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Auf der Suche nach der grünen Formel 1: Die Königsklasse will ein besseres Image

Bis 2030 will die Rennserie klimaneutral sein. Statt während der Krise einen Schritt zu machen, sind die Pläne für den Herbst reiseintensiv.

Das Prinzip der Formel 1 ist einfach. Gesucht wird der schnellste Autofahrer der Welt. Die grosse Faszination ist es, das Maximum aus Mensch und Maschine herauszuholen. Dröhnende Motoren und ausströmende Abgase gehören dazu. An diesem Wochenende ist im österreichischen Spielberg das Schauspiel erstmals wieder zu bewundern.

Doch passt die Formel 1 überhaupt noch in den Zeitgeist? Jetzt, wo sie als eine der ersten grosse Sportart starten, muten die Autorennen speziell an. In Zeiten, in denen das Bewusstsein für die Umwelt gestiegen ist, schwindet das Verständnis für den unnötigen CO2-Ausstoss zur Unterhaltung. Nicht, dass Grossevents wie Olympische Spiele oder Fussball-Weltmeisterschaften ökologischer wären, doch Autofahren im Kreis – das wirkt schon auf den ersten Blick klimaschädlich.

Boliden machen nur einen Bruchteil der Belastung aus

Seit Jahren kämpft die Formel 1 mit einem Imageproblem. Während zu Zeiten von Michael Schumacher die Motoren nicht laut genug dröhnen durften, hat sich das Bewusstsein in der Gesellschaft verändert. Debatten um Klimaschutz, Sexismus und Rassismus sind allgegenwärtig. Die Formel 1 passt sich an, hinkt aber hinterher. Seit 2014 fährt die Formel 1 mit Hybridmotoren, hat damit einen ersten Schritt zum Klimaschutz gemacht. 2018 wurden die Grid Girls abgeschafft, jene leicht bekleideten Damen, die die Fahrer jeweils vor den Rennen anhimmelten, ganz nach dem Motto: Männer fahren Auto, Frauen sehen gut aus. Fahrerinnen in der Formel 1 sieht man dennoch nicht. Und in Zeiten der Black-Lives-matter-Bewegung fahren die Silberpfeile von Mercedes in diesem Jahr in Schwarz. Damit will das Team auch auf Druck von Lewis Hamilton gegen Rassismus aufmerksam machen.

Weltmeister Hamilton ist ein guter Botschafter gegen Rassimus und für das Klima. Hamilton kauft nur wiederverwertbare Dinge, isst vegan und hat seinen Privatjet verkauft. «Ja wir reisen um die Erde und fahren Formel-1-Autos. Unser ökologischer Fussabdruck ist grösser als der des Durchschnitts. Aber das heisst nicht, dass man sich davor fürchten muss, Dinge anzusprechen, die man verändern kann.»

Lewis Hamilton ist auf dem Weg zum besten Formel-1-Fahrer aller Zeiten und setzt sich für Klimaschutz ein.

Lewis Hamilton ist auf dem Weg zum besten Formel-1-Fahrer aller Zeiten und setzt sich für Klimaschutz ein.

200 Mal im Jahr besteigt ein Formel-1-Pilot ein Flugzeug, wie Hamiltons einstiger Teamkollege Fernando Alonso ausgerechnet hat. Tatsächlich sind die Reisen deutlich schädlicher als die Emissionen, die während den Fahrten verursacht werden. Die CO2-Bilanz für alle Tests, Trainings und Rennen betragen jährlich nur 0,7 Prozent aller Ausstösse der Formel 1. Die grösste Umweltsünde ist derweil die Logistik. Von den insgesamt 256,551 Tonnen, die die Formel 1 jährlich ausstösst, entfallen 45 Prozent auf den Transport von Waren. Mit sieben Frachtjets und Frachtschiffen wird die Ware fast jedes Wochenende tausende Kilometer transportiert. Fast einen Drittel der CO2-Bilanz verursachen Reisen von Teams und Zuschauer, ein Fünftel die Herstellung der Autos. 7,3 Prozent entfallen auf die Events selber.

Die Zahlen entstammen einer Präsentation der Formel 1. Darin schreibt sich die Rennserie eine ambitionierte Umweltstrategie auf die Fahne. Bis 2030 will sie klimaneutral sein. Die Autos sollen ohne Kohlenstoff auskommen, die Energiezufuhr von Gebäuden zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen. Was die Klima-Offensive für die Logistik bedeutet, bleibt derweil vage. Der Transport und die Reisen sollen Ultra-Klima-effizient erfolgen. Wie genau, bleibt unbeantwortet.

Die Bemühungen der Formel 1, nachhaltiger zu werden, sind löblich. Doch die Frage sei erlaubt, ob es sich lediglich um eine PR-Aktion handelt. In diesem Jahr hätten erstmals 22 Rennen stattfinden sollen. Künftig sollen es gar 25 sein. Mit den Öko-Bestrebungen kann dies kaum einhergehen. Aushängeschild Hamilton äusserte sich kritisch. «Ich denke, dass es möglich ist, umweltfreundlich zu sein. Aber es muss eine Absicht dahinter stecken.»

Die Coronakrise hätte dafür eine Chance sein können. Jetzt, wo die Fans nicht dabei sein können, hätten die Organisatoren darüber nachdenken können, möglichst selten den Standort zu wechseln. Stattdessen sind die Pläne gross. 15 Rennen sollen bis Ende Jahr ausgetragen werden – nur dann fliesst das Geld von TV und Sponsoren. Zwar finden die bisher fixierten acht Rennen alle in Europa statt, davon je zweimal in Spielberg und Silverstone. Ökologische Gründe hat dies nicht, es liegt an den gestiegenen Frachtkosten. Ziel bleibt es, möglichst global zu bleiben.

Auch die Formel E reist viel – ausser in diesem Jahr

Die Formel E wird populärer bei Autoherstellern – hat aber Mühe Veranstaltungsorte zu finden.

Die Formel E wird populärer bei Autoherstellern – hat aber Mühe Veranstaltungsorte zu finden.

Das ökologischere Pendant zur Formel 1 existiert mit der Formel E seit 2014. Auch ihre steigende Beliebtheit – gerade auch bei Autokonzernen, die darin eine Zukunft sehen – übt Druck aus auf die Formel 1. Dabei ist auch die Formel E kein ökologisches Vorzeigemodell. Im letzten Jahr war die Rennserie innerhalb eines Monats in Marokko, Chile, Mexiko und Hongkong. In diesem Jahr wird die Meisterschaft mit sechs Rennen ausschliesslich in Berlin zu Ende gefahren. Grund dafür ist aber kein ökologischer Ansatz, sondern die Tatsache, dass es für die Formel E schwierig ist, Veranstaltungsorte zu finden. Die Rennen in Zürich 2018 und in Bern 2019 fanden nur einmal statt.

Für die Formel 1 sind die Bemühungen zu einem besseren Image eine Gratwanderung. Langjährige Fans wenden sich ab, weil die Motoren weniger dröhnen, Jüngere interessieren sich aber vermehrt für das Klima. Den passenden Weg in die Zukunft muss die Formel 1 noch finden.

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