Frauenfussball
Cinzia Zehnder gibt ihr Leben als Vollprofi auf: «Möchte meine Zeit nicht nur auf dem Platz verbringen»

Die Frauen-Europameisterschaft ist vorbei. Die Schweizerinnen tauchen wieder ein in verschiedene Welten – doch nicht alle bleiben dabei Profi. Cinzia Zehnder kehrt nach zwei Jahren in der Bundesliga zurück in die Schweiz zum FC Zürich. Damit sie neben dem Fussball noch Medizin studieren kann.

Etienne Wuillemin
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An der EM gehörte Cinzia Zehnder zu den Aufsteigerinnen.

An der EM gehörte Cinzia Zehnder zu den Aufsteigerinnen.

Keystone

Es ist eine Mischung aus Frust und Enttäuschung, die dominiert. Lange waren die Schweizerinnen nahe dran am Exploit gegen Frankreich. Der EM-Viertelfinal schien greifbar. Doch dann kam dieses Gegentor, dieses 1:1, das alle Träume platzen liess. Während die Konkurrenz ab diesem Wochenende in den K.-o.-Spielen den Europameistertitel ausspielt, sind die Schweizer Fussballerinnen bereits wieder zu Hause.

Cinzia Zehnder ist eine davon. Sie ist so etwas wie die Schweizer Aufsteigerin des Turniers. Gegen Österreich zuerst Ersatz. Dann, in den beiden besseren Spielen gegen Island und Frankreich, Stammspielerin. «Es war ein Auf und Ab der Gefühle. Die EM war für mich ein Riesenerlebnis. Aber klar, so kurz nach dem Ausscheiden geht es niemandem besonders gut.»
Frust. Enttäuschung. Aber da ist noch mehr – Melancholie.

Schweizer Frauen-Nati gegen Frankreich an der EM 2017
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Abily kann sich gegen Bernauer durchsetzen.
Crnogorcevic trifft per Kopf zum 1:0...
...und freut sich mit ihren Mitspielerinnen.
Hier muss sich Bachmann gleich gegen zwei Gegenspielerinnen beweisen.
Le Sommer versucht sich gegen drei Schweizerinnen durchzusetzen.
Bachmann zögert nicht beim Zweikampf gegen Le Sommer.

Schweizer Frauen-Nati gegen Frankreich an der EM 2017

Keystone

Cinzia Zehnder sagt: «Wer weiss, vielleicht werde ich in Zukunft nicht mehr so viele Spiele auf diesem Niveau haben.» Warum das so ist? Die Geschichte der bald 20-jährigen Zehnder erzählt etwas über die Problematik, mit der viele Fussballerinnen auch heute noch zu kämpfen haben. Zentral dabei ist die Frage: Wie viel investiere ich, um Profi-Fussballerin sein zu können? Und was erhalte ich zurück?

Kicken auf der Kuhwiese

Die Liebe zum Fussball entdeckt Zehnder im Kindergarten. Mit ihren Gspänli spielt sie in der Pause auf einem Platz, der einer Kuhwiese ziemlich ähnlich sieht. «Er war auch schräg. Wir haben jeweils gelost, wer von oben nach unten spielen darf.»

Sie bearbeitet ihre Eltern. So lange, bis diese einwilligen, dass Klein Cinzia 5-jährig in die Fussballschule darf. Eigentlich wäre der Eintritt erst ab acht möglich. «Manchmal helfen Beziehungen», sagt Zehnder und lacht.

Die Freude am Fussball wächst. Die Karriere verläuft rasant. Mit 14 wechselt Zehnder zu Kirchberg in die NLB. Ein Jahr später zum FC Zürich in die NLA. Auf den Tag genau am 15. Geburtstag ist ihr Debüt. «Wir haben 5:1 gewonnen. Aber nach 60 Minuten war ich komplett ausgelaugt.»

«Wie Ferien» oder «langweilig»?

Neben dem Fussball absolviert Cinzia Zehnder die Kantonsschule in Wil. Das bedeutet: immer wieder verzichten. Wenn Freundinnen nach dem Unterricht zum Kaffeetrinken gehen, muss sie ins Training. «Der Zug war mein zweites Zuhause.» Aber die Schule leidet nicht. Auch, weil sie schnell lernt, sich zu organisieren. «Das brauchte eiserne Disziplin. Und ich war immer auf mich alleine gestellt.»

2015 schliesst Zehnder mit der Maturität ab. Es ist erneut Zeit für einen nächsten Schritt. Sie wechselt nach Freiburg. Bundesliga. Profi. Endlich!

Zehnder freut sich auf das Abenteuer. Plötzlich ist der latente Stress weg. Ein Training am Tag. Und viel Zeit für sich selbst. «Zwei Monate fand ich es super. Es war wie Ferien. Doch dann wurde es langweilig.» Sie beginnt, Spanisch zu lernen. Absolviert einen Rettungsschwimmerkurs. Und besucht ein Pflegepraktikum, das sie auf ein Medizinstudium vorbereitet.

Von der Hand in den Mund

Sportlich läuft es zu Beginn nicht wie gewünscht. Statt Stammspielerin ist sie nur Ergänzungsspielerin. In der Rückrunde nehmen die Einsatzminuten zu. Doch es bleibt ungewohnt, so viel Zeit zu haben. «Ich habe gerne ein volles Programm. Organisiert und strukturiert», sagt sie. Also beginnt Zehnder im Sommer 2016 mit dem Medizinstudium. «Ich dachte: Schauen wir mal, wie das geht.»

Die ernüchternde Erkenntnis kommt rasch. Die Leistung auf dem Platz lässt nach. Dazu kommt eine Art Angst vor den Trainings. «Manchmal dachte ich: Ich bin ja sowieso müde – also kann ich gar nicht gut sein.» Zehnder fühlt das Leben an sich vorbeirauschen. «Ich dachte: Ich will mehr Zeit fürs Studium. Und ich will mehr Zeit für den Fussball. Aber jetzt ist beides irgendwie erzwungen.» Sechs Jahre so durchhalten? Unmöglich. Es bleibt nur ein Ausweg. Die Rückkehr nach Zürich. Der Wechsel an die Universität und zurück zum FCZ.

Natürlich, die bescheidenen Einkünfte sind mit ein Grund dafür. 1200 Euro pro Monat verdient Zehnder bei Freiburg. Dazu kommen einige Euro Punkteprämien. Wobei fast ein Drittel wieder wegfällt wegen der Steuern. «Alles in allem habe ich von der Hand in den Mund gelebt. Es hat gereicht. Aber etwas auf die Seite legen? Unmöglich!»

Ausgezogen, um die Beste zu sein

Szenenwechsel. Ramona Bachmann sitzt in einer Lounge in Zurzach. Es ist noch vor der EM. Sie erzählt von ihrem Leben bei Chelsea. Endlich findet sie bei einem Klub ein Umfeld vor, von dem sie immer geträumt hat. Ein Leben als Profi, professionell von A bis Z. Sie sagt: «Ich habe einen Erfahrungsschatz von mittlerweile zehn Jahren. So gut wie bei Chelsea habe ich mich als Fussballerin noch nie gefühlt.»

Ramona Bachmann fühlt sich wohl als Profi.

Ramona Bachmann fühlt sich wohl als Profi.

Alex Spichale

Als 16-Jährige ist sie ausgezogen, um die Beste der Welt zu werden. Ohne abgeschlossene Lehre. Manch einer in ihrer Heimat in Luzern hielt das für ein Risiko, manch einer machte den Eltern gar Vorwürfe, erzählte Vater Martin Bachmann jüngst der «NZZ». Bachmanns Eltern liessen Ramona gehen.

Und die Tochter kämpfte sich hoch. Schweden. USA. Deutschland. Zehn Jahre lang. Und jetzt, angekommen in einer anderen Welt, in London, bei Chelsea. Wo Roman Abramowitsch seit kurzem auch den Frauen-Fussball entscheidend fördert.

«Ich bereue nichts»

Wenn Cinzia Zehnder ihre Geschichte erzählt, dann tut sie das ohne jede Verbitterung. Sie ist mit sich im Reinen. Glücklich über ihren Weg. «Ich habe die zwei Jahre in der Bundesliga genossen. Aber für mich wäre ein Leben als Profi zu einseitig. Ich möchte meine Zeit nicht nur auf dem Fussballplatz verbringen.»

Darum kehrt Zehnder für die neue Saison zurück in die Schweiz, zum FC Zürich. Und beginnt an der Universität ein Medizinstudium. Was hat das für Folgen für ihre Karriere? Die Karriere als Profi ist wohl zu Ende. Gleichzeitig weiss sie auch: Mitten im Semester für zwei Wochen fehlen? Das wird mehr als eine Herausforderung. Darum ist es gut möglich, dass Zehnder künftig nicht alle Zusammenzüge des Nationalteams wahrnehmen kann.

Cinzia Zehnder bereut ihren Schritt nicht.

Cinzia Zehnder bereut ihren Schritt nicht.

Alex Spichale

Wie denkt sie jetzt, so kurz nach der EM, die für sie so positiv verlaufen ist, über ihren Entscheid? «Ich bereue ihn nicht. Ich spüre einfach etwas Melancholie. Ganz wichtig ist mir: Ich finde es toll, wenn junge Frauen sich entscheiden, voll auf die Karte Fussball zu setzen. Wer immer es kann, soll es machen. Aber für mich stimmt mein Weg.»

Eines freut Cinzia Zehnder besonders. Die Reaktion von Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg. «Sie sagte mir: ‹Es ist deine Entscheidung. Zwar nicht die beste aus fussballerischer Sicht. Aber ich respektiere sie.› Anstatt Vorwürfe kamen sofort Vorschläge.» Nun versucht der Verband, dass Zehnder in Zürich Zusatztrainings absolvieren kann mit Junioren. Vielleicht lassen sich so Tempo und internationale Härte aufrechterhalten.

Die gewünschte Anerkennung

Ramona Bachmann darf in London in eine Welt eintauchen, die den allermeisten Schweizer Fussballerinnen verborgen bleibt. Das Salär ist anständig, im tiefen sechsstelligen Bereich pro Jahr. Sie geniesst das Leben als Profi. Hat ausgiebig Zeit für Training und Regeneration. Und auch, um Hobbys wie dem Shopping zu frönen.

Sie sagt: «London passt zu mir.» London, das ist die Stadt, die immer etwas lauter und forscher und hektischer wirkt als viele andere. Auch Home-Storys ist Bachmann nicht abgeneigt. Es ist auch eine Art Anerkennung, die sie sich immer gewünscht hat.

Die EM ist vorbei. Zeit für die Schweizer Fussballerinnen, nach vorne zu blicken. Bald schon beginnt die WM-Qualifikation. 15. September: Albanien - Schweiz. 19. September: Schweiz - Polen. Doch es beginnt auch eine andere Welt. 18. September: erste Vorlesung für die Studierenden an der medizinischen Fakultät in Zürich.