Analyse des Scheiterns
«Nume nid gsprängt» – der SCB kehrt zur wahren Berner Kultur zurück

Der Niedergang des stolzen Eishockey-Unternehmens SCB geht ungebremst weiter. Im letzten Spiel der Qualifikation verspielte das Team sogar die Teilnahme an den Pre-Playoffs. Nun braucht es sofortige Massnahmen. Oder auch nicht!

Klaus Zaugg
Drucken
Die Freude über die frühzeitigen Ferien hält sich bei den Spielern des SC Bern in Grenzen.

Die Freude über die frühzeitigen Ferien hält sich bei den Spielern des SC Bern in Grenzen.

Daniel Teuscher / KEYSTONE

«Nume nid gsprängt» ist das Motto der Berner. Diese besondere Kultur ist sogar verfilmt worden. «Nume nid gsprängt … aber geng hüh!» ist der Titel eines Dialektfilms aus dem Jahre 1935. So ist es nur logisch, dass Raëto Raffainer, der oberste Chef der SCB-Sportabteilung nach der bittersten Niederlage seit 1986 seinen Spielern erst einmal einen freien Tag gönnt. Am Dienstag, am Tag nach dem vorzeitigen Saisonende, dürfen sich die Tapferen, Müden und Ermatteten erholen.

Es hat Zeiten gegeben, da ist beim SCB dieses Motto ignoriert worden. Zweimal ist SCB-Manager Marc Lüthi gleich nach dem Spiel in den Bauch des Stadions hinuntergestiegen und hat auf der Stelle die Trainer gefeuert. Die Meistermacher Larry Huras und Antti Törmänen sind so ihre Jobs bereits im Herbst losgeworden.

Und als John van Boxmeer 2009 als Qualifikationssieger zum zweiten Mal im Viertelfinal scheitert, wird er am Tag nach dem letzten Spiel entlassen. Diese unbernische Dynamik ist dem SCB gut bekommen. Im Zeitalter der beschleunigten Zeitabläufe unter der Führung von Marc Lüthi hat der SCB 2004, 2010, 2013, 2016, 2017 und 2019 die Meisterschaft gewonnen.

Keine Reaktion ist auch eine Provokation

Inzwischen sind die Berner zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt. Sie lassen sich wieder Zeit und strahlen jene Ruhe aus, die den grossen Zürcher Conard Ferdinand Meyer zu einer wunderbaren Wortschöpfung inspiriert hat: «Unbestürzbares Bernergesicht.» Nach der bittersten Enttäuschung seit Menschengedenken geht alles seinen gewohnten Gang.

Nach dem Spiel gegen Lausanne, dem letzten der Saison, gibt es unten im «Bärengraben», dem grossen Innenhof des Stadions, keine dramatischen Szenen. Keine zertrümmerten Stöcke. Nicht einmal lautes Fluchen ist zu hören. Brav trotten die Tapferen vom Eis zurück in die Kabine. Fast scheint es, als sei dieses vorzeitige Ende eine Erlösung. Was soll man nach der 32. Niederlage noch sagen? Es ist doch längst alles gesagt, gesendet, geschrieben.

Captain Simon Moser gibt Auskunft. Besonnen, ruhig, ohne Schuldzuweisungen. Mit dem Vermerk, Ambri habe den Erfolg verdient. Auch Tristan Scherwey sagt sein Sprüchlein so wie es sich gehört und mit dem Zusatz, er stehe hinter dem Trainer. Auch Raeto Raffainer, der begabteste SCB-Sonntags- und Krisenredner lässt sich nicht auf die Äste hinaus. Er redet nach dem Spiel viel, in Kameras, Mikrofone und Notizblöcke und sagt nichts. Aus seinen Erläuterungen lässt sich eigentlich nur eine Erkenntnis destillieren: «Wir müssen die Lage analysieren.»

Eine Saisonanalyse so ganz ohne Zeitdruck

Natürlich beeilen sich auch die gnädigen Herren ganz oben, der Präsident und der Manager und Mitbesitzer Marc Lüthi dann auch am Tag nach dem sportlichen Untergang nicht mit einer etwas tiefergründigen Lagebeurteilung.

Auf alle Anfragen bezüglich Zukunft von Johan Lundskog und Strategie lässt Medienchef Christian Dick offiziell mitteilen: «Unser Präsident Beat Brechbühl und CEO Marc Lüthi werden zu Fragen Stellung beziehen, sobald die interne Analyse gemacht worden ist. Das wird sicher nächste Woche, könnte aber auch übernächste Woche werden.» Vielleicht wird es auch überübernächste Woche. «Nume nid gsprängt.»

Dumm nur: Eishockey ist das schnellste Mannschaftsspiel der Welt. Das Tempo ist auf und neben dem Eis recht hoch. Unter dem neuen Motto «Nume nid gsprängt» hat der SC Bern seit dem Titel von 2019 nacheinander die Ränge 9, 9 und 11 erreicht. Nie in der Geschichte ist ein Meister so schnell so tief gefallen.

Eine Dauerkrise voller Dramatik und Unterhaltung, reich an Episoden und Anekdoten, perfekt geeignet als Vorlage für den nächsten Berner Dialektfilm. Wie wäre es mit einer berndeutschen Fassung des Klassikers «…denn Sie wissen nicht was sie tun»? („Sy wüsse nümme, was sy söuä machä“) In der Hauptrolle (als James Dean): Büne Huber. Ein grosser SCB-Fan.