Analyse zu Sportfunktionären
Gianni Infantino und René Fasel treffen umstrittene Diktatoren: Warum stellen sie sich so blöd an?

René Fasel trifft Weissrusslands Diktator Alexander Lukaschenko und Gianni Infantino trifft den saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Die Aufregung ist gross. Doch warum ist das so? Eine Analyse.

François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen
Gianni Infantino in Saudi-Arabien (links), Alexander Lukaschenko und René Fasel (ganz rechts) geben sich die Hände.

Gianni Infantino in Saudi-Arabien (links), Alexander Lukaschenko und René Fasel (ganz rechts) geben sich die Hände.

Bilder: Keystone
François Schmid-Bechtel.

François Schmid-Bechtel.

Der erste Reflex? Empörung! Warum trifft er diesen Tyrannen, diesen Diktator, diesen Despoten oder weiss der Teufel was? Diabolische Sache. Allein schon ein Treffen. Auch wenn der Smalltalk zwischen Sportfunktionär und Politiker in den allermeisten Fällen die Welt weder im Guten noch im Schlechten verändert. Trotzdem: Wie können es die Herren Fasel und Infantino nur wagen, Männer wie den weissrussischen Machthaber Aleksandar Lukaschenko oder den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zu treffen? Das geht einfach nicht. Aus, Schluss, Basta.

Und haben sie die Verletzung der Menschenrechte angeprangert? Oder zumindest das Thema gestreift? Wahrscheinlich nicht. Ebenso wenig wie der Wirtschaftsminister eines demokratischen Landes, wenn er seinen chinesischen Amtskollegen trifft. Das macht die Sache zwar nicht besser. Aber von einem Sportfunktionär zu erwarten, die Welt zu retten, wäre vermessen. Auch wenn es ein paar besonders eitle Typen gab und gibt, die wahrscheinlich sogar glauben, dass sie eine Art Friedensapostel waren oder sind.

Bleiben wir beim Treffen zwischen Fasel und Lukaschenko. Es ist absolut legitim, wenn der studierte Zahnmediziner aus Fribourg in seiner Funktion als Präsident des internationalen Eishockeyverbandes nach Minsk reist, um Lukaschenko zu treffen. Immerhin ist Weissrussland Co-Gastgeber der Hockey-WM, die ab dem 21. Mai stattfinden soll. Schliesslich ist der Anlass nicht nur wegen Corona gefährdet. Der andere Gastgeber, Lettland, will nicht mehr mit Weissrussland im Boot sitzen. Und Dänemark droht mit Boykott, sollte tatsächlich in Minsk gespielt werden. Der Grund für die Distanzierung: Lukaschenko und sein teils niederträchtiger Umgang mit Andersdenkenden. Wobei es ja nicht Lukaschenkos WM ist, auch wenn er, sollte sie tatsächlich in Minsk stattfinden, alles daran setzen wird, sich und sein Land im besten Licht darzustellen. Aber so blöd sind wir nun auch wieder nicht, dass wir darauf hereinfallen. Und wahrscheinlich würden sich sowohl regierungstreue wie auch regierungskritische Menschen freuen, wenn in Minsk Eishockey gespielt würde.

Es gibt einiges zu regeln

Für Fasel bedeutet das: Es gibt einiges zu regeln. Was vor Ort einfacher ist als in irgendeinem digitalen Raum. Aber genau die physische Nähe birgt Fallen. Fasel lässt sich von Lukaschenko umarmen. Und Fasel umarmt den «letzten Diktator Europas», wie Lukaschenko auch genannt wird. Das gibt zwangsläufig Radau. Erst recht, wenn der Schweizer faselt, man müsse Sport und Politik trennen. Also, wir, die Öffentlichkeit, sollen Sport und Politik trennen, nicht sie, die das so gekonnt vermischen. Denn der weissrussische Präsident war bis Dezember noch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Eine Trennung von Sport und Politik sieht anders aus.

Ohne Politik keine Fussball-WM in Katar, keine Olympischen Spiele in China, kein Staatsdoping in Russland. Nur um ein paar wenige Beispiele zu nennen. Wenn Sportfunktionäre weiter die Mär erzählen, Sport und Politik müsse man trennen und sie uns damit für dumm verkaufen, leidet ihre Glaubwürdigkeit.

Abgesehen davon kann man Fasel höchstens vorwerfen, dass er in der Causa Weissrussland etwas spät dran ist. Schliesslich rumort es im Land schon seit vielen Monaten. Nun wirkt es, als wollte er das Problem aussitzen. Oder spekulierte darauf, dass sich die Situation in Weissrussland entschärft.

Gianni Infantino und sein Treffen mit Mohammed bin Salman

Fasels Kollege vom Weltfussballverband, Gianni Infantino, trifft sich auch gerne mit Staatsmännern – Fehltritt inbegriffen. Letzte Woche war er zu Gast beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Auch wenn im Wüstenstaat noch immer Menschen hingerichtet werden, ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Infantino die Förderung des Frauenfussballs auf die Agenda setzt. Im Gegenteil. Befremdlich ist aber, wenn Infantino sich für ein PR-Video einspannen lässt, mit einem Schwert in der Luft herumfuchtelt und dabei erklärt, dass die ganze Welt dieses wunderbare Land besuchen solle. Ob sich seine Frau und die vier Töchter dort wohlfühlten?