Erfolg
Gold und Silber an der WM: Lilly Graber ist der neue Stern am Aargauer Orientierungslauf-Himmel

Die angehende Landschaftsarchitektin kehrt mit zwei Medaillen von der Junioren-WM in der Türkei zurück.

Fabio Baranzini
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Lilly Graber in Aktion an der Junioren-WM in der Türkei.

Lilly Graber in Aktion an der Junioren-WM in der Türkei.

Bild: Jacqueline Keller-Werder

Der Alltag hat Lilly Graber bereits wieder fest im Griff. Als wir sie telefonisch erreichen, ist es bereits kurz vor 19 Uhr. Vorher ging es nicht, da die 19-jährige Bibersteinerin bereits wieder zur Arbeit ging. Aktuell absolviert sie ein Praktikum in einer Baumschule als Vorbereitung auf ihr Studium als Landschaftsarchitektin.

Viel Zeit, um die turbulente letzte Woche zu verarbeiten, blieb Lilly Graber also nicht. Und das obwohl letzte Woche so einiges geschah. Die Nachwuchsathletin durfte nämlich zum ersten Mal in ihrer noch jungen Karriere an den Junioren-Weltmeisterschaften teilnehmen, die in der Türkei über die Bühne gingen. «Ich bin am Samstagnachmittag wieder in der Schweiz angekommen. Die Zeit zur Verarbeitung war also nur begrenzt, aber das Leben geht weiter», meint sie lachend.

Zum WM-Auftakt direkt ein Albtraum

Nach zwei Jahren ohne internationale Wettkämpfe wusste Lilly Graber vor der WM nicht genau, wo sie steht. Entsprechend formulierte sie ihre Ziele vorsichtig. «Ein Platz in den Top 10 wäre mega cool. Damit wäre ich mehr als zufrieden gewesen. Eine Medaille war mehr ein Traum als ein realistisches Ziel», sagt sie.

Der Auftakt in den bisher grössten Wettkampf ihrer Karriere gelang Lilly Graber nicht wie gewünscht. Im Sprint klassierte sie sich nach einem fehlerhaften Lauf auf dem 76. Rang. «Das war ein ziemlicher Albtraum. Schon auf dem Weg zum ersten Posten hab ich mich verlaufen. Ich war wohl zu nervös und machte zu viele Fehler. Viel schlimmer hätte der Start nicht sein können.»

Mittlerweile kann Graber über ihren verpatzten WM-Start lachen. Auch weil sie vor Ort schnell wieder wusste: Über die Mittel- und Langdistanz hat sie bessere Chancen. Das Selbstvertrauen war zurück: «Im Mitteldistanz-Final blieb ich ruhig und nahm mir immer genügend Zeit für meine Entscheidungen. Dass es dann aber gleich so gut gelaufen ist, kam überraschend. Ich konnte es fast nicht glauben, dass ich tatsächlich die Silbermedaille gewonnen habe», fasst Lilly Graber ihr Rennen zusammen.

Doch es blieb nicht bei der Silbermedaille. Beflügelt vom tollen Resultat über die Mitteldistanz setzte sie in der Langdistanz – der Königsdisziplin im OL-Sport – zum Höhenflug an. Mit einer fast fehlerfreien Leistung liess Lilly Graber die gesamte Konkurrenz hinter sich und holte den Weltmeistertitel in den Aargau. «Ich hätte nie erwartet, dass es für den Titel reichen könnte. Auch jetzt habe ich es noch immer nicht realisiert, was ich da geschafft habe. Das ist natürlich absolut genial», freut sich Graber.

Im zweiten Anlauf vom OL-Fieber gepackt

Zum OL-Sport hat Lilly Graber, die für die OLG Suhr läuft, durch ihre ältere Schwester Sophie gefunden. Diese war es, die zuerst vom OL-Fieber gepackt wurde und im Aargauer Regionalkader lief. Lilly Graber konnte sich anfänglich noch nicht für den Sport begeistern. «Erst als mir meine Schwester von den Trainingslagern im Ausland und den vielen coolen Erlebnissen erzählte, versuchte ich es ein paar Jahre nach dem ersten Schnuppertraining erneut. Ich besuchte ein paar Trainings und begann kurz darauf, erste Wettkämpfe zu laufen», erinnert sie sich.

2016 wurde dann auch Lilly Graber für den Regionalkader selektioniert. Ein grosser Schritt. «Ich habe mir sehr gut überlegt, ob ich in den Regionalkader wechsle oder nicht. Denn eines war klar: Wenn ich diesen Wechsel mache, dann werde ich deutlich mehr trainieren», erzählt Graber, die heute zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche trainiert. Der Wechsel hat sich gelohnt. Lilly Graber steigerte sich kontinuierlich, durfte die Schweiz 2018 und 2019 an den Junioren Europameisterschaften vertreten und hat jetzt bei den Weltmeisterschaften gross aufgetrumpft.

Und nun? Folgt jetzt die grosse Karriere bei der Elite? «Schön wäre das schon», sagt Lilly Gaber. «Im Weltcup mitzulaufen, ist sicherlich ein Traum von mir. Ich setzte mich deswegen aber nicht zu sehr unter Druck. Das Entscheidende ist, dass ich Spass habe am Training und am OL-Sport. Natürlich muss ich auch schauen, wie sich mein Training mit dem Studium verbinden lässt. Aber die beiden WM-Medaillen haben mir schon aufgezeigt, was alles möglich ist.»

Es ist also durchaus denkbar, dass die angehende Landschaftsarchitektur-Studentin Lilly Graber in absehbarer Zukunft auch auf höchster Ebene, also im Orientierungslauf-Weltcup, an den Start gehen und für Furore sorgen wird.

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