe Siege wie das 4:1 des FCZ in Vaduz selten geworden seien. «Keine andere Liga ist so ausgeglichen, wie die unsere», sagt Zeidler. «Und alle Teams sind defensiv sehr gut organisiert.»

Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

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Nicht zu vergessen ist: Mit den St. Gallern Itten (19 Tore), Demirovic (14), dem Basler Ademi (13), dem Xamaxien Nuzzolo (13) und dem Thuner Munsy (12) sowie dem Luzerner Margiotta (11) haben sechs erfolgreiche Goalgetter der Liga den Rücken gekehrt. Mit ihnen sind 82 potenzielle Tore abhanden gekommen. Ein Blick auf die aktuelle Torschützenliste besagt, dass mit Turkes (Lausanne, 6), Sorgic (Luzern, 5) und Siebatcheu (YB, 4) die erhofften Nachfolger bisher nur teilweise in die Bresche sprangen. Auch YB’s Rekordtorschützenkönig Nsame (32 Spiele, 32 Tore) hinkt um vier Tore seiner letztjährigen Zwischenbilanz nach.

Luganos Goalie Noam Baumann rettet gegen St. Gallens Lukas Görtler (stehend).

Luganos Goalie Noam Baumann rettet gegen St. Gallens Lukas Görtler (stehend).

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Aber vielleicht liegt es, angeführt von den überragenden Zigi (St. Gallen), Baumann (Lugano), von Ballmoos (YB) und Müller (Luzern), auch ein bisschen an den guten Torhütern, dass die Kugel so viel seltener im Netz landet, als in fast allen Ländern Europas...

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