Schweizer Sportler wissen nicht, wie ihr Weg nach Tokio aussieht

Swiss Olympic sucht mit den Sportverbänden Lösungen, wie man nach einer Flut von Absagen der Olympia-Qualifikationen die Selektionskonzepte für die Sommerspiele in Japan anpassen muss.

Rainer Sommerhalder
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Ralph Stöckli, Chef der Olympischen Missionen.

Ralph Stöckli, Chef der Olympischen Missionen.

Bild: Keystone

Ob die Olympischen Spiele von Ende Juli in Tokio trotz Corona-Virus stattfinden, wird nicht heute und morgen entschieden. Viel brennender ist derzeit die Frage: Wie erobern sich Schweizer Athleten überhaupt einen Startplatz am wichtigsten Sportanlass des Jahres? Der vorgesehene Weg ist blockiert, denn täglich werden weltweit immer mehr Qualifikationswettkämpfe verschoben oder abgesagt. Judo, Boxen, Ringen, Segeln, Basketball, Rudern, Taekwondo und Wasserball – überall ist unklar, wie Quotenplätze vergeben werden sollen.

Ralph Stöckli, der Chef der Olympischen Missionen bei Swiss Olympic, bekommt die Verunsicherung von Sportlerinnen und Sportlern hautnah mit. Und er zeigt grosses Verständnis dafür: «Diese Unsicherheit kann lähmend wirken. Die Athleten sind sich gewohnt, eine Qualifikation an Wettkämpfen untereinander auszumachen. Und sie steuern ihr Leistungsvermögen auf diesen Moment hin.»

«Gibt kaum Entscheid, der alle glücklich macht»

Und nun ist plötzlich alles anders. Weil der in den Selektionskonzepten der 37 olympischen Sommersportverbände der Schweiz festgehaltene Prozess mit den abgesagten Wettkämpfen in vielen Fällen nicht mehr durchsetzbar ist, muss man neue Kriterien finden. Oft finden sich Lösungen entweder in einer allgemeinen Beurteilung von sportlichem Leistungsvermögen oder im Blick zurück auf vergangene Resultate und Ranglisten. Ralph Stöckli ist bewusst, «dass es kaum ein System und kaum einen Entscheid gibt, der alle glücklich macht». Deshalb zeigt er auch Verständnis, «wenn Athleten Fragen haben». Schliesslich sind Olympische Spiele für viele von ihnen das grösste Ziel der sportlichen Karriere.

Bei der Frage, wer es nach Tokio schafft, gibt es zwei Ebenen. Bereits selektioniert hat Swiss Olympic erst Sportkletterin Petra Klingler und die beiden Kanuten Martin Dougoud und Thomas Koechlin. Insgesamt rechnet Stöckli nach wie vor mit einem Team von rund 110 Schweizer Sportlerinnen und Sportlern. Rund ein Drittel der zu vergebenen Quotenplätze ist persönlich. Etwa in den Kampfsportarten definiert der internationale Fachverband die Qualifikationswettkämpfe und berücksichtigt beispielsweise die besten acht Sportler einer Gewichtsklasse. Hier wartet Swiss Olympic genauso wie die Athleten, welche Anpassungen der derzeitige Wettkampfstopp mit sich bringt. Einfluss darauf hat man nicht.

Grosszügige Haltung bei der Selektion

Anders sieht es in jenen Sportarten aus, wo die Schweiz als Nation Quotenplätze erobert hat. Bei diesen rund 45 Startplätzen definieren die nationalen Fachverbände gemeinsam mit Swiss Olympic, wer sich auf welchem Weg für Tokio qualifizieren kann. «Wir sind daran, gute und faire Lösungen zu finden», sagt Ralph Stöckl. In den meisten Fällen ist es noch zu früh, im derzeitigen Krisenmodus bereits verlässliche Antworten zu präsentieren. Stöckli denkt, dass noch viele Wettkämpfe abgesagt werden müssen. Der Chef de Mission für Tokio 2020 lässt aber durchblicken, dass auch Swiss Olympic bei diesen Entscheidungen kulant sein wird. Eine grosszügige Haltung für die Selektion von Athletinnen und Athleten, die ihr Leistungsvermögen bis zur Deadline vielleicht gar nicht mehr unter Beweis stellen können, hat bereits IOC-Präsident Thomas Bach angekündigt.