Radsport
Als das Wirtschaftsministerium eine Sportart erfand

Keine Disziplin dieser Olympischen Spiele hat eine kuriosere Entstehungsgeschichte als der Bahnradsport Keirin.

Felix Lill
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Wer sein Geld gern für Sportwetten ausgibt, wird in Japan nur schwer auf seine Kosten kommen. Im olympischen Gastgeberland gibt es keine Wettlokale wie in London, Hongkong oder Berlin. Glücksspiel ist in Japan verboten. Auch deshalb sah man im Vorfeld der Olympischen Spiele zwar ständig Meinungsumfragen dazu, ob die Spiele stattfinden sollten – aber keine Wettquoten darauf, ob sie wohl stattfinden werden.

Die Athleten folgen nach Rennbeginn zunächst einem Motorrad.

Die Athleten folgen nach Rennbeginn zunächst einem Motorrad.

Jeremy Lempin / EPA

Doch wie überall gibt es Ausnahmen. Hier fällt diese Rolle einem Sport zu, der ohne so einen Sonderstatus nie entstanden, geschweige denn olympische Disziplin geworden wäre: Es ist der Bahnradsport Keirin. Bei dieser Variante, in der heute und am Sonntag je eine Goldmedaille für Frauen und Männer vergeben wird, verfolgen die Athleten zuerst ein in konstanter Geschwindigkeit beschleunigendes Motorrad. Währenddessen drängeln sich die Radfahrer um die Poleposition – für jenen Moment, wenn das Motorrad ausscheidet und die Athleten in drei Runden gen Ziel rasen.

Keirin sollte Geld für den Wiederaufbau bringen

Vom Sprint auf der Bahn unterscheidet sich Keirin dadurch, dass Körpereinsatz, solange die Hände am Lenker bleiben, erlaubt ist. Hier gewinnt daher nicht der oder die Schnellste, sondern die Person mit der cleversten Taktik und dem erfolgreichsten Suchen der Lücke im richtigen Moment. Ein anderer Unterschied – auch zu Sportarten ohne Fahrrad – ist die Entstehungsgeschichte. Der japanische Keirinverband ist de facto eine Unterbehörde des japanischen Wirtschaftsministeriums. Und bei diesem Sport ging es von Anfang an ganz offiziell ums Monetäre. «Keirin wurde erfunden, um durch Sportwetten Geld für den japanischen Wiederaufbau einzuspielen», erklärte Hideki Shibahashi, Angestellter des Keirinverbands einmal in einem Interview. «Das Land brauchte dringend Schulen und Krankenhäuser. Man wusste damals schon, dass viele Menschen gerne ihr Geld verwetten. Und wenn das schon bekannt ist, warum es nicht nutzen?»

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan völlig zerstört, die US-Luftangriffe und die zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki hatten fast keine Infrastruktur stehengelassen. Bis zum Krieg waren Pferderennen ein beliebter Zeitvertreib gewesen, nur waren die edlen Rosse des Sports entweder tot oder passten nicht mehr zur Armut der Kriegsüberlebenden. Fahrräder wurden dagegen von den Menschen genutzt, die sich kein Auto leisten konnten, also den allermeisten. So dachten sich die Beamten einen neuen Wettsport aus, mit dem sich die Leute identifizieren könnten.

Im Jahr 1948 bewarb das Wirtschaftsministerium das erste Rennen in der südwestjapanischen Stadt Kokura. Der Eintrittspreis von 100 Yen (heute in etwa 80 Rappen) war damals gewagt. Die Menschen kamen trotzdem. Drei Jahre nach dem Kriegsende gierte man nach Vergnügen und Unterhaltung. Und Keirin, dieser von Politikern entworfene Sport, der dem Volk das Geld aus der Tasche ziehen sollte, lieferte. Weil der «Kampfsprint», wie man Keirin heute oft nennt, packend und unvorhersehbar war, wurde er bald zu einer der populärsten Sportarten in Japan.

Es gibt kaum Nachwuchs

Und damit zu einem guten Geschäft für die Regierung. Nach dem ersten Rennevent wurden über vier Tage 20 Millionen Yen eingespielt, 1,2 Millionen davon erhielt die Stadt Kokura, um neue Strassen zu bauen. Andere Städte kopierten das Konzept, binnen fünf Jahren baute man in Japan 63 Rennbahnen. Über die Nachkriegsjahrzehnte etablierten sich Bootsrennen, Motorradrennen und Pferderennen als weitere Ausnahmen des Wettverbots. Nichts aber reichte an Keirin heran.

Für die Erfinder dieses Sports sind das erfreuliche Entwicklungen – wenn Keirin in seinem Heimatland nur nicht mit akutem Nachwuchsmangel und schwindendem Interesse zu kämpfen hätte. Wer heute am Wochenende eine Radbahn in Japan besucht, wird auch ohne Pandemie nur leere Stadien sehen. Könnte es für den Sport auch in seinem Ursprungsland wieder bergauf gehen? Wahrscheinlich würden japanische Siege helfen. Die hat es bei einer Weltmeisterschaft und bei Olympischen Spielen noch nie gegeben.

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