Gschobe #59

Arno Del Pilcher

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch.

Tobias: Ich kann es noch immer kaum fassen. Es ist schlicht überwältigend. Von wegen Vorruhestand oder TV-Experte. Nein: Arno Del Curto rockt wieder. Mehr noch: Del Curto beim ZSC, das ist der Coup des Jahres!

David: Zum Glück ist das Jahr noch jung.

Flavio: Ach komm schon. Ist doch eine geniale Geschichte. Quasi eine Rückkehr an den Ort, wo alles begann.

François: Ja, ja. Und wahrscheinlich wird das Rauchverbot im Hallenstadion wieder aufgehoben, die Radrennbahn wieder eingebaut, die Langstrasse wieder zur Sündenmeile, die ZSC Lions wieder in Zürcher Schlittschuh-Club umbenannt, fiebert Walti Scheibli wieder am RadioMikrofon mit, übernimmt Josef Estermann wieder das Stadtpräsidium, kehren die Grasshoppers in den Hardturm zurück und gibt Cesi Zehnder sein Comeback in der ZSC-Verteidigung. Und von wegen wo alles begann: Del Curto war vor seinem Wechsel zum ZSC Anfang der 90er bereits bei uns in Herisau ein erfolgreicher, charismatischer Trainer mit einer hohen Affinität für dieses spektakuläre Karacho-Hockey. Aber diese romantische Verklärung von Del Curtos Engagement in Zürich finde ich beinahe so kitschig wie eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.

Tobias: Ich bitte dich! Für uns Fans ist Del Curtos Bekenntnis zum Z wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen.

David: Ist es denn tatsächlich ein Bekenntnis oder bloss eine Opportunität? Er wirkte zuletzt in Davos doch ziemlich ausgebrannt, desillusioniert. Es schien, als würde ihm nach 22 Jahren eine Pause gut tun. Aber nicht mal zwei Monate nach seinem Rücktritt wirft er sich wieder in die Wellen.

Pius: Sind wir doch ehrlich: Auch bedingt durch die schlechten Resultate ist ihm in Davos als Alleinherrscher alles über den Kopf gewachsen. In Zürich aber kann er sich allein auf seine Trainerarbeit beschränken. Ausserdem stehen ihm im Unterschied zum HCD wieder Spieler zur Verfügung, die den Speed, die Technik, die Wasserverdrängung und das Talent mitbringen, um Del-Curto-Hockey zu zelebrieren.

Tobias: Ausserdem ist Del Curto der profilierteste Nachwuchsförderer, den unser Eishockey je gesehen hat. Eine Qualität, die in der bedeutendsten Talentfabrik des Landes von unschätzbarem Wert ist.

François: Ja, und er macht aus Wasser Wein – Amen. Mag sein, – und ich würde es ihm ja gönnen – dass er die Zürcher wieder in die Erfolgsspur führt. Ja vielleicht sogar den Titel verteidigt. Aber das schaffte vor ihm auch Hans Kossmann, der im Dezember von Hans Wallson übernommen hat. Ob Del Curto noch immer der grosse Trainer ist, als den wir ihn gerne sehen, entscheidet sich in der nächsten Saison – wenn er dann noch ZSC-Trainer ist. Aber ob er es nicht mehr bringt, wissen wir schon in wenigen Wochen. Diese Krux hat er sich mit der raschen Rückkehr an die Bande selber eingebrockt.

David: Und was die Talentförderung betrifft, so ist es fraglich, ob er den guten Draht zu den Jungen noch immer hat; ob die heutige Generation auf das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche überhaupt noch anspricht.

Tobias: Ich sehe Del Curto bereits im Morgengrauen mit kleinen Augen und dem Meisterpokal in den Händen durchs Niederdorf schlurfen.

Flavio: Romantik: Der Baustil für Luftschlösser.

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Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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