Sie war erst 23. Studierte Chinesisch und Medizintechnik. Doktorierte an der renommierten Stanford University in Ingenieurswissenschaften. Spielte daneben Geige. Galt als künstlerisch begabt. Und sie gehörte im Radsport zur Weltelite: Drei Mal Weltmeisterin in der Verfolgung mit der Mannschaft auf der Bahn mit dem amerikanischen Team. Dazu Olympia-Silber 2016 in Rio de Janeiro. Die Welt lag Kelly Catlin zu Füssen. Bis sie über ihr zusammenbrach.

Am letzten Donnerstag nahm sie sich das Leben, wie der amerikanische Verband mitteilt. «Unsere Gedanken und Gebete sind bei der Catlin-Familie. Dies ist eine unglaublich schwierige Zeit und wir möchten deren Privatsphäre respektieren.» Ein Mitbewohner habe sie tot in ihrem Zimmer auf dem Campus der Stanford University aufgefunden, berichten britische Medien. Noch vor zwei Wochen schrieb sie im Fachmagazin «Velonews.com» über die Belastungen.

Das Statement des US-Verbands zum Tod von Kelly Catlin

Nicht bestandene Prüfung

Es wirkt prophetisch. So schreibt Catlin über ein Weltcup-Rennen in London, in dem sie mit ihrem Team den zweiten Rang erreicht hatte. Als sie vom Podium gekommen sei, habe ihr Nationaltrainer Gary Sutton die Hand auf die Schulter gelegt, «er war bleich und sah aus, als würde er mir gleich sagen, meine Eltern seien gestorben», schreibt Catlin. Sie habe eine Prüfung nicht bestanden. «Das war der Moment, in dem ich innerlich ein bisschen starb.»

Sie versuche, drei Leben gleichzeitig zu leben - als Studentin, als Bahnfahrerin und als Strassenfahrerin. Wie ihr das gelinge, fragte sie rhetorisch. «Gar nicht. Ich bringe es nicht auf die Reihe. Es ist, als würde ich mit Messern jonglieren. Ich lasse viele davon fallen. Es ist nur so, dass die meisten den Boden treffen und nicht mich.» Die Dinge würden schief laufen, egal, wie diszipliniert und organisiert sie sei. Das Leben sei nun mal nicht planbar, schreibt Catlin. 

Mit dem US-Bahnradvierer wurde Kelly Catlin drei Mal in Folge Weltmeisterin.

Mit dem US-Bahnradvierer wurde Kelly Catlin drei Mal in Folge Weltmeisterin.

«Gönnt euch Pausen»

Sie bediene sich eines Klischees. «Die grösste Stärke, die du je entwickeln kannst, ist die Fähigkeit, deine eigenen Schwächen zu erkennen und zu lernen, nach Hilfe zu fragen, wenn du sie benötigst. Das ist eine Lektion, die ich gerade erst beginne zu lernen, langsam und schmerzhaft. Und ich versage dabei immer noch. Also merkt euch eines: Gönnt euch Pausen. Im Gegensatz zu allem anderen im Leben kann dir das nicht schaden.» 

Zwei Wochen später war Kelly Catlin tot. Mit 23 Jahren.