«Es gibt diese Momente, in denen man am liebsten alles hinschmeissen würde, aber man tut es nicht und bleibt dran. Das macht stark.»

Nick Alpiger ist in beneidenswerter Form. Sieger am Innerschweizer Fest. Als Gast, als Aargauer. Zwar respektiert, aber eben doch von ausserhalb. «Dieser Sieg ist für mich der bedeutendste im Schwingen neben den Highlights Eidgenössisches, Kilchberg und Unspunnen», sagt Alpiger. Für ihn war es ein Triumph im Epizentrum des Schwingens. Für die «Luzerner Zeitung» nur «ein Betriebsunfall».

Nur ein Unfall? Der Seismograph sagt längst etwas anderes. Alpiger ist auf Augenhöhe. Die Schwingungen, die im aargauischen Staufen ihren Ursprung haben, sind längst in der Innerschweiz zu spüren. Deutlich. Eine Woche nach dem Sieg in Flüelen belegt Alpiger auf der Rigi Rang zwei.

Er irrt sich

Aber wie? Alpiger selbst sprach nach dem Sieg am Innerschweizer Fest mit Tränen in den Augen von etwas, das eigentlich nicht gehe. Nur irrt er sich da. Weil in ihm eben mehr Schwinger steckt als in manchem, der aus den Hochburgen dieses Sports kommt. Weil er das Schwingen mehr liebt als viele. Und mehr dafür tut.

Harte Schale, weicher Kern: Nick Alpiger lässt Emotionen freien Lauf

Harte Schale, weicher Kern: Nick Alpiger lässt seinen Emotionen freien Lauf

  

2013 ist der damals 16-Jährige für das Eidgenössische Schwingfest in Burgdorf erster Ersatzschwinger auf der Meldeliste des Nordwestschweizer Teilverbands. Er verpasst das Highlight ebenso wie ein Jahr später den Kilchberg Schwinget. Auch dafür ist er erster Ersatz. Es waren diese Momente, in denen es einfach gewesen wäre, aufzugeben. Aber Alpiger tat es nicht.

Wie eine «Spaghetti» im Sägemehl

Der Aargauer war nicht automatisch oben. Nie. Bei ihm ist vieles Arbeit und Fleiss. Als Jungschwinger war er eine «Spaghetti» im Sägemehl. So beschreibt er sich selbst, wenn er an die Zeit denkt, in der viele Gleichaltrige den Pubertätssprung bereits gemacht hatten und er seinen Gegnern körperlich massiv unterlegen war.

Alpiger musste anders sein, um zu bestehen. Er wurde vielseitig. Und trotzdem kam er «unter die Räder». Sehr oft, wie er selbst sagt. Lustig war das nicht. Aber: «Wenn man weiss, warum man es macht, wenn man weiss, welche Ziele man hat und man dranbleibt, obwohl es schwierig ist und andere Verlockungen da sind, kann man richtig gut werden.» Alpiger wusste, warum er es macht. Er wollte einer der Besten werden. Heute ist er es – und tut weiterhin mehr als die Meisten.

Den Verlockungen zu widerstehen, falle ihm immer leichter. Früher, während der Lehre als Maurer, hiess es oft: «Nick, komm schon: Nur ein Bier!» Oder zwei. Alpiger aber ging direkt weiter ins Training. Im Schwingklub Lenzburg traf er auf Gleichgesinnte. Das machte es einfacher. «Heute lebe ich fast in meiner eigenen Welt», sagt der 22-Jährige. Um ihn herum sind Menschen, die den Weg mitgehen. Die Lehre hat er längst abgeschlossen. Als Maurer arbeitet er noch immer. Mit einem 80-Prozent-Pensum. Daneben trainiert er vier bis fünfmal in der Woche, dazu kommt während der Saison fast an jedem Wochenende ein Fest.

Erholung beim Fischen

Ein typischer Tag? Um fünf Uhr steht Alpiger auf. Manchmal auch um 5.15 Uhr – dann, wenn er sich etwas gönnt. Nach der Arbeit geht es direkt ins Training. Um 22 Uhr ist Schluss. Um 23 Uhr geht er ins Bett. Alpiger liebt Routinen. Ausser am Freitag. Es ist sein Tag, dann arbeitet und trainiert er nicht. «Alleine der Gedanke, dass ich ausschlafen könnte, gibt mir Erholung.» Wach ist er trotzdem meist spätestens um 7 Uhr. Dann geht er Fischen.

Es ist seine Leidenschaft. Die einzige neben dem Schwingen. «Ich könnte den ganzen Tag fischen, eine ganze Woche, ja vielleicht sogar einen Monat am Stück», sagt er.

Probleme bereiten ihm die Winter. Die meisten Schwingklubs schliessen den Trainingsbetrieb. Alpiger aber kann und will nicht pausieren. Er weicht aus zu den Ringern. «In vergangenen Winter habe ich mehr gerungen als je.» Ihn beeindruckt die Spritzigkeit der Ringer. «Da bin ich im Vergleich ein ‹Lauch›.» Aber er versucht mit gezielten Trainings, auch diesem Manko entgegenzuwirken. «Kraft habe ich durch meinen Job und die Schwingtrainings genug», sagt er. Das Problem: Die Körpermasse kann Träge machen. Darum stehen auch Schnellkraft- und Ausdauerübungen auf seinem Programm.

Bis zu sieben Mahlzeiten

Doch woher nimmt er die Energie, warum braucht er kaum Pausen? «Für mich stimmt es. Ich könnte nicht Profi sein.» Weil er sich dann fremdbestimmt fühlen würde von den Geldgebern. Darum verzichtet er bis heute auf Sponsoren. «Ich möchte gerne schwingen, ich möchte schwingen, weil ich es freiwillig mache und nicht, um andere Leute zufriedenzustellen.»

Grundsätzlich wehrt sich Alpiger nicht gegen die Entwicklungen im Schwingsport. «Es ist durchaus möglich, dass irgendwann ein Angebot kommt, das zu mir passt.» Vorerst aber will er seine Kräfte ganz für das Training und die Wettkämpfe einsetzen.

Und wer so viel tut, wie er, braucht Reserven. Auf bis zu sieben Mahlzeiten kommt er, um seinen Bedarf zu decken: Frühstück, Znüni, Zmittag. Ein Abendessen (Alpiger: «eine Dreiviertel-Portion») vor dem Training und eines danach («noch einmal eine Dreiviertel-Portion.») Dazu kommen ein Protein-Shake zum Zvieri und einer am Abend.

Nur eines beleibt ungesättigt: Alpigers Lust auf den Schwingsport. Am Eidgenössischen in Zug will er für ein nächstes Beben sorgen.

Ein Abendessen mit David Schmid: