Russi ist 70: «Als Star habe ich mich nie gesehen»

Bernhard Russi wird heute 70 Jahre alt. Geburtstagspartys veranstaltet der Andermatter prinzipiell nicht. Die Idee eines neuen Buches über ihn gefiel ihm auch nicht. Das Interview mit der Ski-Legende.

Interview: Claudio Zanini
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Naturverbunden: der Urner Bernhard Russi vor 7 Jahren. (Bild: Boris Bürgisser (Andermatt, 5. Juli 2010)).
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«Die goldenen Tage»: Der Schweizer Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi (Nr. 4) und der Schweizer Olympiazweite Roland Collombin (Nr. 11) auf den Schultern der Fans an den Olympischen Winterspielen in Sapporo 1972. 10 Medaillen brachte die Schweiz damals heim und lag damit hinter der Sowjetunion (16) und der DDR (14) auf dem sensationellen dritten Platz (Bild: Keystone)
Die Ski-Legende Russi bei der Vernissage für sein Buch. 1978 verliess er den Skizirkus. Doch sein gesellschaftlicher Aufstieg begann erst dann so richtig. Russi wurde zum nationalen Kulturgut, das kein Verfalldatum kennt. (Bild: KEYSTONE/Walter Bieri)
So kannte ihn die Nation: Russi in jüngeren Jahren. (Bild: PD)
Eröffnung des Sessellifts Schneehüenerstock. Russi (links) zusammen mit Samih Sawiris. (Bild: PD)
Traditionsbewusst: Einzug der Andermatter Woldmanndli Schutzwald am Gurschen in das Dorf Andermatt. Im Bild: Bernhard Russi. (Bild Pius Amrein (Andermatt, 21. Oktober 2017)).

Naturverbunden: der Urner Bernhard Russi vor 7 Jahren. (Bild: Boris Bürgisser (Andermatt, 5. Juli 2010)).

Bernhard Russi, tun Sie sich schwer mit dem Älterwerden, oder lässt Sie diese Zahl kalt?

Das zweite. Geburtstage finden bei mir meist nebenbei statt, ich veranstalte auch nicht grosse Partys. Mein Umfeld kümmert sich mehr darum als ich. Ich denke, das Älterwerden ist gewissermassen ein Dauerzustand, also kaum etwas Spezielles.

Sie fahren immer noch viel Velo, Sie klettern, machen Bergtouren, Wintersport sowieso. Gibt Ihnen der Körper keine Grenzen vor?

Doch, natürlich. Mein Leben lang hat mir mein Körper Grenzen gesetzt, schon als ich 20 Jahre alt war. Und ich hatte soeben eine Rückenoperation. Ich weiss zwar nicht, ob dem Rückenproblem eine Veranlagung zu Grunde liegt oder ob ich zu viel belastet habe.

Kommen Sie bei Ihren Aktivitäten noch ins Wettkampf-Fieber?

Oh ja, meine Startnummer konnte ich nie ganz ablegen (lacht). Das kriegt auch hie und da meine Familie zu spüren. Wenn ich einen Berg besteige, laufe ich manchmal schneller, als mir wohl ist. Oder wenn ich mit dem Velo einen Pass fahre, dann in einem Gang, der gerade noch knapp geht. Der Mensch will grundsätzlich Grenzen ertasten. Da ich ein körpergesteuerter Mensch bin, versuche ich das im Sport.

Wie viele Stunden pro Woche treiben Sie Sport?

Das kann ich nicht beziffern, da ich nicht nach einem Plan verfahre. Ich gehe nicht jeden Tag eine halbe Stunde joggen. Aber nach zwei bis drei Tagen ohne Bewegung verspüre ich ein gewisses Unbehagen.

Geniessen Sie einen Legendenstatus, oder ist das nervig?

Zuerst einmal: Ein Bekanntheitsgrad ist kein Qualitätsmerkmal, der ist allein das Ergebnis einer Aktivität, die man ausübt. Nach meiner Karriere blieb ich bekannt, weil ich die Gelegenheit hatte, weiterhin in der Öffentlichkeit zu arbeiten. Etwa in meiner Funktion als Fernsehkommentator oder als «Blick»-Kolumnist oder durch meine Partnerschaften mit Firmen wie Subaru oder Visilab. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Das ist in meinem Fall eher angenehm als unangenehm.

Gibt es Momente im Alltag, in denen Sie sich durch Ihren Namen einen Vorteil verschaffen?

An konkrete Situationen mag ich mich nicht erinnern. Aber wenn ich etwas Bestimmtes brauche, kommt es schon vor, dass ich am Telefon bewusst meinen Namen sage. Probleme hat dies aber noch nie gelöst (lacht).

Interessant ist, dass Skifahrer wie Pirmin Zurbriggen, Peter Müller oder Franz Heinzer mehr Weltcup-Rennen gewonnen haben als Sie. Dennoch sind Sie der grössere Star. Warum eigentlich?

Ich erlebe das nicht so. Als Star habe ich mich jedenfalls nie gesehen.

Über Ihren Olympiasieg von 1972 in Sapporo wissen aber auch Leute Bescheid, die damals noch gar nicht auf der Welt waren. Wie erklären Sie sich das?

Sehen Sie, in den 1970er-Jahren gab es einen wirtschaftlichen Aufschwung, es herrschte eine Aufbruchstimmung. Die Winterspiele in Sapporo waren speziell wegen der Zeitverschiebung. Plötzlich schaute man in der Schweiz Skirennen morgens um 4 Uhr. Das war eine neue Ära, diese Geschichten wurden dann der nächsten Generation weitererzählt. Hinzu kam, dass wir in Sapporo als gesamte Mannschaft brillierten. Ich war sicher zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Das neue Buch über Sie trägt den Namen «Der ewige Olympiasieger». Erfährt man bei der Lektüre Neues?

Nein. Ich war anfänglich nicht begeistert, als ich hörte, dass es ein Buch geben soll. Aber ich musste irgendwann einsehen, dass ich es nicht verhindern kann. Letztlich ist es eine schöne Arbeit des Journalisten Thomas Renggli. Mein Beitrag ist gering. Ich habe es am Ende durchgelesen und einige wenige Korrekturen angebracht. Neu sind vor allem die Aussagen einiger Wegbegleiter.

Im vergangenen Jahr widmete Ihnen SRF einen Dok-Film, in dem Sie überraschend viel Privates preisgaben. Beispielsweise, dass Ihre jüngere Schwester schwerstbehindert ist. Gibt es einen Grund, warum Sie das plötzlich mit der Öffentlichkeit teilten?

Ich wurde ganz einfach zum ersten Mal nach meiner Schwester gefragt. Ich kam letztlich zum Schluss, dass ich sie nicht verstecken wollte, denn die handicapierten Menschen gehören genauso in unsere Gesellschaft. Doch ich wollte nicht nur über sie reden, sondern konsequenterweise auch zeigen, wie sie in ihrem Heim lebt.

Als Pistenbauer waren Sie unter anderem für die Olympia-Abfahrten in Pyeongchang verantwortlich. Viel Wald musste gerodet werden. Ist das für einen naturverbundenen Menschen wie Sie kein Widerspruch?

Das ist eine Frage, die ich mir bei solchen Projekten auch stellen muss. Über sensible und schützenswerte Zonen informiere ich mich natürlich genau. Die Bilanz im Beispiel von Südkorea stimmt, denn dort wurden nicht nur Bäume gefällt, sondern auch 240 000 Bäume angepflanzt. Wir Schweizer denken natürlich sofort an eine Katastrophe, wenn wir hören, dass Bäume wegmüssen. Aber das ist Wald, der wächst, der darf genutzt werden.

Sie haben eingangs gesagt, Sie veranstalten keine Geburtstagspartys. Sind Sie mehr Asket als Genussmensch?

Ich kann schon auch geniessen. Beispielsweise ein gutes Essen oder einen sehr guten Wein. Oder nach einer Bergtour gönne ich mir auch mal ein Bier, vielleicht auch zwei. Geniessen kann ich aber auch einfach ein Gipfelerlebnis.

Gibt es etwas, das Sie sich zum Geburtstag wünschen?

Da gibt es nur eines, Gesundheit. Für meine Familie und für mich. In dieser Reihenfolge.