Aargauer Fussballsaison 2022/23
Die Reize des Provinzkicks: Der Amateurfussball steht vor einer blühenden Zukunft

Vermehrt entdecken Fans den Fussball die unteren Ligen für sich. Während der Profibereich immer mehr zur Entfremdung führt, bietet der lokale Dorfklub Wertschätzung, Nähe und Identifikation. Das hat Zukunft.

Nik Dömer
Nik Dömer
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Windisch-Torhüter Shqiptar Hamdiu jubelt mit der kleinen Fankurve.

Windisch-Torhüter Shqiptar Hamdiu jubelt mit der kleinen Fankurve.

Claudio Thoma

Als ich im vergangenen April zu Gast bei der Partie zwischen dem FC Windisch und dem FC Sarmenstorf war, fielen mir ein paar Jungs auf. 90 Minuten lang sorgten sie mit Trommel und Gesängen unermüdlich für die Musik auf dem Sportplatz Dägerli.

Initiator dieser Truppe ist der 15-jährige Darian. Er spielt selber bei den Junioren des FC Windisch. Und wenn er nicht selber kickt, dann unterstützt er die erste Mannschaft seines Dorf­vereins. Gemeinsam hat er mit seinen Freunden in der letztjährigen Hinrunde einen kleinen Fanklub gegründet.

Das Spannende an der Geschichte: Darian ist eigentlich auch Fan des FC Luzern. Dort hat er die Faszination einer Kurve für sich entdeckt. Spielt der Superligist jedoch am gleichen Tag wie der FC Windisch, so entscheidet er sich für den Amateurfussball. «Wenn ich beim FC Luzern nicht hingehe, gibt’s dort immer noch eine Kurve, das ist in Windisch nicht der Fall», lautet seine Begründung.

Darian feuert gemeinsam mit seinen Freunden den FC Windisch an.

Darian feuert gemeinsam mit seinen Freunden den FC Windisch an.

Claudio Thoma

Darian ist Windischer und Darian unterstützt die Windischer, Identifikation pur. Diese Nähe, wenn er gemeinsam mit seinen Freunden einen Sieg bejubelt und sich danach das Fanionteam mit einer Welle und einem Handshake oder gar einem Trikot für den Support persönlich bedankt, kann ihm der FC Luzern nicht bieten.

Der Profifussball führt zur Entfremdung

Der Reiz des Provinzkicks hat in der letzten Saison aber nicht nur Darian erfasst. Im Gegenteil, der Aargauer Amateurfussball zieht immer mehr Fans an. 2700 Zu­schauer beim Cupfinal ­zwischen dem FC Sarmenstorf und dem FC Mellingen im vergangenen Mai bestätigen diesen Trend. Auch die Aufsteiger aus Windisch, Muri oder Baden sorgten für Be­geisterung und verzeichneten stark ­zunehmendes Interesse.

Der Regionalfussball ist die Antithese zum Gigantismus von gewissen Grossverbänden, sagt Hannes Hurter, Geschäfts­führer des Aargauer Fussballverbands. Und liefert damit sogleich auch eine Erklärung dafür, warum sich immer mehr Leute von ihren einst geliebten Profivereinen abwenden und den Amateurfussball für sich entdecken.

Die Sarmenstorfer «Muffkurve» verzeichnete innerhalb der letzten Saison starken Zuwachs.

Die Sarmenstorfer «Muffkurve» verzeichnete innerhalb der letzten Saison starken Zuwachs.

Claudio Thoma

Das stetige Streben nach Umsatzsteigerung im Profifussball führt bei vielen Fans zu einer Entfremdung. Identifikation ist schwierig, wenn «Vereinstreue» bei den Spielern zum Fremdwort wird und ganze Klubs an Investoren verkauft werden.

Natürlich profitiert auch der Amateurfussball von den spektakulären Hochglanz­bildern des Profigeschäfts. Vor einem Jahr parierte Yann Sommer einen Penalty von Superstar Kylian Mbappé und versetzte damit ein ganzes Land in einen kompletten Ausnahmezustand. Nachweislich hat diese EM-Kampagne für einen Fussball-Hype und damit auch für einen Anstieg an Neumitgliedern bei den Vereinen gesorgt.

Doch wer weiss, ob solche magischen Nächte auch noch Emotionen auslösen können, sollte die WM im Zweijahresrhythmus irgendwann mal kommen. Die Zunahme sowie die Umstrukturierungen der Wettbewerbe sorgen auch für eine zunehmende ­Emotionslosigkeit der Fans.

Fussballromantik beim Dorfverein: Windischer Fans bejubeln ihre Spieler.

Fussballromantik beim Dorfverein: Windischer Fans bejubeln ihre Spieler.

Roland Schmid / AZ

Auf den Plätzen der Dorf­vereine werden diese Fans mit offenen Armen empfangen. Ganz nach dem Motto: willkommen zurück bei den ­Wurzeln! Willkommen beim Provinzkick! Hier wird noch ohne VAR-Bedenken gejubelt und die Feste werden gemeinsam mit den Spielern gefeiert. Im besten Fall funktioniert auch noch die Anzeigetafel und es gibt ein paar kühle Getränke sowie eine Bratwurst zu kaufen. Hier sind es die kleinen Dinge im Leben, die glücklich machen. Einfache Fussballromantik eben.

«Die Wertschätzung von den Spielern motiviert uns»

Ich bin mir sicher, der Amateurfussball steht vor einer blühenden Zukunft. Nun muss es ihm aber auch gelingen, gestrandete Fussballfans mit zunehmender Sichtbarkeit abzuholen.

Zurück zu Darian. Seit fast einem halben Jahr habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich entschliesse mich während des Schreibens dieser Zeilen dazu, ihm mal wieder eine Whatsapp-Nachricht zu schrei­ben, um nach dem Stand der Dinge zu fragen. Könnte ja sein, dass es sich beim Fan­klub der Jugendlichen nur um eine kurze Phase in ihrem Leben gehandelt hat.

Darian möchte künftig öfters für Choreos in Windisch sorgen.

Darian möchte künftig öfters für Choreos in Windisch sorgen.

Roland Schmid / AZ

Darian antwortet innert Sekunden: «Natürlich werden wir wieder Vollgas geben, die Wertschätzung von den Spielern und vom Verein motiviert uns, weiterzu­machen. Nun wollen wir sogar einen eigenen Verein gründen, damit wir künftig die Choreos finanzieren können.» Die Begeisterung wächst weiter.

Mehr Romantik aus dem Amateurfussball gibt es auf unserem Instagram-Kanal «Provinzkick».