Im Januar hatte Aksel Lund Svindal Angst. Während seiner Fahrt am Lauberhorn in Wengen zog plötzlich eine Nebelbank auf die Piste. Der Norweger fuhr mit vollem Tempo hinein. Es wurde ein Blindflug. Er wusste zwar, dass es an dieser Stelle geradeaus geht, hoffte aber, dass er bei der nächsten Kurve wieder etwas sehen würde. Der Kopf aber schrie Halt! Das ist zu gefährlich! Doch Svindal ignorierte die Angst.

Das Risiko lohnte sich. Svindal gewann die Lauberhornabfahrt zum ersten Mal. In der folgenden Woche siegte er im Super-G in Kitzbühel. Am Samstag sollte endlich der erste Sieg in der Abfahrt auf der Streif folgen. «Ich war bereit, Risiken einzugehen. Bereit, zu gewinnen.»
Svindal befand sich in Topform. Aber das Wetter war schlecht an diesem Tag. Die Hausbergkante passierte er trotzdem mit vollem Tempo. Wo er landete, sah er nicht. «Es ist, als ob man aus dem zweiten Stock eines Hauses springt, und nicht weiss, wann man unten ankommt.»

Svindal wird nach seinem Crash in Kitzbühel von den Sanitätern von der Unfallstelle wegbegleitet.

Svindal wird nach seinem Crash in Kitzbühel von den Sanitätern von der Unfallstelle wegbegleitet.

Dieses Mal lohnte sich das Risiko nicht. Der Norweger stürzte schwer. Das Resultat: Totalschaden im rechten Knie und Saisonaus.

Der nervöse Cuche

Wie nahe sogar sein Karrierenende war, erzählte Svindal erst viel später. Neben einem Kreuzband- und Meniskusriss wurde auch ein schwerer Knorpelschaden festgestellt. «Mein Arzt konnte mir keine Garantie geben, dass ich jemals wieder professionell Ski fahren kann», sagt er. «Und um ehrlich zu sein, bis vor drei Wochen im Training in Nordamerika hat es auch überhaupt nicht funktioniert.»

Am Freitag startet Svindal in Val d’Isère im Super-G und gibt sein Comeback. Trotzdem bleibt die Frage: Wie viel Risikobereitschaft darf von einem Athleten erwartet werden? Oder anders gesagt: Wann muss der Internationale Skiverband FIS eingreifen und seine Sportler schützen?

Es sind schwierige Fragen. Auch für Svindal, der kurz vor seinem Comeback einen spannenden Einblick in die Psyche eines Abfahrers erlaubt. «Jede Fahrt ist ein Risiko. Das wissen wir alle», sagt er. «Wenn du bereit bist, diese Risiken einzugehen, kommt es hoffentlich gut und man bleibt unverletzt. Aber man kann dann nicht überrascht sein, wenn etwas passiert.»

Was genau mit einem Rennfahrer vor dem Start passiert, erklärt Svindal am Beispiel von Didier Cuche. «Niemand war in Kitzbühel besser als er. Aber vor dem Start war er extrem nervös. Er hat gewusst, welch hohes Risiko er eingehen muss, um zu gewinnen. Viele sind nicht so nervös, weil sie wissen, sie werden weniger riskieren. Aber sie gewinnen dann halt auch nicht.»

Svindal über Cuche: «Niemand war in Kitzbühel besser als er»

Svindal über Cuche: «Niemand war in Kitzbühel besser als er»

Ohne Risiko also kein Sieg. Aber zu welchem Preis? «Der Grat zwischen Nervosität und Angst ist oft sehr schmal», sagt Svindal. «Risiko lohnt sich nur, wenn man weiss, dass man gewinnen kann. Für einen zehnten Rang setze ich nicht meine Gesundheit aufs Spiel. Dafür gehe ich niemals ans Limit.»

Margen für schlechtes Wetter

Limit. Das Wort fällt im Gespräch mit Svindal häufig. Wo ist dieses Limit und sehen es die Athleten selbst? Zurück zum Rennen in Kitzbühel. War es von den Verantwortlichen der FIS fahrlässig, das Rennen bei den Bedingungen nicht abzubrechen? Svindal sagt: «Natürlich ist jeder Athlet für sich selbst verantwortlich. Aber wenn wir Athleten der FIS nicht vertrauen können, dann können wir aufhören.» Hätte also früher abgebrochen werden müssen? «Es liegt nicht an mir, das zu beantworten. Aber genau nach 30 Fahrern wurde abgebrochen. Die FIS wusste wohl selbst, dass es am Limit war, oder vielleicht sogar etwas darüber.»

Nach 30 Fahrern kann ein Rennen gewertet werden. Der Schluss liegt nahe, dass die FIS unbedingt eine Wertung wollte. FIS-Renndirektor Markus Waldner sagt: «Wir waren am Limit, aber nicht darüber. Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Fahrer. Manchmal lassen die Bedingungen einen Sieg nicht mehr zu. Das gleicht sich in einer Saison aber aus. Der Abbruch nach 30 Fahrern erfolgte, weil da noch viele unerfahrene Athleten oben waren, von denen man diese Selbstverantwortung nicht erwarten kann.»

Svindal mag spektakuläre Rennen und er versteht, wenn die Pisten mehr Action bieten sollen. «Die Abfahrt in Beaver Creek in der vergangenen Saison war vielleicht das perfekte Rennen. Es hatte alles: Tempo, Wellen, Kurven, Sprünge. Es war spektakel pur. Aber wir hatten perfekte Bedingungen. Wenn es dann schon am Limit ist, braucht es nicht viel und es ist darüber.» Svindal fordert daher gewisse Margen bei der Kurssetzung und Pistenplanung. Waldner sagt zur Idee der Schlechtwetter-Planung: «Diese Margen haben wir. Aber eine Piste verändert sich durch äussere Einflüsse sehr schnell.»

Und eines ist klar: Sobald er sich fit fühlt, wird auch Svindal wieder Risiken eingehen.