Schiesssport
Lucky Luke im Visier - Ein faszinierender Selbstversuch mit Pistole

Der Schützensport fasziniert und beängstigt zugleich. «Nordwestschweiz»-Sportredaktor Sébastian Lavoyer hat ein Schnuppertraining in der Gemeinschaftsschiessanlage Muttenz besucht – und einige neue Erfahrungen gemacht.

Sébastian Lavoyer
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Die Hand zusammengedrückt, als würde man eine Pistole auspressen – so soll der erste Schussversuch ein Erfolg werden.

Die Hand zusammengedrückt, als würde man eine Pistole auspressen – so soll der erste Schussversuch ein Erfolg werden.

Juri Junkov

Ein lauter Knall. Ich zucke zusammen. Kaum ist der Fokus wieder da, knallt es erneut. Meine Hand zittert, das Visier wackelt vor der Scheibe. So wird das nie etwas. Verdammt noch mal. Ruedi neben mir kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er sagt: «Konzentrier dich nur auf deine Pistole, dein Ziel.»

Vor meinem inneren Auge sehe ich mich als Lucky Luke. Alles easy, ist ja nur ein sehr lautes Geräusch, mit dem obligaten Gehörschutz weit weniger schädlich als ein wummernder Boxenturm direkt neben dem Ohr während eines Disco-Ausflugs am Wochenende. Wieder ein Knall. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich tanzen. Stopp. Nicht Disco, Lucky Luke. Fokus wieder auf die Scheibe. Den Abzug bis zum Druckpunkt ziehen und dann gleichmässig die Hand zusammenzudrücken, «als würde man eine Zitrone auspressen», wie man uns bei der Instruktion sagte. Peng. Mein erster Schuss mit einer Pistole.

«Die präziseste Pistole der Welt», sagt Instruktor Ruedi über die SIG P210.

«Die präziseste Pistole der Welt», sagt Instruktor Ruedi über die SIG P210.

bz

Das Szenario wiederholt sich zwei, drei Mal. Dann sagt Ruedi, mein Instruktor an diesem sonnendurchfluteten April-Abend, ich solle die Pistole runternehmen. Wenig später liegt die SIG P210 vor mir auf der Ladebank. Ein 9-Millimeter-Standardkaliber. Ruedi schwärmt von der «präzisesten Pistole der Welt», während die Zielscheibe auf uns zu braust. Dann sehe ich die Einschusslöcher auf der dunklen Scheibe: 4, 6, 7, 9. Alle ein bisschen tief. «An der Waffe liegt es also nicht», stelle ich nüchtern fest. Ruedi schüttelt lachend den Kopf.

Dem Imageproblem zum Trotz

Mit elf anderen Neugierigen bin ich an diesem Freitag kurz vor sechs Uhr abends bei der Gemeinschaftsschiessanlage in Muttenz im Kreis gestanden. Schnuppertraining Pistolen- und Gewehrschiessen – so hiess das Angebot des Baselbieter Sportamts. Und obwohl ich erwartete, einen Abend unter Männern zu verbringen, sind fast die Hälfte derer, die da im Halbkreis stehen und lauschen, Frauen. Überhaupt bewegen sich auf der Schiessanlage auffällig viele Frauen. Rund ein Drittel so der Eindruck, den Kurt Meyer bestätigt. Er ist Schützenmeister und Geschäftsleiter der Schiessanlage, die sich 14 Schützenvereine teilen. Nebenberuflich versteht sich.

Zu seiner linken steht Peter Kotzurek, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Baselbieter Sportamts und mitverantwortlich für das Programm «BLyb SPORTlich» des Kantons Baselland. Es gehe darum, die Vereine zu unterstützen mit diesen Schnupperkursen. Während Jahren war die Zahl der aktiven Schützen rückläufig. Seit einiger Zeit hat sich die Situation jedoch stabilisiert.

«Bei uns muss man einen Ausweis vorlegen»

Meyer, der Chef-Schütze, sagt gar: «Wir haben dauernd Anfragen, eine Zeit lang wurden wir fast überlaufen. Aber wir sind kein Turnverein, bei uns muss man zuerst einmal einen Ausweis vorlegen.» So dürfen Menschen aus Algerien, Sri Lanka, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Serbien oder der Türkei grundsätzlich weder eine Waffe besitzen noch einen Schiessstand betreten.

Kurt Meyer (2. v.r) «Wir sind kein Turnverein, bei uns muss man zuerst einmal einen Ausweis vorlegen.»

Kurt Meyer (2. v.r) «Wir sind kein Turnverein, bei uns muss man zuerst einmal einen Ausweis vorlegen.»

bz

Denn obwohl die Schützen das Schiessen als Sport betrachten, kann man mit Pistolen und Gewehren natürlich andere Dinge anstellen. Immer wieder die Nachrichten von Amokläufen aus den USA, die Berichte von Selbstmorden mit der Ordonanzwaffe, terroristische Attentate. Das Schiessen hat ein Imageproblem. Paradoxerweise stieg die Zahl der Waffenbesitzer in den vergangenen Jahren aber stark.

2016 wurden in der Schweiz mehr Waffenerwerbsscheine ausgestellt als je zuvor. So verzeichneten die meisten Kantone 2016 einen Anstieg, in den Spitzenkantonen Genf und Uri waren es fast 50 Prozent mehr. Die meisten Kantone registrierten einen Zuwachs zwischen 20 und 30 Prozent. «Wohl aus Angst», mutmasst Meyer – vor den diffusen Bedrohungen der Gegenwart.

Lucky Luke oder doch eher Tell?

Die Menschen, die an diesem Freitag in der Lachmatt in Muttenz versammelt sind, und sich einführen lassen in die Kunst des Schiessens mit Pistole und Gewehr, wirken nicht verängstigt. Stellvertretend sagt Vera Binder aus Liestal: «Angst? Ja, vor Waffen. Nie im Leben möchte ich eine zu Hause haben. Aber ich habe noch nie geschossen und war neugierig. Ich mag dieses Angebot des Sportamts und suche mir immer etwas Exotisches aus.»

Vera Binder, Teilnehmerin Schnuppertraining, rechts: «Angst? Ja, vor Waffen. Nie im Leben möchte ich eine zu Hause haben. Aber ich habe noch nie geschossen.»

Vera Binder, Teilnehmerin Schnuppertraining, rechts: «Angst? Ja, vor Waffen. Nie im Leben möchte ich eine zu Hause haben. Aber ich habe noch nie geschossen.»

bz

Und davon gibt es immer wieder etwas. Man versucht neue Trends zu erkennen und ihnen gerecht zu werden, sagt Kotzurek vom Kanton. So habe man unlängst im Paddeln so viele Interessenten gehabt, dass man gleich drei Kurse ansetzen konnte.

Der metallische Geruch von Schiesspulver liegt in der Luft. Eben haben wir innerhalb von 50 Sekunden drei Schuss abgefeuert. Ein kleiner Wettbewerb unter den neugierigen Neulingen. 30 Punkte als Maximum. Der Gewinner schafft starke 28 Zähler. Ich komme mit drei Achtern immerhin auf 24. Ruedi, der mit vollem Namen Rudolf Gilgen heisst, klopft mir auf die Schultern: «Gut gemacht, darauf könnten wir aufbauen.»

Dann knallt es wieder nebenan. Wieder fahre ich zusammen. Vielleicht wäre eine Armbrust doch interessanter für mich als eine Pistole, vielleicht bin ich doch eher ein Tell als ein Lucky Luke.

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