Analyse
Keine Angst vor dem Wiedersehen! Warum es für die Schweizer gut ist, an der WM wieder auf Serbien zu treffen

Die Schweizer Nati trifft an der Fussball-WM 2022 in Katar auf Brasilien, Serbien und Kamerun. Es ist nicht das Los, das sich die Schweiz erhoffte und ein weiter Weg bis in die Achtelfinals. Doch die Ausgangslage hat auch ihre guten Seiten. Unsere Analyse.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
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Die erste Reaktion: Muss das sein? All diese Geschichten, die wieder heraufbeschwört werden? All die Animositäten? Serbien, es ist das WM-Los, das die Schweiz auf keinen Fall wollte. Eine Revanche für das Spiel an der WM 2018. Für den 2:1-Sieg der Nati, bei dem vor allem die Umstände in Erinnerung bleiben. Die Anfeindungen der Serben gegenüber den Schweizer Nationalspielern mit Wurzeln aus dem Kosovo. Und die Doppel-Adler-Gesten von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri nach ihren Toren. Der Sport war plötzlich sehr weit weg.

Die Schweizer feiern den Sieg gegen Serbien an der WM 2018 mit dem Doppeladler.

Die Schweizer feiern den Sieg gegen Serbien an der WM 2018 mit dem Doppeladler.

Keystone

Man kann es aber auch anders sehen: Die Schweizer haben die Erfahrung, wie es nicht laufen sollte, bereits hinter sich gebracht. Wenn sie die Lehren daraus gezogen haben und diese Revanche mit kühlem Kopf angehen, dann kann ihnen das sportlich nur guttun. Denn die Prognose sei gewagt: Den Serben wird es nicht gelingen, diese Coolness an den Tag zu legen. Das ganze Land sinnt auf Rache. Das kann das Team, das sportlich noch stärker einzuschätzen ist als vor vier Jahren und in der WM-Qualifikation Portugal hinter sich liess, auch lähmen.

Der fünfte Achtelfinal in Serie? Es wird ein weiter Weg

Die Partie gegen Serbien steht für die Nati zum Abschluss der WM-Vorrunde an. Sie wird damit mutmasslich darüber entscheiden, ob es der Schweiz nach 2014, 2016, 2018 und 2021 zum fünften Mal in Serie gelingt, mindestens die Achtelfinals eines grossen Turniers zu erreichen.

Eines ist klar: Es ist ein weiter Weg bis dahin. Brasilien und Kamerun heissen die zwei weiteren Schweizer Gegner. Damit hat die Schweiz aus allen drei Töpfen das Team zugelost erhalten, das am stärksten einzuschätzen ist. Im letzten November hat Trainer Murat Yakin nach der erfolgten WM-Qualifikation den Nordiren Schoggi geschickt, als Dank für ihre Hilfe gegen Italien. Lothar Matthäus wird nun von Yakin kaum beschenkt. Matthäus war es, der an der WM-Auslosung in Doha die Schweizer Kugel zog.

Auch mit Brasilien wird es für die Nati ein Wiedersehen geben. An der WM in Russland erreichte die Schweiz ein 1:1. Dabei ging das Bild von Valon Behrami um die Welt, der für Brasiliens Schwalbenkönig Neymar nur ein Lächeln übrig hatte. Auch die Seleçao ist stärker als noch 2018.

Valon Behrami sieht gelb, lacht aber zusammen mit Blerim Dzemaili am linken Bildrand und Fabian Schär (rechts) den am Boden liegenden Neymar aus.

Valon Behrami sieht gelb, lacht aber zusammen mit Blerim Dzemaili am linken Bildrand und Fabian Schär (rechts) den am Boden liegenden Neymar aus.

Keystone

Kamerun, die grosse Unbekannte

Mit Kamerun wartet immerhin ein unbekannter Gegner. Gegen die Löwen aus Afrika hat die Schweiz noch gar nie gespielt. Es wird am 24. November gleich das Auftaktspiel. Eines, das die Schweiz unter allen Umständen gewinnen muss, um ihre Chancen zu wahren. Anders als bei der EM qualifizieren sich nur die besten zwei Mannschaften aus jeder Gruppe für den Achtelfinal. Einen gemächlichen Auftakt ins Turnier kann sich die Schweiz darum nicht mehr leisten.

Kamerun (hier mit Eyong Enoh) traf an der WM 2014 auf Gastgeber Brasilien. Das afrikanische Team stellt für die Schweiz eine grosse Unbekannte dar.

Kamerun (hier mit Eyong Enoh) traf an der WM 2014 auf Gastgeber Brasilien. Das afrikanische Team stellt für die Schweiz eine grosse Unbekannte dar.

Keystone

Auch wenn die Gruppe schwieriger kaum sein könnte, ein kleiner Blick voraus darf gleichwohl erlaubt sein. Gelingt der Schweiz das Weiterkommen, so käme es im Achtelfinal zum Duell mit einem Team aus der Gruppe H – und egal, ob dieses Portugal, Uruguay, Ghana oder Südkorea heisst, es wäre nicht die komplizierteste aller möglichen Achtelfinal-Aufgaben.

Shaqiri sagt: «Wir müssen den zweiten Platz als Ziel haben»

Der Schweizer Captain Granit Xhaka hat vor einer Woche bereits einmal den Ton gesetzt, als er sagte, für die Schweiz könne es nur ein Ziel geben: jedes Spiel zu gewinnen. Und darum bedeutet das in der Konsequenz: Weltmeister zu werden. Xherdan Shaqiri ist ob dieser Aussage ziemlich erschrocken. Er erwähnte lieber, wie viele spezielle Dinge passieren müssten, damit ein Aussenseiter ein Turnier gewinnen könne. Nach der Auslosung sagt Shaqiri nun: «Brasilien ist für mich der klare Favorit in dieser Gruppe. Wir müssen den zweiten Platz als Ziel haben. Dazu braucht es drei sehr gute Leistungen. Aber wir reisen mit viel Selbstvertrauen und Turnier-Erfahrung an die WM. Wir wissen, was auf uns zukommt.»

Xherdan Shaqiri fordert, dass die Schweiz ins Achtelfinale kommt.

Xherdan Shaqiri fordert, dass die Schweiz ins Achtelfinale kommt.

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Nationaltrainer Yakin fasst derweil zusammen: «Tolle Herausforderungen, tolle Nationen, tolle Spieler - ich freue mich!» Vielleicht gelingt es diesem Schweizer Team ja tatsächlich erneut, an den Herausforderungen zu wachsen. Warum auch nicht. Wenn es wirklich zählt, hat unsere Nati die Schweiz in letzter Zeit immer wieder positiv überrascht.

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