Australian Open
Jennifer Brady war 14 Tage im Hotelzimmer eingesperrt, trotzdem steht sie im Final – dank Haferbrei und Verzicht auf Netflix

26 Spielerinnen durften vor den Australian Open während 14 Tagen ihr Hotelzimmer zu keiner Zeit verlassen. Nur eine schaffte es in die zweite Turnierwoche: Jennifer Brady. Nun steht sie sogar im Final.

Simon Häring
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Die Amerikanerin Jennifer Brady steht bei den Australian Open erstmals im Final eines Grand-Slam-Turniers.

Die Amerikanerin Jennifer Brady steht bei den Australian Open erstmals im Final eines Grand-Slam-Turniers.

Hamish Blair / AP

Die Beine fühlten sich an, als würden sie im Schlamm stecken, die Hände zitterten und das Herz raste. So beschreibt die 25-jährige Amerikanerin Jennifer Brady (WTA 24) ihre Gefühlslage, nachdem sie den Einzug in den Final der Australian Open bewerkstelligt hatte. Zwar stand Brady 2020 in den Halbfinals der US Open, dennoch ist ihr Vorstoss in Melbourne eine Überraschung. Denn vor dem Turnier hatte sie sich in eine 14-tägige, harte Hotel-Quarantäne begeben müssen, weil sie mit einem Flug in Australien eingereist war, auf dem das Coronavirus eingeschleppt worden war. Gross war das Lamento - und das nicht zu Unrecht. Denn von den 26 betroffenen Spielerinnen erreichte nur eine die zweite Turnierwoche: Jennifer Brady.

Nun steht sie sogar im Final, wo sie auf die dreifache Grand-Slam-Siegerin Naomi Osaka (23, WTA 3) aus Japan trifft. Wie Jennifer Brady das geschafft hat? Mit Routinen. Haferbrei zum Morgenessen, Training, so gut das eben möglich war, Videotelefonie mit anderen Betroffenen und einem Verzicht auf den Streamingdienst Netflix. «Weil ich wusste: Wenn ich einmal damit anfange, verbringe ich die Tage nur noch im Bett», wie Brady erklärt. In den Kanon der Jammernden stimmte sie nie ein, «schliesslich gibt es viel Schlimmeres, als zwei Wochen in einem Hotelzimmer zu verbringen.» Brady weiss, wovon sie spricht: von Juli bis Dezember war sie nicht mehr Zuhause in Florida, trainierte stattdessen im beschaulichen Regensburg.

Jennifer Brady setzt sich im Halbfinal der Australian Open gegen die Tschechin Karolina Muchova durch.

Youtube.com/Australian Open

Bei den Juniorinnen besiegte Brady Osaka

Dort betreibt Bradys Trainer, der deutsche Ex-Profi Michael Geserer, eine Akademie. Hätte sie dieses Opfer nicht erbracht, mutmasst sie, stünde sie nun nicht im Final. «Wenn du zu bequem wirst, bekommst du Probleme», sagt Brady. Trotzdem gibt sie zu, manchmal gedacht zu haben, dass sie lieber ihre Koffer packen und nach Hause reisen möchte. Was sie dann im Dezember auch tat, nachdem sie während eines Matches in Tschechien dauernd daran gedacht habe, endlich wieder einmal in ihrem eigenen Bett schlafen zu wollen. In die Karten gespielt hat ihr dabei die Verschiebung der Australian Open, die ihr drei Wochen Heimaturlaub ermöglichten.

Brady über Osaka: «Sie wird etwas Spezielles!»

Brady kam zwar in Pennsylvania zur Welt, zog aber schon im Kindesalter dorthin, wo viele talentierte Tennis-Juniorinnen ihr Glück versuchen: Nach Boca Raton in Florida. Dort kam es auch schon zu einem Duell mit Naomi Osaka. Vor sieben Jahren war das, die damals 18-jährige Brady besiegte die um zwei Jahre jüngere Japanerin zwar, erinnert sich aber noch sehr gut daran, was sie über die inzwischen 3-fache Grand-Slam-Siegerin dachte, nämlich: «Sie wird etwas Spezielles!» Etwas, das Brady von sich selber nie gedacht hätte. Denn als Juniorin sei sie nicht einmal besonders erfolgreich gewesen. Meistens hätten ihr die Nerven einen Strich durch die Rechnung gemacht. Stattdessen spielte sie Gedanken, ein Studium anzustreben.

Gegnerin von Jennifer Brady im Final der Australian Open: Naomi Osaka.

Gegnerin von Jennifer Brady im Final der Australian Open: Naomi Osaka.

Dave Hunt / EPA

Die Wende kam ausgerechnet im Jahr, in dem wegen der Coronapandemie kaum Turniere gespielt wurden. Sie habe viel mit den Weltbesten trainiert. Da habe sie gesehen, dass diese den Ball nicht viel härter schlagen würden als sie. «Verglichen mit mir machen sie nichts Spektakuläres, also dachte ich mir: das kann ich auch.» Was sie im letzten Jahr eindrücklich unter Beweis stellte: Im August gewann sie in Lexington ihr erstes WTA-Turnier und erreichte bei den US Open erstmals die Halbfinals eines Grand-Slam-Turniers - wo sie in drei Sätzen Naomi Osaka unterlag. Anders als Brady kam Osaka im Vorfeld der Australian Open übrigens in den Genuss einer Spezialbehandlung: In Adelaide verfügte sie über einen grossen Balkon.