Sepp Blatter

Angeschlagen, aber noch nicht ganz am Boden

Der für acht Jahre gesperrte Fifa-Präsident Joseph Blatter sieht sich ausschliesslich in der Opferrolle.

Sepp Blatter kämpft. Fast eine Stunde lang verteidigt er sich an diesem tristen Montagmorgen hoch über Zürich. Aus aller Welt sind die Journalisten hergekommen, um im überfüllten Auditorium des Sonnenberg Convention Center einen Mann zu sehen, der die Welt nicht mehr versteht. Der jahrzehntelang auf einem anderen Planeten gelebt hat, gehätschelt und hofiert, der im Privatjet um die Welt geflogen ist und mit den wichtigsten Staatsmännern getafelt hat. So ist er jung geblieben. Man hat sich oft gefragt: Wie kann man in diesem Alter noch so fit sein? Am 10. März nächsten Jahres wird Blatter 80 Jahre alt.

Vor einem Monat allerdings hat er schlecht ausgesehen bei seinem Auftritt in der «Rundschau». Damals ist er bemitleidenswert angeschlagen gewesen; verunsichert und fast ein wenig verwirrt. Das hat gewiss auch damit zu tun gehabt, dass ein paar Wochen zuvor sein Immunsystem zusammengebrochen ist, weil ihm der Niedergang der Fifa derart zugesetzt hat.

«Acht Jahre, wofür?»: So reagiert Sepp Blatter an seiner Medienkonferenz auf die Sperre (21.12.2015).

Acht Jahre gesperrt: So reagiert Sepp Blatter

Jetzt aber sieht er wieder besser aus. Er wird von Tochter Corinne und seinem Sprecher Thomas Renggli begleitet, als kurz nach elf das Blitzlichtgewitter losgeht, bald aber Stille einkehrt. Alle wollen wissen, was Blatter nun zu tun gedenkt. Alle haben von der Fifa die Urteilsverkündung um halb zehn Uhr verschickt bekommen, nur Blatter und seine Anwälte nicht. «Was ist das bloss für eine Art der Kommunikation?», fragt der Walliser.

Aus allen Wolken gefallen

Blatter trägt noch immer ein Pflaster auf der rechten Wange. Als könnte eine Wunde wieder aufbrechen. Dabei sind es ja vor allem seelische Verletzungen, die ihm zugefügt worden sind. Beinahe 41 Jahre lang hat er für die Fifa gearbeitet und ist nun von dieser, wie Uefa-Präsident Michel Platini, mit einem letzten Tritt wegbefördert worden.

Dabei ist er, so erzählt er es selber, total überzeugt davon gewesen, dass er freigesprochen würde. So muss er aus allen Wolken gefallen sein, als ihn um zehn Uhr das Urteil erreicht hat. Ausgesprochen vom Münchner Richter Hans-Joachim Eckert, dem Vorsitzenden der Recht sprechenden Kammer der Ethikkommission der Fifa. «Er hat Michel Platini und mich für acht Jahre gesperrt», sagt Blatter. «Aber wofür?»

Der Visper sagt, er sei sehr traurig. «Ich werde kämpfen. Ich bin ein gläubiger Mensch und glaube auch an mich», sagt Blatter. «Ich bin überzeugt, dass ich am 26. Februar in Zürich den Kongress leite, an dem mein Nachfolger gewählt wird.» Er werde nun sofort ans Berufungskomitee der Fifa gelangen und dann zum CAS, dem internationalen Sportgerichtshof in Lausanne. «Wer für acht Jahre gesperrt wird, der muss eine schwerwiegende Straftat getan haben.»

Es sind die zwei Millionen Franken, die er im Februar 2011 auf Platinis Konto überwiesen hat und die den beiden nun zum Verhängnis geworden sind. Die Ethikkommission denkt, dieses Geld habe Platini erhalten, um Stimmen für Blatters Wiederwahl im Jahre 2011 zu kaufen.

Blatter bestreitet nicht, dass er das Geld dem Franzosen zukommen liess, allerdings aus einem ganz anderen Grund. Er spricht von einem Gentlemen’s Agreement und nennt Zeugen, die von der Absprache mit Platini Kenntnis hatten.

Zwei Jahre lang hatte der Franzose ab 1999 als Berater von Blatter gearbeitet, das Geld aber erst viele Jahre später eingefordert. «Dafür kann ich doch nichts», sagt Blatter. «Ja, ich fühle mich verraten. Man stellt Platini und mich als Lügner hin. Das geht nicht nach 40 Jahren bei der Fifa. Dass die Amerikaner hinter meiner Verurteilung stehen, das glaube ich aber nicht.»

«Es tut mir leid für den Fussball – aber es tut  mir auch leid für mich»: Sepp Blatters Medienkonferenz nach dem Urteil am 21.12.2015.

Sepp Blatter äussert sich zu seiner Sperre

Wie ein Tsunami

Mit einer spektakulären Aktion hatte die Schweizer Justiz in Kooperation mit der US-Justizministerin Loretta Lynch am 27. Mai im Zürcher Hotel Baur au Lac mehrere hochrangige, vorwiegend lateinamerikanische Fifa-Funktionäre verhaftet und dafür gesorgt, dass ein Tsunami über den Fussballweltverband hereinbrach. Die Amerikaner ermitteln gegen korrupte Funktionäre, die Schweizer wollen wissen, was bei den WM-Vergaben nach Russland und Katar gelaufen ist.

Als es nach dem Ende von Blatters Ausführungen zur Fragerunde kommt, antwortet Blatter in vier Sprachen. Seine grössten Gegner, die Scharfmacher aus Deutschland und England, sind aber nicht da. Sie haben es vielleicht vorgezogen, auf das Verdikt anzustossen, statt Blatter mit ihrer Anwesenheit die Ehre zu erweisen.

Die Fragen sind eher harmlos. Blatter räumt noch einmal ein, dass er 2014 beim Fifa-Kongress in Brasilien hätte zurücktreten sollen. «Leider kann ich nicht rückgängig machen, dass ich Präsident geblieben bin», sagt Blatter. «Jetzt bin ich in einer Situation, die ich nicht verdient habe.»

Nach einer letzten Frage verlässt er den Raum. Im Foyer steht sein Berater Klaus J. Stöhlker bereit, um die Ungerechtigkeit, die seinem Klienten widerfahren ist, zu beklagen. «Niemand versteht, dass Blatter die Zustände Lateinamerikas nicht verantworten kann. Das ist so, als ob man den Papst verurteilen würde, wenn Priester irgendwo auf der Welt etwas Schlechtes tun», sagt Stöhlker. Die chinesische Reporterin nickt.

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