Behindertensport
Die «liegende» Gewinnerin

Nadine Mürset aus Biberstein ist amtierende Schweizer Meisterinim Handbike der Juniorinnen.

Kathrin Aerni
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Nadine Mürset. Willimann

Nadine Mürset. Willimann

Nottwil, Mitte November: Der Nebel hängt tief über dem Luzerner Hinterland. Trotzdem trainiert Nadine Mürset. Die Behindertensportlerin liegt fast waagrecht in ihrem Handbike und treibt es unermüdlich mit ihren kräftigen Armen an. Das ultraleichte, dreirädrige Gefährt liegt knapp über dem Boden und könnte auf den ersten Blick auch mit einem Liegevelo verwechselt werden. Doch der Unterschied ist frappant: Weil die 18-Jährige seit Geburt querschnittgelähmt ist – sie kam mit einem «offenen Rücken» (Spina bifida) auf die Welt –, kurbelt sie mit den Armen.

Neben dem Ausdauertraining zu Hause und einer Krafttrainingseinheit im Hirslandentraining in Aarau trainiert die ehrgeizige Leistungssportlerin dreimal pro Woche im Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil unter idealen Bedingungen. Nottwil verfügt über die nötige Infrastruktur, vor allem eine spezielle Leichtathletikbahn für Rennrollstühle und Handbikes.

Szenenwechsel: Im Keller des Schweizer Paraplegiker-Zentrums schwitzt eine Gruppe von Rollstuhlsportlern beim Training auf der Rolle. Das eineinhalbstündige Training geht offensichtlich an die Substanz der Spitzensportler. Kein Wunder: Es enthält nebst technischen Finessen auch Koordinationsübungen und Variation der Schlagfrequenz.

Die erste Hürde auf dem steinigen Weg hat die Bibersteinerin mit Bravour genommen: die Autoprüfung. Mürset ist sehr froh darüber, denn nun kann sie selber ins Training fahren und entlastet so ihre Mutter. Auch beruflich läuft es gut. «Ich habe eine KV-Lehrstelle in der Aarauer Stadtverwaltung gefunden», sagt Mürset. Seit August kurvt der Teenager durch die Gänge des Aarauer Rathauses. Ihr Arbeitgeber, Vizestadtschreiber Stefan Berner: «Es ist eine Herausforderung nicht wegen ihrer Behinderung, sondern ihrer Sportlichkeit.»

Nadine habe bereits mit 8 Jahren mit Leichtathletik begonnen, erzählt ihre Mutter Béatrice Mürset. Insbesondere die kürzeren Distanzen wie 100, 200 und 400 Meter liegen ihr. «Ich bin mit 12 Jahren zum Handbike gestossen, und es hat mir auf Anhieb Spass gemacht», erklärt das junge Talent. Obwohl ihr die Umstellung vom Rennrollstuhl zum Handbike anfänglich etwas Angst gemacht habe.

Die 18-jährige amtierende Schweizer Meisterin im Handbike der Juniorinnen wird nächstes Jahr bei den U23-Kategorien starten und dort vermehrt auf härtere Konkurrenz treffen. Mürset hat aber ein grosses Ziel: Sie möchte einmal an den Paralympics am Start sein. London 2012 ist aber noch nicht realistisch, da die Schweiz nur wenige Quotenplätze haben wird und diese von den «Routiniers» beansprucht werden. Ihr Vorteil: Mit ihren 18 Jahren hat sie den Zenit im Ausdauerbereich noch lange nicht erreicht.