Champions League
Das grosse Rechnen - wohin führt die Reise des FC Basel in den europäischen Wettbewerben?

Unterschiedlicher könnten die Gefühlswelten kaum sein. Einmal ein 5:0 gegen Benfica Lissabon. Eine laue, magische Sommernacht, voller Euphorie. Dann plötzlich ein 1:2 gegen ZSKA Moskau. Die kalte, ungemütliche Realität ist zurück, ein Abend voller Ernüchterung.

Etienne Wuillemin
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Nach der Niederlage gegen ZSKA Moskau muss Wicky die verpasste Chance verdauen

Nach der Niederlage gegen ZSKA Moskau muss Wicky die verpasste Chance verdauen

KEYSTONE/EPA/YURI KOCHETKOV

Mitternacht naht im St. Jakob Park, als FCB-Trainer Raphael Wicky seine Gefühle zur Lage der rotblauen Macht darlegt. Er lässt einen tiefen Einblick zu. «Wut ist keine dabei, das nicht», sagt er, «aber die Enttäuschung ist gross – und das darf sie auch sein.»

Der FC Basel hat seine hervorragende Ausgangslage in der Champions League etwas gar fahrlässig aus der Hand gegeben. Zwei Spiele verbleiben nun. Es kommt zu einem Fernduell mit Moskau um den zweiten Rang. Basel ist dann im Achtelfinal, wenn Moskau in den zwei letzten Spielen höchstens gleich viele Punkte gewinnt. Was also liegt da näher, als bei dieser Ausgangslage bereits etwas zu rechnen?

Frage also an Viktor Gontscharenko: Was gibt Ihnen die Gewissheit, am 5. Dezember kurz vor Mitternacht auf dem zweiten Gruppenrang zu stehen? Nun könnte man als Trainer auf so eine Frage vieles sagen. «Weil wir charakterstark sind», zum Beispiel. Oder: «Weil wir viel Qualität haben.» Oder vielleicht auch: «Weil ich daran glaube.» Nicht so Gontscharenko. Seine ziemlich nüchtern vorgetragene Rechnung geht (leicht abgekürzt) so:

Schritt 1: «Als Nächstes kommt Manchester United nach Basel. Dieses Team ist Spitzenklasse.» Heisst: Keine Chance für FCB-Punkte, weil viel zu starker Gegner.

Schritt 2: «Benfica Lissabon ist sicher ziemlich sauer, in Basel 0:5 verloren zu haben.» Heisst: Keine Chance für FCB-Punkte in Portugal, weil Revanche und so.

Schritt 3: «Wir treten am Schluss gegen Manchester United an. Da fehlt ihnen dann wahrscheinlich die Motivation.» Heisst: ZSKA Moskau wird sich dann die entscheidenden Punkte holen. Und wenn nicht, dann eben vorher zu Hause gegen Benfica Lissabon, weil lange Reise und ganz kalt und so.

Und was denkt Raphael Wicky über diese Rechenkünste? Zuerst lacht er. Dann fragt er: «Wie geht das nochmal?» Er hört erneut zu. Und sagt: «Hm, ich weiss nicht, ob es viel bringt, allzu weit in die Zukunft zu rechnen. Ich mache das eher nicht.» Einen Satz zur Ausgangslage liess sich Wicky dann aber doch noch entlocken: «Ja, die Enttäuschung ist gross im Moment. Aber Anfang der Saison hätten wir wohl gesagt: Sechs Punkte aus vier Spielen – das nehmen wir! Nun müssen wir eben aufstehen und das Beste daraus machen.»
Noch besteht die Chance, dass aus der FCB-Ernüchterung plötzlich wieder Euphorie wird.