Super League
Babbel-Nachfolger Seoane: Er weiss, wie die Innerschweiz tickt

Gerardo Seoane hat bei seinem ersten Spiel als Trainer des FC Luzern etwas geschafft, das noch keiner vor ihm tat: Sein Team ging nach 48 Sekunden in Führung. Erfahren Sie hier die Mittel, wie der Rothenburger seine Spieler selber formen und so eine neue Mentalität ins Spiel bringen möchte.

Markus Brütsch, Luzern
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Aktiv, aber nie hektisch: Gerardo «Gerry» Seoane bei seinem Debüt als Cheftrainer des FC Luzern.

Aktiv, aber nie hektisch: Gerardo «Gerry» Seoane bei seinem Debüt als Cheftrainer des FC Luzern.

KEYSTONE

Seit gestern ist rüdig viel los in Luzern — die berühmte Fasnacht hat begonnen. Vor einem Jahr hat ihr sogar einer wie Roger Federer die Ehre erwiesen. Doch all jenen, die stolz ein Foto von ihm machten, sei gesagt: Reingefallen! Das war gar nicht Federer, sondern der Fussballtrainer Seoane!

Der Chefcoach des FC Luzern ist nämlich ein begeisterter Fasnächtler und hat schon viele gute Kostüme getragen. Heuer allerdings muss er kürzertreten; er hat gerade viel zu tun im neuen Job. Nachdem die Luzerner mit einem 2:1 über Lausanne perfekt ins Jahr gestartet sind, tüftelt Gerardo Seoane jetzt den Matchplan für die Partie bei GC aus.

Er weiss, dass die Zürcher mit schnellem Umschaltspiel den Erfolg suchen und ihnen schon einige Teams ins offene Messer gelaufen sind. «Vielleicht stehen wir nicht mehr ganz so hoch wie gegen Lausanne, aber an unserer Aggressivität wird sich nichts ändern», verspricht Seoane.

Sich Volksnah zeigen

Seoane ist Nachfolger von Markus Babbel

Seoane ist Nachfolger von Markus Babbel

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Natürlich ist die Fasnacht bis zum GC-Spiel tabu. Am Güdismontag aber soll sich die Mannschaft in der Stadt zeigen. «Wir wollen volksnah sein und uns unter die Leute mischen», sagt Seoane. Der 39-jährige Rothenburger, der in der Region aufgewachsen ist, weiss, wie die Innerschweiz tickt.

«Den Leuten ist es wichtiger, dass wir ein grosses Herz und eine tolle Mentalität haben als eine super Technik», sagt Seoane. «Sie wollen einfach sehen, wie die Post abgeht.» Er erzählt, wie Captain Lustenberger vor dem Spiel gegen Lausanne so emotional zur Mannschaft gesprochen habe, dass es einem kalt über den Rücken gelaufen sei.

Fusball- statt Schullehrer

Als ihm der Verein Anfang Jahr anbot, Nachfolger von Markus Babbel zu werden, war für Seoane klar: Das mache ich! Er ist überzeugt davon, den Anforderungen dank einem prall gefüllten Rucksack gewachsen zu sein. Schon mit 17 Jahren hatte er beim FCL im Eins debütiert, war zu Sion gegangen und dann mit einem Sechsjahresvertrag nach La Coruña, der Heimat seiner Eltern.

Gerardo Seoane als Spieler beim FCL

Gerardo Seoane als Spieler beim FCL

Das war ein Fehler, weil er nie spielte und damit im Gegensatz zu seinen Schweizer U21-Kollegen Vogel, Cabanas und Celestini nicht für die A-Nati infrage kam. Mauro Silva, Djalminha, Valéron ... für Deportivo spielten damals nur Nationalspieler. «Aber die Idee, wie wir trainiert haben, hat mich geprägt», sagt Seoane. Er spielte noch für Aarau und GC, ehe er zu seinem Stammverein zurückkehrte und als Nachwuchstrainer zu arbeiten begann.

So wurde aus ihm, der einst drei Jahre das Seminar besucht hatte, ein Fussball- statt ein Schullehrer. Einer, der sich minutiös auf seine Karriere vorbereitete und sich an der Seitenlinie filmen liess. Einmal sah er sich eine Halbzeit lang wie angewurzelt dastehen, einmal, wie er sich 62 Mal von der Bank erhob und wieder hinsetzte. Jetzt will er aktiv coachen, aber nie hektisch.

Seine Spieler selber formen

Dass mit Ugrinic, Voca, Vargas, Schmid, Arnold, Knezevic, Omlin, Sidler, Enzler und Wolf nicht weniger als zehn Spieler des Fanionteams früher im Nachwuchs unter seinen Fittichen gewesen waren, ist gewiss ein Vorteil. Schon Vorgänger Babbel hatte eifrig von Seoanes Kaderschmiede profitiert. Dieser sagt: «Markus zeigte extrem viel Mut, auf junge Spieler zu setzen.»

«Markus zeigte extrem viel Mut, auf junge Spieler zu setzen.»

«Markus zeigte extrem viel Mut, auf junge Spieler zu setzen.»

KEYSTONE/URS FLUEELER

Seoane selber war ein Spieler gewesen, der seine Meinung kundtat und deshalb auch mal aneckte. So zum Beispiel bei Trainer Rolf Fringer, der ihn, den Captain, sogar in den Luzerner Nachwuchs zwangsversetzte. «Auch diese Erfahrung hilft mir heute als Trainer. Meine Antennen müssen ständig ausgefahren sein, um Warnsignale zu empfangen und Konflikten vorzubeugen», sagt Seoane. Sehr am Herzen liegt ihm, seine Spieler zu Persönlichkeiten zu formen. Es soll ihnen nicht mehr alles abgenommen werden.

Etwas schaffen, das den Fans gefällt

Aus Konsumenten will er mündige Profis machen, die Entscheidungen treffen. Seoane hat die gemeinsamen Morgen- und Mittagessen gestrichen, damit die Spieler sich selber um eine gesunde Verpflegung kümmern müssen. «Es ist ein Fehler, die Jungen zu schützen», sagt Familienvater Seoane. Er hat den 18-jährigen Vargas kalt vor die Presse geschickt und den Auftritt mit ihm besprochen. «Beim nächsten Mal war er um 30 Prozent besser», sagt Seoane.

Dass mit ihm und Sportchef Remo Meyer nun gleich zwei Einheimische das sportliche Sagen haben, betrachte Seoane als verheissungsvolle Ausgangslage: «Ich hoffe, dass wir uns in der Tabelle nach oben arbeiten und etwas entsteht, was die Fans honorieren.»

Der Anfang ist schon mal gemacht. Bei seinem Debüt als Cheftrainer in der Super League ist sein Team nach 48 Sekunden in Führung gegangen. Das hat noch keiner vor ihm geschafft.