Marco Wölfli steht in der Mixed-Zone des Stade de Suisse und könnte heulen. Doch der 27-Jährige reisst sich zusammen und sagt tapfer: «Nur weil wir den Titel verspielt haben, ist nicht alles schlecht. Das i-Tüpfelchen fehlt uns jetzt halt, aber der Klub ist in Bewegung.»

Es ist der 16. Mai 2010. YB und sein Goalie haben soeben zum zweiten Mal eine Finalissima gegen Basel verloren. Wie zwei Jahre zuvor im St. Jakob-Park heisst es auch dieses Mal: YB 0, FCB 2. Erneut hat Valentin Stocker das wegweisende erste Tor geschossen. Dennoch sagt Wölfli: «Wir haben Fortschritte erzielt und kommen dem Titel immer näher.»

Siebeneinhalb Jahre später steht der inzwischen 35-Jährige im Medienraum des Stade de Suisse. Zwar ist er noch immer ein titelloser Young Boy, aber von allen YB-Profis der mit Abstand gefragteste Mann.

Weil sich Stammgoalie David von Ballmoos so schwer an der Schulter verletzt hat, dass er in dieser Saison kaum mehr spielen kann, ist Wölfli unverhofft noch einmal zur Nummer 1 aufgestiegen. Vier Jahre lang hat er seit einem Achillessehnenriss am 8. Dezember 2013 in Thun den Schalensitz auf der Tribüne oder die Ersatzbank gedrückt.

Da der Trainer auf die hoch talentierten Yvon Mvogo und von Ballmoos gesetzt hat, ist er nur in 15 Pflichtspielen zum Einsatz gekommen. Aber Wölfli, der 2002 debütiert hatte, als die Super League noch NLA hiess und der während zehneinhalb Saisons Titular war, blieb ein vorbildlicher Sportsmann. Er half den jungen Konkurrenten, wo er konnte, und drohte nie mit einem Abgang.

Hütter setzt auf Wölfli

Zwar haben die Young Boys in dieser Woche mit dem 27-jährigen Alexandre Letellier von Angers einen Torhüter aus der französischen Ligue 1 verpflichtet, doch YB-Trainer Adi Hütter hat zur Freude von Wölfli klargemacht, dass dieser vorderhand gesetzt sei. Eine spannendere Konstellation hätte sich dieser für sein Comeback nicht aussuchen können.

YB-Goalie Marco Wölfli in Aktion (Archiv)

YB-Goalie Marco Wölfli in Aktion (Archiv)

«In Bern warten wir seit 31 Jahren auf einen Titel. Jetzt stehen wir mit zwei Punkten Vorsprung auf dem 1. Platz und haben eine gute Stimmung. Ich bin überzeugt davon, dass wir Meister werden können», sagt Wölfli.

Obwohl er nur allzu genau weiss, dass es 2010 sogar sieben Punkte gewesen sind, die YB und den FCB beim Rückrundenstart getrennt haben und der Konkurrent vom Rhein nun ausgerechnet noch den YB-Schreck Stocker zurückgeholt hat.
Doch Wölfli hat ein starkes Argument: «Unser Team ist zusammengeblieben!» Obwohl für die besten YB-Spieler Angebote vorlagen, ist es Sportchef Christoph Spycher gelungen, alle Akteure in Bern zu halten.

Was vor acht Jahren noch anders war, als Abwehrchef Saïf Ghezal den Klub unter dubiosen Umständen verliess und der FCB vermeldete, YB-Spielmacher Gilles Yapi werde im Sommer zu Basel wechseln. Was Gelbschwarz und dessen Trainer Vladimir Petkovic vielleicht entscheidend aus der Fassung brachte.

Aus den Enttäuschungen gelernt

Dass diese alten Geschichten vor dem Start zum Titelduell wieder hervorgekramt werden, liegt auf der Hand. Und speziell ist, dass mit Wölfli nun ausgerechnet ein Mann das YB-Tor hütet, der wie kein anderer für den Begriff «veryoungboysen» (verspielen, verbocken, versagen) steht. Doch jetzt will der Grenchner dem Schicksal ein Schnippchen schlagen.

Er habe aus den vielen Enttäuschungen gelernt, wie wichtig es sei, nach einer Niederlage wieder aufzustehen und nie den Glauben zu verlieren, sagt Wölfli. «Und ich bin ja der Einzige, der die YB-Traumen noch erlebt hat. Die Jungen sind unbelastet und die Routiniers mental reif genug, um mit dem Druck umzugehen.»

Wölfli glaubt nicht, dass sein Alter und die fehlende Spielpraxis ein Nachteil seien. «35 Jahre sind für einen Goalie kein Problem: Ich habe in der Vorbereitung viel gespielt und denke, dass mich die letzten Jahre auf der Ersatzbank reifer gemacht haben.»

Hütter und Spycher stärken ihm den Rücken. «In der Vorrunde musste er gegen GC rein und hielt super», lobt der Trainer. «Gegen Kiew war er grossartig. Wir geben Marco die Chance, die er verdient», sagt der Sportchef. Es wäre eine unglaubliche Story, würde Wölfli YB nun zu einem Titel hexen.