Fussball 1. Liga
Nach den Meistertiteln mit dem RSC Anderlecht und Al Ahly Kairo will er dem FC Solothurn helfen

Während seiner zwei Jahrzehnte als Profitrainer arbeitete Thomas Binggeli vorwiegend als Assistent. Jetzt übernimmt er beim FC Solothurn das Kommando. Der 57-Jährige kommt mit viel Selbstvertrauen zu den in der Vorrunde kriselnden Solothurnern.

Raphael Wermelinger
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Thomas Binggeli spielte zwölf Jahre für den FC Solothurn und kehrt jetzt als Trainer zurück.

Thomas Binggeli spielte zwölf Jahre für den FC Solothurn und kehrt jetzt als Trainer zurück.

Chris Iseli

Zwei Weggefährten prägen seine zwanzigjährige Trainerkarriere. «Hanspeter Latour hat mir das nötige Rüstzeug vermittelt. Wir haben bis heute ein sehr enges Verhältnis», nennt Thomas Binggeli den ersten. Als Assistent hilft er Latour in den frühen 2000er-Jahren, den FC Thun zu einem Super-League-Verein zu formen und schnuppert in Köln Bundesliga-Luft.

Der andere wichtige Begleiter ist René Weiler, mit dem er 2013 den FC Aarau in die Super League führt. Vier Jahre später wird das Duo mit dem RSC Anderlecht Belgischer Meister; mit Al Ahly Kairo gewinnen die beiden 2020 den Titel in Ägypten. Binggeli über seine Zeit als Weilers Assistenztrainer: «Die Zusammenarbeit war sehr professionell. Wenn man so lange zusammenarbeitet, funktioniert es nur, wenn die Chemie stimmt.»

Von 2001 bis 2009 war Thomas Binggeli die rechte Hand von Hanspeter Latour.

Von 2001 bis 2009 war Thomas Binggeli die rechte Hand von Hanspeter Latour.

Robert Grogg

Als Cheftrainer hat er etwas weniger Erfahrung: Spielertrainer beim FC Klus/Balsthal als erste Gehversuche am Anfang seiner Karriere und später drei Jahre bei U21-Teams. Beim FC Solothurn trägt er seit langer Zeit wieder die volle Verantwortung. «Nach der Anfrage von Sportchef Hans-Peter Zaugg war für mich emotionell schnell klar, dass ich das machen will und dass ich jetzt bereit bin, wenn der Klub meine Hilfe braucht», kommentiert er sein Engagement beim FC Solothurn.

Ein wichtiger Grund für den Entscheid ist seine persönliche Vergangenheit beim FCS. Der 57-Jährige denkt gerne an seine Aktivzeit als Spieler zurück. Von 1985 bis 1997 erlebte er mit Solothurn – unter Trainer Hanspeter Latour – zwei Aufstiege in die NLB. Als zentraler Mittelfeldspieler, den «ein unbändiger Wille, ein grosses Laufvermögen und ein gutes Spielverständnis» auszeichneten, wie er selbst einschätzt. «Es war eine schöne und durchaus erfolgreiche Zeit. Die Erinnerungen blieben über die Jahre immer im Hinterkopf präsent», sagt er.

Er erlebte «den Wahnsinn der Bundesliga» beim 1. FC Köln.

Er erlebte «den Wahnsinn der Bundesliga» beim 1. FC Köln.

Riccardo Turla

Er schaltete den Kopf aus und folgte seinem Herzen

Binggeli wächst in Walliswil bei Wangen an der Aare auf. Nach der Lehre als Maschinenmechaniker macht er ein Selbststudium und arbeitet 15 Jahre lang in der Informatikbranche. Mit 37 nimmt er die Anfrage von Hanspeter Latour an und setzt voll auf die Karte Fussball. «Ich schaltete den Kopf aus und folgte meinem Herzen», schildert er den wegweisenden Schritt.

Das Duo Latour/Binggeli ist beim FC Thun sofort erfolgreich. Gleich in der ersten Saison führt es die Berner Oberländer in die NLA. «Sein Konzept fruchtete auf Anhieb», sagt Binggeli über Mentor Latour. «Der Aufstieg an sich war ein Highlight, aber es ging danach auch erfolgreich weiter. Als Underdog erreichten wir gleich die Finalrunde und qualifizierten uns in der Folge sogar für internationale Wettbewerbe.»

Thomas Binggeli 2005 bei den Grasshoppers.

Thomas Binggeli 2005 bei den Grasshoppers.

Riccardo Turla

In der Rückrunde 2004/05 heuern Latour und Binggeli bei GC an. «Wir übernahmen das Team als Tabellenachter, Ende Saison waren wir auf Platz drei», bilanziert Binggeli stolz. Nach einem kurzen Intermezzo in Köln, wo sie 2006 «den ganzen Wahnsinn der Bundesliga kennenlernten» kehren die beiden auf die Saison 07/08 zu den Grasshoppers zurück.

Als Latour seine Karriere 2009 beendet, muss sich Binggeli neu orientieren: «Ich wollte unbedingt die Uefa-Pro-Lizenz machen.» Die Voraussetzung sind drei Jahre als Cheftrainer. So übernimmt er für ein Jahr die GC-U21, ehe es ihn 2010 zum FC Aarau zieht – als Trainer beim Team Aargau U21 und Assistent bei den Profis.

2011 beim FC Aarau.

2011 beim FC Aarau.

Alexander Wagner

Beim FC Aarau kreuzt sich sein Weg mit René Weiler, der ihn 2016 nach Anderlecht lotst. Dort habe sich für ihn ein neuer Horizont geöffnet: «Fussball hat einen extrem hohen Stellenwert – es kommt nicht von Ungefähr, dass Belgien in der Weltrangliste die Nummer 1 ist.» Weiler und Binggeli machen aus Anderlecht wieder die Nummer 1 Belgiens. Beim Titelgewinn in der ersten Saison hätten sie auch das nötige Glück gehabt, sagt Binggeli: «Wir haben an den richtigen Schrauben gedreht und waren deshalb sofort erfolgreich.»

Kurzfristiges Ziel: nichts mit dem Abstieg zu tun haben

Nach einem Abstecher zum FC Luzern wartet in Ägypten das nächste Abenteuer «auf einem anderen Kontinent mit einer anderen Kultur» auf sie. «Al Ahly Kairo hat 90 Millionen Fans. Da standen wir als Trainer von Anfang an in der Öffentlichkeit. Der Erfolgsdruck war enorm», erzählt Binggeli. Dem sind die Schweizer gewachsen; im ersten Jahr heimsen sie ihren nächsten Meistertitel ein. «In verschiedenen Ländern Meister zu werden, gibt Selbstvertrauen. Und es beweist, dass man nicht alles falsch gemacht hat», sagt Binggeli, der keinen Entscheid und keine Sekunde seiner Karriere bereut.

2015 beim FC Aarau.

2015 beim FC Aarau.

Dean Fuss

Nach dem RSC Anderlecht und Al Ahly Kairo wartet nun also der FC Solothurn. Mit dem hat er sich in den vergangenen Tagen intensiv auseinandergesetzt und sich oft mit Sportchef «Bidu» Zaugg und Assistenztrainer Rolf Leibundgut unterhalten. Zu allfälligen Verstärkungen will er sich noch nicht äussern: «Das wäre nicht seriös, wenn ich jetzt schon das Kader abschliessend beurteilen würde.» Für ihn sei essenziell, dass die Spieler die gleichen Werte vertreten und miteinander ein klares Ziel verfolgen.

Das kurzfristige Ziel müsse lauten, in der Rückrunde rasch aus der ungemütlichen Tabellenlage herauszukommen. «Wir wollen mit dem Abstieg nichts zu tun haben», erklärt Thomas Binggeli. «Weiter vorausschauen sollte man nicht. Der Fussball ist komplex und von vielen Faktoren abhängig. Die Wunschvorstellung wäre aber, dass der FC Solothurn wieder einmal in die Nähe der Position kommt, in der er früher war.»

Thomas Binggeli 2019 beim FC Luzern mit Chef René Weiler und Assistenztrainer Manuel Kloekler (Luzern).

Thomas Binggeli 2019 beim FC Luzern mit Chef René Weiler und Assistenztrainer Manuel Kloekler (Luzern).

Martin Meienberger/Freshfocus

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