Internationaler Fussball
Der Fahrstuhl am Stiefel Italiens ist stecken geblieben

Heute verkörpert das stolze Lecce Stagnation und Nostalgie und ist damit ein Sinnbild für den Calcio. Ein Besuch beim ehemaligen Serie-A-Klub, der nach Spielmanipulationen und Zwangsrelegation mittlerweile drittklassig spielt.

Calvin Stettler, Lecce
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Wunderbare Abendstimmung im Stadio Via del Mare in Lecce beim Match gegen Catania.

Wunderbare Abendstimmung im Stadio Via del Mare in Lecce beim Match gegen Catania.

«Ihre Identitätskarte.» Die Stimme hallt uns aus einer kleinen Öffnung des rustikalen Betonbaus entgegen. Es ist die Stadionkasse mit einer Fassade, gezeichnet vom Wetter und Wutausbrüchen. Die Glasscheibe, die uns von der Kassierin trennt, ist zersprungen. Der Griff in die Hosentasche erinnert daran, dass die geforderte Plastikkarte noch bei der freundlichen Dame an der Hotelrezeption weilt. Die Diskussionen beginnen.

Die Anzeigetafel ist weg.

Die Anzeigetafel ist weg.

In Italien sind personifizierte Tickets längst Norm. Ein pragmatischer Ansatz im Kampf gegen die Hooligans. Der positive Eindruck verflüchtigt sich jedoch rasch. Die Identitätskarte meines Begleiters reicht aus, um trotzdem zwei Tickets für das Spiel zu kriegen. «Ausnahmsweise», stellt die Kassierin klar. Die Fassade erleidet heute keine weiteren Schäden.

Verpflegung am Kiosk.

Verpflegung am Kiosk.

Ein Blick auf das Ticket erklärt, was uns erwartet: Lecce gegen Catania, dritthöchste italienische Fussball-Liga. Im ersten Moment frei von jeglichem Spektakel. Doch die Begegnung am Absatz des italienischen Stiefels bietet einen Einblick in den fussballverrückten Calcio abseits der grossen Vereine aus dem Norden. Für einen ungedeckten Tribünenplatz bezahlen wir 16 Euro. Für die Leute in Apulien ein stolzer Preis, wenn man das sowohl aus wirtschaftlicher als auch sportlicher Perspektive wertet.

Wenig Anhang in der Arena

Während unseres nachmittäglichen Ganges durch Lecces barocke Altstadt drängte sich vor allem ein Bild in unser Bewusstsein: diese grosse Menge an Ramschläden, die mit Merchandise der US Lecce die architektonisch reizvollen Gassen verunstalten. Gemessen an dieser Präsenz ist die Heimstätte der Uniono Sportiva Lecce heute mässig gefüllt. Früher kamen über 30 000 Tifosi, an diesem lauen Herbstabend sind es 8762. Nur der Stolz scheint noch immer erstligatauglich.

Die in die Jahre gekommene Spielstätte gleicht einer Gladiatorenarena. Die Mannschaften sind bereits da, gleich 18 Fotografen sind für deren Ablichtungen besorgt. Und auch die «Curva Nord», der hart gesottene Anhang der Apulier, macht sich lautstark bemerkbar. Wir studieren das Matchblatt. Kein Name ist geläufig.

Manipulationen

Das war nicht immer so. Einst war Lecce ein stolzer Klub in der damals glamourösen Serie A. Heute kämpft die gebeutelte Liga gegen Gewalt, Rassismus, schwindende Attraktivität, rückläufige Zuschauerzahlen, abwandernde Talente und auch gegen Manipulation. Die US Lecce gilt seit je als Fahrstuhlverein, weil sie neben den zahlreichen Aufstiegspartys auch regelmässig Abstiege zu verdauen hatte. Jüngst hielten die Relegationen Oberhand.

Der Fahrstuhl ist längst stecken geblieben. Dass sich Lecce gegenwärtig überhaupt in der fussballerischen Belanglosigkeit befindet, hat man dem ehemaligen Präsidenten Pierandrea Semersro zu verdanken. Dieser manipulierte 2013 Begegnungen, um den sportlichen Abstieg aus der Serie B zu vermeiden. Erfolglos. Die Konsequenz: Zwangsabstieg.

Besucher werden zweimal kontrolliert.

Besucher werden zweimal kontrolliert.

Italiens führende Sportzeitung bezeichnete das Spiel im Vorfeld als Duell der Nostalgiker. Denn nicht nur Lecce sehnt sich nach den alten Zeiten, sondern auch Catania. Die Süditaliener waren vor zwei Jahren noch erstklassig. Die Sizilianer wurden ebenso wegen Spielmanipulationen in die dritthöchste Liga verbannt. Auch in diesem Fall investierte der Klubpräsident Antonio Pulvirenti unlauter in den Verbleib in der Serie B. Ausgerechnet jener Mann, der mit seinem Saubermann-Image zuvor als nächster grosser Fussballfunktionär in Italien gehandelt wurde. Die Manipulationen hatten Catanias Zwangsabstieg sowie zwölf Minuspunkte zum Saisonstart zur Folge.

Gästefans feiern im Kerker

Die Startminuten passen dann auch vorzüglich in das Abbild, das die beiden Vereine abgeben. Sturer Catenaccio. Unattraktiver Defensivfussball mit vereinzelten Konteransätzen also. In der Peripherie des Stadions notieren wir die Gästefans. Rund 75 Catania-Anhänger sind es, die in einem überschaubaren Sektor, der einem Kerker gleicht, sich selbst feiern. Dann ist Pause. 0:0.

Die Flut an Impressionen hält weiter an. Eine Stadionwurst suchen wir vergebens. Stattdessen hat ein kleiner Kiosk geöffnet. Verkauft werden haltbare Dinge wie Dosen-Cola, Filterkaffee und Chips. Unter dem Tresen lächelt die Aufstiegsmannschaft aus der Saison 07/08 auf einem Poster. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Vitalität der US Lecce auf deren Nostalgie gründet.

Jeder kommt mit dem Auto.

Jeder kommt mit dem Auto.

Die düstere Gegenwart ist omnipräsent. Während Lecce in Halbzeit zwei mit der eigenen Durchschlagskraft hadert, greift die «Curva Nord» ins Geschehen ein: Mit einem Laserpointer stören Fans gegnerische Spieler. Zwischendurch lassen Knallkörper aufhorchen. Nichts im Vergleich zu den Ausschreitungen im Sommer 2013. Damals verpasste Lecce gegen Carpi knapp den Aufstieg in die Serie B. Lecces Tifosi taten ihren Unmut kund, steckten Autos in Brand und beschädigten das eigene Stadion. Einer der hitzigsten Momente der Klubgeschichte.

Anzeigetafel ist nicht mehr da

Vom Aufstieg sind die Apulier heuer bereits weit entfernt, der Saisonstart verlief ernüchternd. Die nächste Enttäuschung bahnt sich an. Wir sind in der Schlussphase, die Spielminute müssen wir schätzen, da, wo die Anzeigetafel hängen sollte, sehen wir nur kahlen Beton und Anzeichen einer Demontage. Das zähe Spiel endet torlos und wir begeben uns umgehend zum Auto. Die Gefahr einer Blechlawine besteht, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist hier niemand an. Geparkt haben wir auf einer Autobahn-Ausfahrt, was hier keine Besonderheit zu sein scheint. Doch bald stehen wir im Stau. Wie der Fussball in Lecce.

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