Eishockey
Die Macht eines grossen Namens: Lugano-Trainer Chris McSorley bleibt unantastbar

Selbst das zweitschlechteste Resultat seit 2006 führt in Lugano nicht zur leisesten Kritik an Trainer Chris McSorley.

Klaus Zaugg Jetzt kommentieren
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Chris McSorley, der Selbstvermarkter und Kommunikator an der Bande des HC Lugano.

Chris McSorley, der Selbstvermarkter und Kommunikator an der Bande des HC Lugano.

Namen sind nur auf den Dress genähte Buchstaben. So wird im Eishockey die Kraft des Kollektivs begründet, die sehr oft über grosse Namen zu triumphieren vermag. Eishockey als letztes echtes Mannschaftsspiel. Namen spielen hingegen bei den Coaches sehr wohl eine Rolle. Der Marktwert eines Spielers hängt von seiner Leistung auf dem Eis ab und verblasst ziemlich zügig. Der Marktwert eines Coaches kann hingegen Krisen und Jahre unbeschadet überstehen, wenn er die Kunst der Eigenvermarktung versteht.

Ein gutes Beispiel dafür liefert uns Chris McSorley, 59. Nie Meister und doch in Lugano verehrt wie ein Meister. Sein Vorgänger Serge Pelletier hatte letzte Saison Lugano in der Qualifikation auf den 2. Platz geführt. Er wusste schon vor dem Scheitern in den Playoffs gegen die Lakers, dass er gehen muss.

Die Klubführung hinter sich

McSorley ist soeben mit Lugano auf dem 9. Rang gestrandet. Seit dem letzten Titel von 2006 war Lugano in der Qualifikation nur ein einziges Mal (im Frühjahr 2011) auf Rang 10 noch miserabler. Keiner seiner Vorgänger – zum Beispiel Ivano Zanata, Kenta Johansson, Philippe Bozon, Patrick Fischer oder Sami Kapanen – konnte sich mit solchen Resultaten im Amt halten. Weil sie eben nicht das Charisma von McSorley hatten. Und so denkt in Lugano niemand daran, die Arbeit des Kanadiers kritisch zu beurteilen. Es wäre hockeytechnische Blasphemie.

In Lugano denkt niemand daran, die Arbeit des Kanadiers kritisch zu beurteilen.

In Lugano denkt niemand daran, die Arbeit des Kanadiers kritisch zu beurteilen.

Samuel Golay

Nun hat er seine Fangemeinde in Luganos Führungsetage nicht enttäuscht und die schwache Qualifikation mit einem Zückerchen versüsst: Er hat Servette in den Pre-Playoffs überraschend eliminiert. Auf dem Papier ein klar besserer, wenn nicht gar übermächtiger Gegner: In der Qualifikation auf Rang 7 zwölf Punkte besser und dazu Vorjahresfinalist!

Traumgegner im Viertelfinal

Ein Triumph für die Legendenbildung: McSorley hatte Servette vor 20 Jahren in der NLB übernommen und zum bestfunktionierenden Sportunternehmen in der Romandie gemacht. Vor einem Jahr musste er gehen und kämpft vor Gericht um eine Abgangsentschädigung von 7,6 Millionen Franken. Nun die Rache auf dem Eis. Im Rückblick sagt er, nie daran gezweifelt zu haben, diese Pre-Playoffs zu gewinnen.

Im Viertelfinal trifft Lugano auf Zug. Auf den Meister und Qualifikationssieger. Sozusagen ein «Traumgegner». Gewinnt Lugano, wird McSorley als Grösster der Klubgeschichte (seit 1941) verehrt. Verliert Lugano mit Spektakel und Getöse, ist er immer noch ein Held, und alle werden glücklich sein. Mag sein, dass er mit dem Team untergeht.

Im Viertelfinal trifft Lugano auf Zug.

Im Viertelfinal trifft Lugano auf Zug.

URS FLUEELER

Aber er wird schlau darauf hinweisen, welch übermächtiger Gegner die Zuger waren, und wohl Schiedsrichter-Entscheide in seine Argumentation einbauen. Und alle werden glücklich sein. «Nein, so ist es nicht», widerspricht er solchen Ausführungen. «Niemand ist bei uns glücklich, wenn wir verlieren.» Aber man könnte mit einem Ausscheiden leben, wenn jeder sein Bestes gegeben habe. Und wessen Urteil zählt, ob man das Beste gegeben habe? Natürlich das von McSorley.

Hat Lugano eine Chance gegen Zug?

Hat Lugano eine Chance gegen Zug? McSorley sieht die Möglichkeit, gegen Zug zu bestehen. Allerdings schränkt er ein: «Mirco Müller brauchen wir schon.» Der kräftige Defensiv-Verteidiger fehlte in den beiden Pre-Playoff-Partien gegen Servette. Chris McSorley hofft auf das Comeback des Nationalspielers.

Um Zug in Bedrängnis zu bringen, braucht es allerdings auch einen grossen Torhüter. Nik­las Schlegel war in den beiden Partien gegen Servette statistisch ein Grosser: 97,73 Prozent der Pucks stoppte er beim 2:1 in Genf, 92,34 Prozent beim 4:3 n.V. in Lugano.

Niklas Schlegel so gut wie Leonardo Genoni? Niemals wird ein Trainer, der bei Sinnen ist, seinen eigenen Goalie kleinreden. Aber Chris McSorley, dieser Hexenmeister der Selbstvermarktung und Kommunikation, findet auch auf eine solche heikle, ja boshafte Frage eine kluge Antwort: «Leo ist Leo. Das wissen wir alle, und darüber brauchen wir keine Worte zu verlieren.»

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