Die Idee entsteht an Heiligabend. Céline Jacot-Descombes liegt auf ihrem Sofa. Gerade hat sie eine etwas schwierige Zeit in ihrem Leben hinter sich. Catherine, ihre frühere Gastschwester aus Brasilien, ist zu Besuch. Sie erzählt, dass sie Anfang März den Engadin Skimarathon laufen will. Und sagt: «Das wäre doch auch etwas für dich!»

Céline Jacot-Descombes überlegt. Noch nie im Leben stand sie auf Langlauf-Ski. Und nun, 76 Tage später, soll sie den Engadiner laufen? Sie antwortet: «Ja, warum eigentlich nicht!» Innerhalb von fünf Minuten ist die verrückte Idee beschlossene Sache. Die 28-Jährige aus dem Kanton Zürich sagt: «Ich wusste: Irgendeine Veränderung brauche ich in meinem Leben, ich wollte etwas wagen.»

Umso besser, wenn sich das Vorhaben mit der Natur vereinbaren lässt. Und, als wäre es Schicksal, erhält Jacot-Descombes zu Weihnachten ein unerwartetes Geschenk ihrer besten Freundin: eine Langlaufhose. «Sie wusste nicht, was ich gerade beschlossen hatte, und eigentlich wollte sie mir die Hose einfach mal geben und fragen, ob ich sie brauchen könne. Für mich war das ein Zeichen, jetzt wusste ich, dass ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen muss.»

Erste Erfahrung: 1 Meter Neuschnee

Als sie ihrem Umfeld von der Idee erzählt, hört sie immer wieder diesen einen Satz: Wow, das ist ja ziemlich mutig! «Aber was ist schon Mut? Mutige Entscheidungen trifft, wer sein Leben von einem Tag auf den anderen komplett verändert. Verglichen damit ist so eine Idee ein Klacks.»

Ein Freund, der selbst seit einiger Zeit gerne auf Loipen unterwegs ist, erfährt von der Idee. Und bietet sich Jacot-Descombes als Langlauf-Lehrer für das erste Mal auf den Ski an. Am 5. Januar in Klosters ist es so weit. Wobei man das Wetter an diesem Samstag nicht gerade als traumhaft bezeichnen sollte. Ein Meter Neuschnee fällt vom Himmel. «Vielleicht war das gar nicht so schlecht. So war es fast nicht möglich, zu stürzen», erinnert sie sich.

Ihr Langlauf-Lehrer ist nach den ersten Erfahrungen überzeugt: Das kommt gut mit dem Engadiner. Fast 16 Kilometer absolvieren die beiden, im klassischen Stil. «Dieses Erlebnis hat mir definitiv Zuversicht gegeben.»

Sechs weitere Tage verbringt Céline Jacot-Descombes auf verschiedenen Loipen. Mit jedem weiteren Trainingskilometer fühlt sie sich besser. «Es ist am Anfang schier unfassbar, wie schnell man Fortschritte macht.» Gab es Rückschläge zwischendurch? «Eigentlich nicht. Nur etwas nervt mich: Ich weiss immer noch nicht so wirklich, was ich genau mit den Stöcken tun sollte.»

Die plötzliche Erkenntnis

Vor zwei Wochen steigt die eigentliche Hauptprobe. Zusammen mit ihrer Gastschwester Catherine läuft Jacot-Descombes in St. Moritz die Halbmarathon-Strecke. Dafür hat sie sich Anfang Jahr angemeldet – im Wissen, dass man sich spontan immer noch ummelden könnte für die ganze Strecke.

An diesem Wochenende im Februar wird Jacot-Descombes klar: Der Halbmarathon wird gelingen. Sie möchte sich der Herausforderung der ganzen Strecke stellen.
Und jetzt, wenige Tage vor dem Ernstfall – steigt die Nervosität? Die Soziologin sitzt am Mittwoch nach Feierabend in einer Bar in Zürich.

Sie nimmt einen kräftigen Schluck Weisswein, lacht und sagt: «Nervös? Nein! Ich wüsste nicht, warum. Am Ende ist alles ein grosser Spass. Es geht darum, dabei zu sein, die Erfahrung zu geniessen. Und natürlich wäre ich ein bisschen stolz auf mich, wenn ich es schaffe.» Kein konkretes Ziel also? «Doch, doch, das schon: Ich möchte einfach nicht Letzte werden.»

Eine Leidenschaft für immer?

Heute Samstagmorgen reist Céline Jacot-Descombes ins Engadin. Ihre frühere Gastschwester Catherine beherbergt sie und einige weitere Freunde. Wie für alle der 14 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – die von den Organisatoren gesetzte Limite wurde am 29. Januar erreicht – wird der Sonntag ein unvergessliches Erlebnis.

Egal, ob Jacot-Descombes die Herausforderung der 42 Kilometer schafft, das Langlaufen hat ihr sowieso bereits einiges gegeben. «Ich fühle mich seither viel lebendiger, habe mehr Energie. Kurz: Das Leben ist unbeschwerter.» Und vielleicht hat sie ja gar eine neue Leidenschaft gefunden, die sie für länger als nur eine Heiligabend-Idee begleitet.