Australian Open
Belinda Bencic siegt, doch es ist ein ständiger Kampf, sie sagt: «Ich fühle mich nicht grossartig, aber das ist unwichtig»

Nach zwei Wochen harter Quarantäne sah sich Belinda Bencic ihrer Chancen beraubt, bei den Australian Open zu brillieren. Nun steht sie bereits in der dritten Runde. Und hält die Schweizer Fahne hoch.

Simon Häring
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Es ist ein ständiger Kampf, doch Bencic sagt: «Ich bin dankbkar.»

Es ist ein ständiger Kampf, doch Bencic sagt: «Ich bin dankbkar.»

Dave Hunt / EPA

Sie kennen das: Zwei Wochen Sommer, Sonne, Strand, gutes Essen und ab und zu ein Cocktail. Sport? In den Ferien? Eher weniger. Und dann das böse Erwachen: Bei der ersten Joggingrunde zurück im grauen Alltag ein Gefühl, als wären sie 20 und nicht 2 Jahre gealtert. Nicht gerade so, aber ziemlich ähnlich hat sich Belinda Bencic gefühlt, als sie Ende Januar nach zwei Wochen Hotel-Quarantäne wieder auf den Tennisplatz durfte. Weil auf ihrem Flug nach Melbourne das Coronavirus eingeschleppt worden war, wurden ihr die fünf Stunden «Freigang» für Trainings gestrichen.

Alles andere als ideal, die harte Vorbereitung dahin. Bencic sah sich und die 71 anderen Betroffenen aller Chancen beraubt, bei den Australian Open ein gutes Resultat zu erzielen. Zwei Spiele hat sie nun bestritten, beide in drei Sätzen gewonnen, dazu trat sie mit der Vorjahres-Siegerin Sofia Kenin im Doppel an, wo sie allerdings bereits ausgeschieden ist. Dennoch sagt Bencic nach dem ersten Sieg: «Ich bin wie erwartet weit von dem entfernt, was ich eigentlich will. Ich dachte mir schon, dass ich nicht grossartig spielen werde.» Bencic jammert nicht, sie nennt die Dinge beim Namen.

Trotz suboptimaler Vorbereitung steht Belinda Bencic in der dritten Runde der Australian Open.

Trotz suboptimaler Vorbereitung steht Belinda Bencic in der dritten Runde der Australian Open.

Dave Hunt / EPA

Bencic: «Es gibt Wichtigeres als Tennis»

Wie fühlt sich das an, Belinda Bencic? «Mein Körper fühlt sich schlechter an, das Tennis ist schlechter. Auch die Reaktionsfähigkeit und die Instinkte – alles ist schlechter. Das muss ich jetzt über den Kampf kompensieren.» Wie viele Spiele sie braucht, um das Defizit auszugleichen? Kann sie nicht beantworten. Die gute Nachricht ist: Sie ist immer noch dabei. Trifft in der Nacht auf Samstag erstmals auf die Belgierin Elise Mertens (25, WT 16). Ihre Erwartungen? «Ich bin definitiv nicht Favoritin. Ich werde alles geben. Wenn es reicht: super. Wenn nicht, gehe ich zurück an die Arbeit.»

Von ihrem Bestresultat in Australien trennt sie nur noch ein Erfolg. 2016 hatte Bencic die Achtelfinals erreicht, wo sie Maria Scharapowa unterlag, die - wie sich später herausstellte - dort positiv auf die verbotene Substanz Meldonium getestet worden war. Viel wichtiger als das Resultat ist Bencic aber eine andere Erkenntnis. Nämlich: «Ich bin glücklich und dankbar, dass ich Tennis spielen kann. Überall auf der Welt leiden Menschen, das ist mir bewusst. Tennis ist nicht das Wichtigste, jetzt noch viel weniger.» Ihre grösste Hoffnung: «Dass wir den Menschen ein wenig Freude bereiten.»

Bencic muss sich während der Partie an beiden Füssen behandeln lassen.

Bencic muss sich während der Partie an beiden Füssen behandeln lassen.

Rick Rycroft / AP