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Angriff aus der Deckung: Der EV Zug hat die Qualität, ganz vorne mitzureden

Zugs Lino Martschini behauptet sich gegen die Bieler Anssi Salmela und Topskorer Toni Rajala.

Zugs Lino Martschini behauptet sich gegen die Bieler Anssi Salmela und Topskorer Toni Rajala.

Obwohl klingende Namen auf der Liste der Neuzugänge fehlen, ist der EV Zug mit einem ausgeglichenen Kader auch diese Saison ein Titelaspirant. Goalie Leonardo Genoni könnte in den Playoffs den Unterschied ausmachen.

Im 21. Jahrhundert sind bislang nur vier Mannschaften Meister geworden: Zürich, Lugano, ­Davos und Bern. Seit dem Titel der Tessiner 2006 waren es gar nur drei Klubs, die sich die ­Trophäe herumreichten. Zug’s Versuche den Status quo zu ändern und die Allianz zu durchbrechen, waren bislang gescheitert, so 2017 und 2019 im Final gegen Liga-Schwergewicht SC Bern. Vor allem die letztjährige Niederlage war niederschmetternd, ein Stich ins Herz der Zuger Fans. Fehlende Erfahrung, Kaltblütigkeit, Verletzungspech. Das Scheitern fusste auf mehreren Gründen, man könnte sie beliebig erweitern. Den Zugern ist es jedenfalls nicht gelungen, das Maximum aus ihrem Potenzial herauszukitzeln.

, sagt Lars Weibel. Als früherer EVZ-Goalie und ehemaliger Leiter der 2014 gegründeten Hockey Academy verfolgt er die Geschehnisse rund um den Zuger Eishockeyklub mit einem besonderen Augenmerk. Obwohl er die ZSC Lions als Titelanwärter Nummer 1 einschätzt, ist der Direktor der Schweizer Nationalmannschaft vom Kader des EV Zug überzeugt. «Die Spieler und Trainer sind hungrig und bereit für den nächsten Schritt.»

Junger Kanadier ergänzt Ausländerfraktion

Der selbst ernannte Titelaspirant nahm letzte Saison schon Anlauf auf den Titel. Mit den Transfers von Meister-Goalie Leonardo Genoni und «Tormonster» Grégory Hofmann hat der EV Zug alles finanziell Mögliche getan, die beste Mannschaft der Liga zu werden. Doch er wurde durch Corona und den unvermittelten Saisonabbruch gebremst. Hochkaräter wie Genoni oder Hofmann bringen keine Erfolgsgarantie, das weiss auch Sportchef Reto Kläy. Er setzt diese Saison auf Breite und Ausgeglichenheit des Kaders – und junge, hungrige Spieler. Die Hälfte der Mannschaft hat der EV Zug selber ausgebildet. Der Corona-Misere geschuldet, fehlen grosse Namen auf der Liste der Neuzugänge. Einstellungsstopp, Kurzarbeit sowie Lohn- und Budgetkürzungen waren in den letzten Monaten die dominanten Themen.

Die Abgänge des Schweden Oscar Lindberg, von Urgestein Fabian Schnyder und den Verteidigern Johann Morant, Thomas Thiry und Miro Zryd wurden abgesehen von Defensivmann Claudio Cadonau mit jungen Spielern kompensiert. Die vierte Ausländerposition besetzt der Kanadier Ryan McLeod, ein preiswerter, unerfahrener 21-jähriger Leihspieler. Aber reicht das? «Ryan McLeod ist für mich das grösste Fragezeichen. Er wird sich zuerst noch an das grössere europäische Eisfeld gewöhnen müssen», sagt SRF-Eishockeyexperte Christian Weber.

Die Verteidigung dürfte für den EV Zug zur Achillesferse werden. Dennoch attestiert Christian Weber den Zugern genug Kompetitivität. «Sie besitzen unbestritten die Qualität, Meister zu werden. Skorer, Arbeiter, Abräumer und junge Spieler mit viel Talent und Selbstvertrauen. Die Mannschaft ist auf allen Positionen gut besetzt», ergänzt Weber, der seit dieser Saison die Geschicke des EHC Basel leitet. Laut Lars Weibel sei der Abgang des «bösen» Johann Morant nicht zu unterschätzten. «In Zug war er immer einer der konstantesten Spieler.»

Von Leistungsträgern wird mehr erwartet

Obwohl Christian Weber die ZSC Lions noch etwas stärker einschätzt, könnte es auf enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Zug und Zürich hinauslaufen. «In den Playoffs sind es Nuancen, die den Unterschied ausmachen.» Hier glaubt Christian Weber an Zugs Chance, die Meistertrophäe zu holen.

Spielt der fünffache Meister auf seinem Top-Level, reicht ihm kein anderer seines Fachs das Wasser.

Ur-Zuger und Leitwolf Raphael Diaz wird nicht jünger, Grégory Hofmann liebäugelt mit einem Wechsel in die NHL: Läuft dem EVZ die Zeit davon? Mit der hohen Erwartungshaltung, die immer grösser werde, müsse man lernen umzugehen, so Lars Weibel. «Druck muss man aushalten, wenn man ganz nach oben will. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Doch Zug lernte aus jeder Finalniederlage dazu.»

Der EV Zug ist gefordert, wenn er Meister werden will. Von Leistungsträgern wie Sven Senteler, Dario Simion oder Erik Thorell wird mehr erwartet. Mehr Spieler müssen Verantwortung übernehmen. Es sei ein Vorteil für Trainer Dan Tangnes, dass man nun häufiger über die ZSC Lions spricht, erläutert Lars Weibel. «Er macht einen hervorragenden Job, die Krönung fehlt noch.» Ob der EV Zug den Schritt vom Titelanwärter zum Titelgewinner machen kann, wird sich weisen.

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