Challenge League
Schwächster Tabellenführer der Geschichte - warum die Statistik trotzdem einen FCA-Aufstieg voraussagt

Nach neun Jahren ist der FC Aarau zurück auf dem Leaderthron - was heisst das für den weiteren Saisonverlauf? Der Blick in die Vergangenheit weckt Hoffnungen auf den grossen Coup.

Sebastian Wendel
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Kevin Spadanuda ist der Toptorjäger des FC Aarau: Er hat mit 11 Treffern genauso viele erzielt wie der SC Kriens gesamthaft in dieser Saison.

Kevin Spadanuda ist der Toptorjäger des FC Aarau: Er hat mit 11 Treffern genauso viele erzielt wie der SC Kriens gesamthaft in dieser Saison.

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Ist es nicht so, dass Statistiken ein Abbild der Vergangenheit sind und darum als Hilfsmittel für Zukunftsprognosen wenig taugen? Dennoch sind sie seit jeher bei allen Akteuren, von Spielern über Fans bis zu den Medien, eine beliebte Spielerei. Und auf Statistiken wird eben doch verwiesen, wenn in sportlichen Themen die Zukunft vorausgesagt wird. Zum Beispiel: Noch nie hat eine Mannschaft in der Super League einen Zehn-Punkte-Vorsprung nach 21 Spieltagen aus den Händen gegeben – darum zweifelt kaum mehr jemand am Meistertitel des FC Zürich, sogar die Konkurrenten aus Bern und Basel rechnen sich nur noch theoretische Chancen aus.

FC Aarau in Kriens: Der Corona-Kreis schliesst sich

Am 23. Februar 2020 fand letztmals ein Spiel des FC Aarau ohne Corona-Einschränkungen statt – fast auf den Tag genau zwei Jahre später ist die Normalität zurück in den Fussballstadien. Gegner damals wie heute: Der SC Kriens. Doch während die Aarauer vor zwei Jahren in der hinteren Tabellenregion dümpelten, weit hinter den Innerschweizern, sind die Vorzeichen heuer anders: Aarau reist als Tabellenführer nach Kriens – für das abgeschlagene Schlusslicht (6 Punkte) indes geht es nur noch darum, sich mit Anstand aus der Liga zu verabschieden. Ein Fakt symbolisiert die Stärkeverhältnisse eindrücklich: FCA-Toptorjäger Kevin Spadanuda hat mit 11 Treffern genauso viele erzielt wie der SC Kriens gesamthaft in dieser Saison. Anpfiff im Stadion Kleinfeld ist um 18 Uhr (im AZ-Liveticker).

Eine Liga tiefer ist der FC Aarau seit dem 2:0 am vergangenen Wochenende gegen Thun neuer Tabellenführer der Challenge League. Das erste Mal seit 3178 Tagen, knapp neun Jahre nach dem Aufstieg im Juni 2013. Was heisst das gemäss Statistiken für die verbleibenden 15 Spieltage?

Der Blick in die Vergangenheit bringt Interessantes zutage: Der FC Aarau hat 38 Punkte auf dem Konto – und ist somit in der Geschichte der Challenge League punktemässig der schwächste Tabellenführer nach 21 Spieltagen. Bisher verbuchte jeder Leader zu diesem Zeitpunkt 41 Punkte oder mehr. Rekordhalter ist der FC St. Gallen mit 56 Zählern nach dem 21. Spieltag in der Spielzeit 2008/09.

War die damalige Mannschaft der Ostschweizer tatsächlich fast 20 Punkte besser als die heutige des FC Aarau? Nein, das wäre eine zu plumpe Analyse – vielmehr gilt: Das Niveau in der zweithöchsten Liga ist seither markant gestiegen. Und damit auch die Ausgeglichenheit der Teilnehmer. St. Gallen war damals finanziell und sportlich in höheren Sphären als die Konkurrenz unterwegs – so wie in den vergangenen Jahren immer wieder Klubs in der Challenge League: FC Zürich, GC, Servette oder Lausanne.

In der laufenden Saison indes begegnen sich Aarau, Winterthur, Vaduz, Thun, Xamax und Stade Lausanne-Ouchy finanziell auf Augenhöhe – entsprechend ausgeglichen ist die Liga, die Topmannschaften werden mehr gefordert als in der Vergangenheit.

Nach 17 von 21 möglichen Punkten aus den vergangenen sieben Spielen haben die Aarauer Grund zum Jubeln.

Nach 17 von 21 möglichen Punkten aus den vergangenen sieben Spielen haben die Aarauer Grund zum Jubeln.

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Viel eher ein Indiz für die tatsächliche Stärke des FC Aarau als der Vergleich mit früheren Tabellenführern ist der Blick auf den Formstand: Seit sieben Spielen ist die Mannschaft von Trainer Stephan Keller ungeschlagen und hat in dieser Zeitspanne 17 von möglichen 21 Punkten geholt – sieben mehr als der erste Verfolger Winterthur.

In den kommenden zwei Partien beim abgeschlagenen Tabellenschlusslicht Kriens und zuhause gegen Wil tritt der FC Aarau gegen die zwei vermeintlich einfachsten Gegner der Liga als haushoher Favorit an und hat die grosse Chance, sich im ausgeglichensten Aufstiegsrennen der letzten Jahre ein kleines Polster gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen.

Nur der FC Wohlen hat den Aufstieg verspielt - aus triftigen Gründen

Spricht die Anzahl gewonnener Punkte also eher gegen einen Durchmarsch der Aarauer, tut eine andere Statistik das Gegenteil: In den vergangenen zehn Spielzeiten stand der Tabellenführer nach 21 Spieltagen jeweils auch am Ende ganz oben – mit Ausnahme des FC Wohlen.

Die Freiämter waren das Überraschungsteam der Saison 2014/15 und hätten den Aufstieg geschafft, hätte die Liga dem Klub nicht die Lizenz für die Super League verweigert – wegen dieser Hiobsbotschaft verloren die Spieler die Motivation, Wohlen fiel noch auf Rang 3 zurück.

Insgesamt gaben seit 2003 (Gründung Challenge League) nur fünf Teams, die nach 21 Runden auf Rang 1 standen, die Tabellenführung bis zum Saisonende aus der Hand. Heisst: Mit Blick auf die vergangenen zehn Jahre steigt der FC Aarau zu 100 Prozent auf – verglichen mit der Gesamthistorie zu 73 Prozent.

Fazit: Die Statistiken sind nette Spielereien – darauf verlassen sollten sich Spieler und Trainer des FC Aarau indes nicht, sondern einfach so weitermachen wie bisher. Dann kommt es gut.