Zusammengepfercht in einer Kabine der Matterhorn-Seilbahn spekulierten Trainer über ihren möglichen neuen Chef. Viele Namen schwirrten herum, keiner hatte Stéphane Cattin auf der Liste. Nur Swiss-Ski-Direktor Markus Wolf, der nach der unerwarteten Wahl selber einräumte: «Für manche ist das vielleicht eine Überraschung.»

Der 49-jährige Cattin stammt aus dem bernjurassischen Villeret bei St-Imier, ist zweifacher Familienvater und war schon als Lehrling Skiklub-Präsident. Als persönlicher Betreuer von Mike von Grünigen war er an dessen WM- und Weltcupsiegen mitbeteiligt. Als Kombi-Gruppentrainer der Frauen führte er Fränzi Aufdenblatten zum ersten Podestplatz und Nadia Styger zum ersten Sieg sowie zwölf Top-Ten-Klassierungen.

Vom Tellerwäscher zum Direktor Ski Alpin

Trotzdem hielt sich Cattins öffentliche Wahrnehmung in überschaubarem Rahmen. Stets blieb er, bescheiden und unauffällig, im Hintergrund. Noch heute will er sich nicht mit fremden Lorbeeren schmücken: «Von Grünigen und ich waren kein Privatteam. Ich kümmerte mich um ihn, wenn er ausserhalb des Teams unterwegs war. Sonst arbeitete ich als Assistent der Gruppenchefs Louis Monnet oder Osi Inglin.»

Es war die Zeit der vier Riesen-Musketiere: von Grünigen, Urs Kälin, Steve Locher und Paul Accola. Da von Grünigen auch Slaloms bestritt, die andern drei jedoch Super-Gs, erforderte das eine sorgfältige Planung. «Der damalige Cheftrainer Dieter Bartsch», so Cattin, «suchte eine Lösung und kam auf mich.»

So wurde er Weltcup-Trainer, nachdem er sich als Pool-Servicemann im C- und B-Kader das fachtechnische Know-how angeeignet hatte. Und schlug eine ähnliche Tellerwäscher-Karriere ein wie sein Mentor Bartsch, der Schöpfer des Schweizer «Frauen-Wunders» in den 1980er-Jahren, der es ebenfalls vom Kantenschleifer zum Skichef gebracht hatte.

Probleme mit Nadig und Maze

Als von Grünigen 2003 aufhörte, wechselte Cattin zu den Frauen, wo er sich vor seiner zweiten Saison mit der neuen Chefin Marie-Theres Nadig überwarf. Nadig wollte die Kombi-Gruppe, der auch die junge Fabienne Suter angehörte, mit den Abfahrerinnen zusammenlegen, weil sie Cattin die Kompetenz auf der Abfahrtspiste nicht zutraute. Er zog die Konsequenzen und ging.

Auch als Stöckli-Rennchef geriet er mit einer selbstbewussten Frau ins Gehege. Es handelte sich um eine gewisse Tina Maze. «Die Zusammenarbeit war schwierig», erzählt Cattin. «Innerhalb eines Winters demontierte sie drei Serviceleute. Es gab unvorstellbare Übungen: Ski holen, Ski bringen, neue Ski bauen – alles empfand sie als negativ. Ich hatte die Nase voll und entschloss mich zu einem kompletten Wechsel.»

Als Forstwart ein Werkzeugkenner

Vier Jahre arbeitete er bei der Skifirma Fischer in Kaderpositionen, dann verliess er die Branche endgültig. Er heuerte bei der «Usine Métallurgiques» in Vallorbe an, einem Unternehmen mit 50 Millionen Franken Umsatz, das Werkzeuge, Feilen, Raspeln, Sägeblätter und so weiter herstellte. «Als gelernter Forstwart», so Cattin, «hatte ich Erfahrung im Umgang mit solchen Dingen.»

Innert kürzester Zeit stieg er vom nationalen und internationalen Verkaufsleiter bis in die Geschäftsleitung auf und reiste zwei-, dreimal im Jahr um die ganze Welt, von Indonesien und China über Japan bis nach Südamerika.

Als die Firma nach Frankreich verkauft wurde, kündigte Cattin und kehrte zu Fischer zurück, als Geschäftsleiter. Bis ihn der Ruf von Swiss-Ski erreichte: «Als Wolf mit mir den Termin vereinbarte, glaubte ich, es gehe um die Firma Fischer als grosser Ausrüster des Verbandes.» Als ihm Wolf klaren Wein einschenkte, habe er durchgeatmet und innerlich Jein gesagt.

Die Zitrone braucht mehr Saft

Drei Wochen später sagte er Ja und erklärt den wichtigsten Punkt seines Pflichtenhefts: «Eine Kernaufgabe betrifft das System des Athletenwegs. Wie bringen wir genügend Athleten nach oben? An der Weltcup-Spitze mische ich mich nicht ein. Mit Hans Flatscher und Tom Stauffer haben wir zwei Chefs, von denen ich voll überzeugt bin.»

Cattin sieht sich als Teamplayer, der gerne Meinungen austauscht und die Kompetenz bündelt. Sonst kann es vorkommen, dass man im Alleingang falsche Entscheide fällt und es nicht merkt, weil man zu sehr von sich überzeugt ist.» Er gibt sich aber keinen Illusionen hin: «Diese Saison wird nicht einfach. Mehr als die Zitrone auspressen kann man nicht. Aber dafür sorgen, dass sie ein bisschen wächst und mehr Saft bekommt.»