Kunstturnen
Der Zwergenaufstand an der Kunstturn-WM in Glasgow

Simone Biles und Kohei Uchimura sind die grossen Favoriten an der WM. Die Amerikanerin hat im Mehrkampffinal die Chance, als erste Frau dreimal in Serie Weltmeisterin zu werden. Derweil strebt der Japaner seinen sechsten WM-Titel in Folge an.

Rainer Sommerhalder, Glasgow
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Seit 2008 ist Uchimura im Mehrkampf an Titelkämpfen ungeschlagen.

Seit 2008 ist Uchimura im Mehrkampf an Titelkämpfen ungeschlagen.

Keystone

Schotten sind echte Männer. Wenn sie sich sportlich betätigen, werfen sie am liebsten Baumstämme durch die Gegend oder Heuballen in die Höhe. Aber Kunstturnen?

Exakt 20 Jahre nachdem in Grossbritannien das Zwergenwerfen als menschenverachtende Disziplin verboten wurde, sind kleine Männer und Frauen für die urchigen Schotten offensichtlich wieder das Grösste. Selbst dem stämmigen Vater, der problemlos für eine Statistenrolle im Film «Braveheart» taugen würde, scheint es nicht weiter peinlich zu sein, wenn der zehnjährige Sohn vor dem Stadion der WM-Turner pausenlos Handstand und Überschlag vorführt, anstatt einem Ball nachzujagen.

Biles so populär wie Lady Gaga

Gemessen an der Kolonne von Fans, welche nach dem ersten Auftritt von Simone Biles vor dem Stadion für ein Autogramm des US-Turnstars anstehen, scheint das 1,45 m kleine Energiebündel in Glasgow noch gefragter zu sein als Lady Gaga, die an gleicher Stätte vor zwei Jahren die Massen elektrisiert hatte.

Ja, Kunstturnen ist populär in Schottland. Und neben dem Support für das britische Heimteam stehen vor allem zwei Vertreter der Turnerspezies in der Gunst der Fans ganz oben: Biles und der Japaner Kohei Uchimura – mit 1,61 m Körpergrösse auch nicht gerade ein Riese, in seiner Heimat aber einer der Grössten des Sports. Sowohl Biles wie «King Kohei», wie sein Spitzname lautet, können in Glasgow Turngeschichte schreiben. Die 18-jährige Texanerin hat heute im Mehrkampffinal die Chance, als erste Frau dreimal in Serie Weltmeisterin zu werden. Deutlicher als bei Biles kann eine Favoritenrolle nicht sein. In der Qualifikation betrug ihr Punktevorsprung auf die zweitplatzierte Giulia Steingruber mehr als die Differenz zwischen der Schweizerin und der Turnerin auf Rang 41.

Bei Uchimura ist die Erfolgsserie noch eindrücklicher. Seit 2008 ist er im Mehrkampf an Titelkämpfen ungeschlagen. In Glasgow strebt er seinen sechsten WM-Titel in Folge an. Als Vergleich: Vor dem 26-Jährigen hat nie ein Turner mehr als zweimal einen Mehrkampf-Titel gewonnen.

Von Giulia Steingruber erntet sie tiefe Bewunderung: Simone Biles.

Von Giulia Steingruber erntet sie tiefe Bewunderung: Simone Biles.

Keystone

Simone Biles ist klein gewachsen und erinnert in ihrer bulligen Art an Xherdan Shaqiri. Schnell hören die Gemeinsamkeiten aber auf, denn Biles zeigt sich im Interview ausserordentlich gesprächsgewandt und deutlich reifer, als man es einer erst 18-Jährigen, die ihr Leben grösstenteils in Trainingshallen verbringt, zugestehen würde. Vielleicht liegt es an der aussergewöhnlichen Geschichte der dunkelhäutigen Sportlerin. Als eines von vier Kindern einer drogensüchtigen Mutter wies sie ein Gericht früh einer Pflegefamilie zu. Ihre Grosseltern verhinderten dies, in dem sie Simone zusammen mit ihrer jüngeren Schwester adoptierten. Obwohl sie ab und zu Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter hat, bezeichnet Biles ihre Grossmutter Nellie als «Mom». Die Grosseltern versuchen bis heute, ihrer Adoptivtochter in der kargen Freizeit ein möglichst normales Leben als Teenager zu bieten. Erst seit Ende September ist Simone Biles in sozialen Medien vertreten, seit dem Sommer kümmert sich ein Manager um ihre Vermarktung. Zuvor versuchte man, all dies möglichst lange von ihr fernzuhalten. Auf die Frage, welche ihrer sieben WM-Goldmedaillen ihr optisch am besten gefalle, antwortete Biles: «Ich weiss es nicht, Mom hat alle zu Hause im Safe eingeschlossen.»

Bewunderung von Steingruber

Giulia Steingruber bewundert an ihrer Konkurrentin wie so viele, «die unglaubliche Coolness und Ruhe im Wettkampf. Man sieht ihr an, dass sie Spass daran hat. Manche bezeichnen sie als Roboter, das würde ich nicht so sagen.» Biles selber meint dazu: «Alle denken, ich sei ein Roboter. Aber ich denke, Kohei ist einer.» Der Japaner freut sich über diese Aussage: «Viele sagen, ich turne wie eine Maschine. Für mich ist das ein Kompliment, denn ein Roboter kann in seinen Ausführungen so präzise sein wie kein Mensch.» Uchimura strebt im Kunstturnen nicht nach Titeln, sondern nach Perfektion. Und das mit einem ganz eigenen Stil, wie Pablo Brägger, bester Schweizer Mehrkämpfer, sagt: «Obwohl er die höchsten Schwierigkeiten turnt, sieht es so leicht aus. Jeder möchte turnen können wie er.»